Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Die vierzehnte Ausstellung von Werken alter Meister in London

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cms drei getrennten Diorcnnen. An der Statne einer
Quellymphe voriiber, welche der einem etwas steifen
Klassizismus huldigende Bildhauer Herter modellirt
hat, führt der Weg durch einen dunkeln Gang in cine
Alpenhütte, welche nach drei Seiten die Aussicht auf
die Gemalde cröffnet. Dcm Eintretenden gegenüber
liegt hoch oben Wildbad Gastein, geteilt durch den
Wasserfall dcr Ache, welcher brausend in breitem weißen
Gischt herabstürzt. Helles Sonnenlicht erfüllt das Thal
nnd vergoldct das zerstäubendc Wasser, welches einen
silbernen Dnnst über die Felsen spinnt. Zu seiner
Linken erhält der Beschauer einen Blick in das von
hohen Gletschern überragte Kötschachthal und rechts in
das nnch dem Dorfe Böckstein sührende Thal der Ache,
an dcren rechtem Ufer die Fahrstraße entlang geht, auf
tvclcher man die Eguipage des Kaisers Wilhelm dahin-
rvllcn sieht. Wie bei den neucn Panoramen üblich,
vcrmitteln plastische Gegcnstände den Übergang zur
gemaltcn Fläche. Baumstämme, Hütten, Sandwegc,
Brücken nnd Tannengehölz sind so kunstvoll und in so
gcschickt berechneten Abständen von einander vor der
Leinwand gruppirt, daß die Jllusion eine möglichst
vollkvmmene ist. Aber auch ohne diese Hilfsmittel
würde die Wirkung eine grvßartige sein, da sich Hertel
als Meister der Perspektive nnd nls Maler, trotz der
wcsentlich dekorativen Aufgabe, so fcinfühlig crwiesen
hat, daß die zartesten Übergänge und Tonveränderungen
infolge atmvsphärischen Einflusses, die zartesten Licht-
und Schattcneffekte zum ungeschmälertcn Ausdrucke
gekommen sind, während ein encrgischcr Stimmungs-
charaktcr, in jedem Bilde verschiedenartig, jeder Kom-
position einen festen Halt nnd eine nialerische Ge-
schlosienheit giebt.*)

Adolf Rosenberg.

Die vierzehnte Ausstcllung von Werken alter
Meister in London.

(Schluß.)

Perugino's berühmtes Bild der Pietü in der
Galcrie Pitti in Florenz lvird uns in eincr vortreff-
lichen und vffcnbar gleichzeitigen Kopie vorgeführt im
Besitz dcs Barvnct Sir Tattvn Sykcs (Nr. 188).
Die Knnstrcferentcn der Tagesblätter glaubtcn gutcn
Grund zu haben, das Bild sür echt zu nehmcn: denn es
war srüher in dcr Qrleans-Galerie und wenn es auch
Vasari nicht erwähnt, so beschreiben es dvch die ge-
seierten Herausgeber Basari's i» einer Note (Vol. II,

*) Die Bilder sind in guten Zinkdrucken von Ludwig
Pietsch in einer kleinen im Verlage von Rud. Schuster in
Berlin erschienenen Broschüre publizirt worden. Dsrselbe
Verlag hat auch große Photogravüren nach den drei Bildern
ausgegeben.

S. 575, Ausg. Sansoni, 1879): llisßro rixotb
guosta oornxosirious sto. Die an der Architektur
angebrachten Wappen des französischen Herzvgs Claude
Gouffier de Rohan (f 1570) und seiner Geniahlin,
aus dem Geschlecht Tremouille, geben sich in ihrer ge-
schmacklosen Augenfälligkeit als spätere Zusätze zn er-
kennen. Die lebensgroße Porträtbüste eines Geistlichen
(Nr. 187), geliehcn vvn Charles Butter, Esg., ist dem
Pontormo zngeschrieben, aber, wie es scheint, vielmehr
das Werk eines anderen Schülers des Andrea del
Sarto, nämlich des Puligo. Eine etwas spätere Ge-
schmacksrichtung der Porträtmalerei bekundet das im-
posante, sorgfältig ausgeführte lebensgroße Halbfiguren-
bild einer, laut Jnschrift, 22jährigen Dame, ein echtes
Werk Bronzino's mit dem Datum 1553 (Nr. 189),
im Besitze des Obersten Sterling. Zu den besieren
Rcpliken unter den zahlreichen Porträts der Caterina
Cornaro von Tizian gehört das lenchtende Bild Nr. 191,
G. F. Wilbrahani, Esg. gehörend. Jn der Kvmpv-
sition weicht es von dem berühmten Original in Florenz
ab, zeigt dagegen nur geringe Abweichungen von deni
Original in Dorchester House. Die Behandlung der
Blnnien im Haar, wenn original, wie es scheint, deutet
auf einen nordischcn Schüler Tizians (Hans v. Calcar?).
Den Reigen der Jtaliener schließt ein Bild, über dessen
Betrachtung nian wohl leicht alles andere vergesien
möchte, was sonst in ciner Reihe Vvn Jahren von den
Wändcn von Burlington House dem Auge entgegcn-
strahlte. Nur ein Meister allerersten Ranges kann im
stande sein, mit einem so einfachen Gegenstande, wie dieses
Doppelporträt einer älteren und einer jüngeren männ-
lichcn Büste, die Seele des Beschauers wieder und
imnier wieder wie mit cincm Zauber bannen. Die
Dargestellten sind unbckanntc, wic es schcint, ehrbare
vcnezianischc Patrizier, nnd ich bin froh, daß cincni
hier die Kunstgelchrten dcn Kunstgenuß nicht durch
ihre knltur- nnd munizipalgcschichtlichen Exknrse vcr-
lcidcn können. Der jüngere rechts mit hellblvndem
Bart hätt eine rvte Kappe in der Linken nnd führt
das rote Franziskanerkreuz der Jerusalempilger auf
dem wciten grauen Mantcl. Dcr ältere, graubärtige
links in tiefrotem, goldgesticktem Gewand mit eineni
Hermelinmaiitel, tvelchen der rechte Arm zusammenhält,
trägt eine niedrige schwarze Kappe. Sie sind sich beide
^ im Profil zugckehrt. Dieses merkwürdige Bild war
in den Sammlungen des Kardinal Fesch, Aguado, Pvur-
lalvs; dann bcsaß es Paul Delaroche, und jetzt ist es
Eigentum der irischen Nativnalgalerie in Dublin. Jn
der Kunstlitteratur ist cs unerwähnt geblieben, wie,
beiläufig bemerkt, die meistcn hier bisher aufgezählten
Kunstwcrke. Traditionell gilt es als gemeinsanie Arbeit
von Giovanni Bellini und Giorgione. Jndes unter
Sachverständigen kann von Bellini hier nicht die Rede
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