Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Ausstellung alt-orientalischer Stoffe iiu Üsterreichischeu Museum.

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eine sür diese Zeit recht anständige Summe. Er scheint
jcmand bei sich als Mieter gehabt zn haben, der noch
reicher war; dcnn darunter steht: Jan van Baer-

lant, Advokat, Ivegen seiner Besitzungen von miitter-
licher Seite 40 Gulden; wohnt bei dem genannten
Frisius.

Dieser muß das Haus erst kurz vorher bezogen
haben, denn in eincm „Cohier vom Herdstätten-Gelde"
vom gleichen Jahre 1627 steht dasselbe Haus als ver-
mietet an Herrn Gouterius, Besitzer Simon Frisius.
Nicht lange sollte dieser mehr darin wvhnen. Jm
„Cohier van den 20(W' Penniug" von 1628, also ein
Jahr später, sehen wir das Haus bewohnt von der
Witwe von Symon Frisius, die 28 4-. 15 s. bezahlen
mußte, was auf ein Vermögen von kaum 6000 Gulden
hinweist. — Jm Jahre 1636 lcbtc die Witwe noch
und kauste sich ein Grab in der Klosterkirche.

Es schcint, daß Frisius im Jahre 1621 eine
längere Neise gemacht hat. Jn den „Dachbvucken"
des Haagschen Magistrats finden wir am 21. Januar
1621 diese Nvtiz:

Anstatt des Symon Frisius, srüheren Kapitäns
unter der blauen Fahne (eine Kvmpagnie ber Schützen),
der gebeten hat, von dieser Pflicht enthoben zu sein,
da er sich auf lange Zeit ins Ausland begeben will,
ist gewählt wvrden zum Kapitän: Albert Claesz Rave-
stepn. (Diescr Ravesteyn gehört nicht znr Familic
des Malcrs.)

Ausstellung alt-orieutalischer Htoffe iui Gster-
reichischen Museuur.

Wien, im Mai 1883.

Jm vergangcnen Wiuter herrschtc iu einigcn
Räumen des Mnseums am Stubenring cine besvuders
lebhafte, wenn auch geheimnisvolle Thätigkeit. Sorg-
sam bewacht und nur wcnigen Eingeweihten sichtbar,
wurden dort textile Schätze von ihrem tausendjährigen
Mvder befreit. Herr Theodor Graf, ein Wiener
Kaufmann und derBesitzer des berühmten Susandschird-
Teppichs aus dem 14. Jahrhundert, des Prachtstückes,
welches von Professor Karabacek vor zwei Jahren
publizirt und das damals auch in der Zeitschr. f. bild.
Kunst eingehend gewürdigt wurde, hatte seine jüngsten
Erwerbnngen an alten Stoffen aus Ägyptcn zum Zweckc
der Sichtung und Ausstellung ins Museum schaffen
lassen und war im Verein mit dem genannten Orien-
talisten nnd Numismatiker bemüht, die Stoffe zu
säubern, aufzuspannen und zu studiren, unbekümmert
um die Wolken von Bakterien, wclche bcim leichtestcn
Luftzug von den moderigen Resten aufwirbelten. Der
Uberraschungcn gab e§ bci dieser Arbeit die Füllc. Erst

kleine Reste, die dnrch Erhaltnng dcr Textur und der
Farbe Staunen erregten, cinstweilen aber hinsichtlich
ihrer Entstehungszeit rätselhast bleiben mußten; dann
Stoffe mit wohlerhaltenem Ornament, welches Ver-
mutungen über ihre Provenienz nnhe legte; cndlich
Gewebe uud Stickereien mit Schriftzeichen nnd Marken,
so daß über die Periode und Nationalität, welcher
dic kvstbaren Reste angehören, in den meisten Fällen
weiter kein Zweifel bleiben konnte. Um das Resultat
der Studien gleich vorwegzunehmen: die Grasschen
Stoffe stammen ans der griechisch-römischen Zeit
Agyptens, jener Zeit nach dci» Untergange des
Pharavnentums, in welchcr sich erst klassischer, dann
islamitischer Einfluß geltend machte und in der Ägypten
nach und nach gänzlich dem Mohammedanismus an-
heim fiel. Ein Leichcnfeld, dessen genauere örtliche
Bestimmung vorsichtshalber nicht bekannt gegeben wird,
ijt der Fundvrt der rcichen Schätzc, die nnn seit mehreren
Wochen wohlgevrdnet im Österreichischen Museum zur
Schau gestellt sind. Am Abende Vvr der Ervffnung
der Ausstellung hielt Professor Karabacek einen Vor-
trag über die neuentdeckten Stoffe und über den gleich-
falls vor kurzem (1877/78) gemachten Papyrus-Fund
Vvn Et Faijüm. Der Vortrag ist im Druck erschieneu
und bietet mir wichtige Angaben für den nachstehenden
Bcricht. Auch der am 1. Mai ausgegebene, gleichfalls
vvn Karabacek verfaßte Katalog enthält so viele be-
deutende Mitteilungcn, daß ich darans, als ergiebige
O.uelle, nur dankbar hinweisen kann.

Die Ansstellung ist sv angeordnet, daß der Blick
zunächst auf die gröbsten und einfachsten Stoffe fällt
nud daß die ansteigenden Numniern zu immer kompli-
zirteren Gewcben führen. Zuletzt finden wir zahlreiche
Proben aus dem Papyrus-Funde ausgebreitet, welche
zu beurteilen dem Philolvgen znkommt, die also hier
nicht besprochen werden.

Unter den grobcn Stoffen mllssen jedermann als-
bald die Nummern 3 und 4 ins Ange fallen. „Canne-
lirtes Hanfgewebe (arabisch: malltv.r)" sagt der Katalog.
Wic grob auch das Gewebe seiu mag, sv interessant ist
dvch seine Technik. Es folgen Stvffe, die mit einfachen
Stickereien verziert erscheinen, bald aber auch Stoff-
reste und Borten, welche in wahrer und echter Gobelins-
technik ausgeführt sind. Es ist klar, daß uns in dem
Borkommen solcher Arbeiten in so frllher Zeit (die
ausgestellten Stoffe werden von Karabacek in die Zeit
vom 3. bis etwa zum 9- Jahrh. versetzt) eine hoch-
interessante Thatsache vorliegt, welche um sv wichtiger
erscheinen muß, als man bis auf die allerletzten Jahre
der Meinung war, die Gobelius- oder Hautelissetechnik

1) Die Theodor Grasschen Funde in Ägypten, von
Prof. Or. Jos. Karabacek. Wien, Verlag des Üsterreichi-
schen Museums. 1883. 8.
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