Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Hcmsen-Jubiläum.

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deren Laubgängen aus nnsere Kindcr dereinst auf ihre
schöne, kunsterfüllte Vaterstadt herabblicken mügen!"

Zu' dieser hohen und freien Auffassung seiner
Lebensthätigkeit stimmt auch der stilistische Entwickelungs-
gang, welchen Ferstel als Architekt durchgemacht hat.
Seine Anfänge wurzeltcn in mittelalterlichen An-
schauungen, und die strenge Bauhüttenzucht, zu welcher
der jugendliche Meister der Votivkirche an der Seite
Kranners geführt wurde, ist sicher sür sein ganzes
Leben ein Segen geworden. Dann aber solgte er dem
Znge des Jahrhunderts zn den Höhen der Renaifsance:
von Erwin zu Bramante! Des letzteren Geist erfüllt
die stolze Ordonnanz seines Hofes der neuen Wiener
Universität; nnd den Namen „Bramante" wählte er
als Motto sllr das schöne Projekt, mit welchem er
bei der Konkurrenz für das deutsche Reichstagsgebäude
in Berlin als Preisbewerber sich beteiligte: ein Projekt,
welches bekanntlich der Programmüberschreitung wegen
nicht mit zur Beurteilung kam, aber in den höchsten
und maßgebendsten Kreisen der deutschen Reichshaupt-
stadt sich bewundernder Zustimmung zu erfreuen hatte.

Wie weitverzweigt Ferstels Thätigkeit, wie viel-
seitig sein Einfluß in allen künstlerischen und knnst-
gelehrten Fragen, wie zahlreich der Kreis seincr Freunde
und Verehrer war, ist jedem bekannt, der dem Kunst-
leben Wiens nahe steht; welcher wahrhaften Populari-
tät sich der Künstler erfreute, davon legte die allgemeine
Trauer um seinen frühen Tod und namentlich die
großartige Leichenfeier Zeugnis ab, welche Wien seinem
verewigten Ehrenbürger am 16. d. M. veranstaltete.
Den Gipfelpunkt dieser erhebenden Feier bildete die
Einsegnung der Leiche in der Votivkirche. Wer da mit
unter der tausendkvpsigen Menge war, in welcher kein
Stand, keine Korporation, keine Schicht der Bevölkerung
unvertreten geblieben, wer den in Rosen gebetteten
Sarg emporragen sah zu den lichten, kunsterfüllten
Hallen, in denen alles vom hohen Gewölbe bis zu
den zierlichen Bodenmustern herab den anmutvollen
Geist des dahingeschiedenen Meisters athmet: der mußtc
sich tief bcwegt und zngleich gehoben fühlen in dem
Bewußtsein, daß unsere oft materiell gescholtene Zeit
doch nicht nur Künstler edelster Art hervorzubringen,
zu hegen und würdig zu beschäftigen, daß sie sie anch,
wie keine andere, zu schätzen und zu ehren weiß!

Wien. C. v, Lützow.

lhansen-Iubiläum.

Wie sich im Leben Freud' und Leid verketten, das
haben wir in Wien tief durchzuempfinden gehabt in
diesen Tagen! Dem schmerzlichen Ereignisse, von
welchem die obigen Zeilen Kunde geben, ging eine
Künstlerfeier voraus, wie sie froher und erhebender

nicht gedacht werden kann. Am 13. Juli, einen Tag
vor Ferstels Tode, seierte Theophil Hansen in der
vollen Frische seiner Kraft den 70. Geburtstag. Noch
waren die festlichen Klänge nicht verhallt, als der
Trauerflor sich über alle die weiten Kreise senkte, welche
soeben noch jubclnd beisammen gewesen waren.

Wir sind es gewohnt, im Wicner Festleben Glanz
und Reichtum mit edler nnd empfindungsvoller Schön-
heit gepaart zu sehen. Wie hätte dies anders sein
können bei der Jubelfeier eines Mannes, welcher langc
Jahre hindurch mitgewoben hat an dem modernen
Prachtgewande der Kaiscrstadt, nnd dessen Lauterkeit
und Humanität aus allen Schichten der Bevölkernng
wie aus den Reihen seiner zahlreichen Schüler ihm
Verehrer und treu ergebene Freunde warben! Es
war ein echtes Künstlerfest nnd zugleich eine wahre
Huldigungsfeier der Freundschaft und Pietät, welchc
wir mit unserem ewig jugendlichen Altmeister der
Architektur begingen.

Schon am Nachmittage des 12. Juli wurde dem
Jnbilar im Namen seiner Freunde und Verehrer ein
Ehrengeschenk überreicht, bestehend in dem von K und-
mann modellirten lorbeerumkränzten Bronzereliefbildnis
des Gefeierten und einer in eine kostbare Kasiette einge-
schlossenen Adresie. Nicht minder schön ausgestattete
Widmungen überbrachten Deputationen des Profesioren-
kollegiums der k. k. Akademie der bildenden Künstc
und der Künstlergenossenschaft. Von den bei Hansens
Parlamentsbau beschäftigten Werkmeistern und Arbcitcrn
wurde ihm eine vergoldete Quadriga, eine von Pilz
modellirte verkleinerte Nachbildung der großen Gruppe
dieses Künstlers, dargebracht.

Den Glanzpunkt der Feier am 13. bildeten die
Ovationen, welche von den Schülern des Meisters
veranstaltet waren. Sie fanden in der schön geschmückten
Aula der Akademie statt und bestanden vor allem in der
Enthüllung einer vonHans Auer entworfenen, kunstvoll
gearbeiteten Gedenktafel mit Hansens Reliesporträt,
ebenfalls von Kundmann, nnd einer Jnschrist, welche
ihn als denErbauer derAkademie und langjährigenLehrer
an dieser Kunstanstalt feiert. Begrüßungen seitens der
Profesioren und Schüler der Akademie leiteten den erhe-
benden Akt ein, zu welchem die Vertreter des Unterrichts-
ministerinms nnd zahlreiche Festgäste sich versammelt
hatten. Mit besonderer Freude begrüßte die Versamm-
lung die Kunde, daß Hansen — welchem nach Vollendung
des 70. Jahres eigentlich der gesetzmäßige Ruhestand
hätte gewährt werden müssen — mit Genehmigung des
Ministeriums noch ein weiteres Jahr im Lehramte thätig
bleiben wird. Auch von den Schülern der Akademie
empfing der Jubilar bei dieser Feier eine Prächtig
geschmückte Adresse nebst eincr vvn Tautenhayn
modellirten Denkmünze.
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