Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Veiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunst.

s8. Iahrgang.
Beiträge

sind an ssrof. Dr. L. von
Lützorv (Wien, Chere-
sianumgasie 25) oder an
die verlagshandlung in

2s. Ium

Nr. 36.
Inserate

ü 25 j?f. für die drei

s883.

Erscheint von Oktober bis Iuli jede woche am Donnerstag, von Iuli bis ^eptember alle ^ Tage, für die Abonnenten der „Zeitschrift für
bildende Runst" gratis; für sich allein bezogen kostet der Iahrgang 9 Mark sowohl im Buchhandel als auch bei den deutschen

und österreichischen j)ostanstalten.


Mk" Bon Nr. 37 a» rrscheint dic Kuiistchronik iiur allc 14 Tagc. "WE

Die Wandgemälde von Mberzell auf Reichenau.

Der eingehenden Studie. die Prof. Fr. T. Kraus
im Aprilheft der „Deutschen Rundschau" über diese
Wandgemälde veröffentlicht, entnehmen wir unter Hin-
weis auf den Bericht, den die Zeitschrist über dieselben
seinerzeit gebracht hat (Kunstchronik, Jahrg. 16, Nr. 15)
die folgenden Ergänzungen, die sich besonders auf die
nähere Präzisirung der kunstgeschichtlichen Stellung
dieses wichtigsten Denkmals frühromanischer Kunst in
Deutschland beziehen. — Aus der eingehenden Be-
schreibung der acht Wandgemälde des Mittelschiffs und
aus dem genauen Nachweis der Gegenstände ihrer
Darstellungen auf Katakombengemälden, Goldgläsern,
Mosaiken, Sarkophagen, Elfenbeinschnitzwerken und
Miniaturen aus den ersten Jahrhunderten der christ-
lichen Kunstentwickelung ergiebt sich dem Verfasser der
enge Zusammenhang des ganzen Chklus mit der alt-
christlichen Kunst, sowohl was die Gegenstände, als auch
was ihre Behandlung und dieArt der verwendeten Thpen
anbelangt. Die ersteren finden sich fast alle schon in
der ausgehenden römisch-christlichen Kunst des 5. bis
6. Jahrhunderts, nnd ihre cpklische Zusammenfassuug
entspricht dem, was seit jener Zeit als für die Aus-
schmückung der Kirchen üblich durch schriftliche Quellen
überliefert ist, ja was im 9. Jahrhundert Walafried
Strabo, Abt auf Reichenau, selbst eingehend beschreibt.
Die Typen endlich weisen ebenso unverfälscht auf die
Miniaturen und Elfenbeinwerke der karolingischen
Epoche und durch sie auf die Sarkophagdarstellungen
des 4. bis 5. Jahrhunderts hin (so ist z. B. Christns

stets jugendlich, bartlos dargestellt). Sie unterscheiden
sich wesentlich von jenen der späteren romanischen Kunst
seit dem Ende des 11. Jahrhunderts, sind aber auch
ebenso unabhängig von denen der gleichzeitigen byzan-
tinischen Kunstllbung. Einzelne Kongruenzen in den
Gegenständen der Darstellung mit denen der letzteren,
wie sie das Malerbuch vom Berge Athos als kanonisch
aufstcllt, erklären sich durch das Zurückgehen beider
Kunstübungen auf die gemeinsame Wurzel der römisch-
altchristlichen Kunst. „Dagegen weisen die Reichenauer
Wandbilder eine Freiheit und Großartigkeit der Be-
handlung auf, eine dramatischeBewegung der Gestalten,
gepaart mit monumentaler Würde, wie sie selten oder
kauni in byzantinischen Werken getroffen werden. Von
den hageren, regungslosen Gestalten, von den mürri-
schen oder grimmigen Gesichtern griechischer Bilder ist
hier nichts zu finden. Der Stil hat trotz aller
Schwächen in der Behandlung des Nackten, trotz ge-
wisser Härten im Faltenwurf eine edle Selbständigkeit,
bei aller Anlehnung an die Vorbilder. Die Farben-
gebung scheint sehr ins Helle gespielt zu haben, die
Fleischtöne sind gelblich, man vermißt jeden Anklang
an die dumpfen und harzigen Farben der Byzantiner,
an ihre olivenfarbige, unerfreuliche Karnation. Auch die
architektonischen Hintergründe weisen auf Jtalien und
Rom. Daß vonPerspektive und Verkürzungen keineRede
ist, darüber wird niemand, der mit dem Gange kunst-
geschichtlicher Entwickelung vertraut ist, erstaunen." —
So sindet denn durch unsere Wandbilder die zuerst
von Springer ausgesprochene Ansicht eine gewichtige
llnterstütznng, derzufolge eine selbständige stetige Ent-
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