Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Der Pariser Salon.

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lehntes Bild von Willette: „Der böse Schächer", auf
welchem ein Weib aus dem Volke dargestellt ist, welches,
auf dem Rücken eines Esels stehend, dcn am Kreuze
Hängendcn auf den Mund küßt! Der Gedanke ist so
grotesk, daß man versucht ist, zn glanben, irgend eine
vcrschollene Legcnde hätte dcm Maler das Motiv gc-
boten. Vollkommen auf gleicher Höhe, zugleich eine
Probe davon, was man sich unter der dritten Republik
erlauben darf, stehen Brunets „Galgen sZibsts) von
Gvlgatha". Der mittclste ist bereits leer. Auf dcm
zur Rechten hängt noch der eine Schächer, während
der andere entseelt auf den Erdboden herabgesunken ist.
Sein fchlaffer Körper wird nur noch von den Stricken
aufrecht erhalten, mit welchen er an den Armen des
Galgens besestigt gewesen ist. Die wahre Jnbrunst
rcligiöser Enlpfindung scheint den französischen Malern
der gegenwärtigen Generation gänzlich verloren ge-
gangen zu scin. Mit wirklichem Ernst ist nur
Ravauts „Heil. Columban", welcher, von Matrosen
auf ein Brett gebunden, unter der Obhut von Engeln
ungefährdet von den Meeresfluten dahingetragen wird,
und Morots „Christus am Krenz" behandelt. Für
die Auffassung des Gottmenschen durch den letzteren
ist aber der Titel des Bildes „Martyrium Jesu von
Nazareth" und das hinzugefügte Citat aus Renans
„Leben Jesu" bezeichnend genug. Wie man sich aber
auch dieser naturalistischen Anffassung gegenüberstellen
möge, man muß immer dic meisterliche Modellirung
des Körpers, den Adel des mit dem Ausdrucke freudig-
sten Opfermutes erfüllten Kopfes und das kraftvolle
Kolorit bewundern.

Jn dem Maße, als die Revanchepoesie unter der
Ägide eines Paul Döroulöde von neuem erwacht ist,
hat auch die Revanchemalerei kühnlich ihr Haupt er-
hoben. Man sollte es nicht für möglich halten, daß
bei einer so spottlustigen und beweglichen Nation wie
den Franzosen heute noch „die trauernde Elsässerin"
einigen Effekt machen kann. Und doch hat man
wiederum der „Elsässerin" von Jean Benner,
welche sich wie ein altes Heiligenbild von goldenem
Hintergrunde abhebt und über deren schwarzer Flügel-
haube man die Devise liest: L. la Urunos tonsours!
die wärmsten Sympathien erwiesen. Die allgemeine
Stimmung der Franzosen oder doch der Pariser reflektirt
sich eben auch in ihrer Wertschätzung von Kunstwerken.
Sie sind blind gegen die Mängel von Bildern nnd
Werken der Plastik, wenn sie nur die Revanche-Jdee
möglichst drastisch zuni Ausdruck bringen oder den Be-
schauer über die unglücklichen Ereignisse von 1870 und
1871 schonend hinwegleiten. Wie die großen Pano-
ramen, welche jetzt zu Dutzenden entstehen, die fran-
zösischen Truppen immer siegreich vorführen, so schnei-
den auch die Schlachtenbilder immer in dem Momente

ab, wo sich die Deutschen zurückziehen. Wenn man
Armand-Dumaresg glauben darf, welcher eine
Episode aus der Schlacht bei Bapaume im Panora-
menstile geschildert hat, so hätte diese Schlacht mit
der vollständigen Niederlage der Preußen geendigt.
Ebenso hat Alphonse Ch igot einen Moment aus den
Kämpfender Loire-Armee dargestellt, in welchem General
Chanzy nach seiner Behauptung die Deutschen ge-
schlagen hätte. Das sind am Ende aber noch unschul-
dige Rodomontaden neben der Rohheit, welche aus
einem Gemälde von Boutigny „I^s xousss-oakö"
spricht, auf dem ein bei Tische sitzender preußischer
Offizier im Hofe einer Ferme gerade, als er die
Kaffeetasse zum Munde fllhren will, von Plötzlich ein-
dringenden Franctireurs erschossen wird. Einige andere
Bilder, wie Bettaniers „Jn Lothringen", wo ein
junger, zum deutschen Militärdienst ausgehobener Fran-
zose eben im Begriff ist, die preußische Uniform an-
zuziehen, während ihn Bater und Mutter vorwurfsvoll
anblicken, Richemonds „Keller während der Belage-
rung von Paris", vor dessen Fenster eine Bombe platzt,
und Viel-Cazals „Schlächterei während der Be-
lagerung", wo man beschäftigt ist, von Pferdekadavern
die Haut abzuziehen — in Naturgröße gemalt! —,
solche und ähnliche Bilder lassen über ihre Tendenz
keinen Zweifel. Und damit noch nicht genug! Man
greift in die Geschichte zurück und tröstet sich vor der
Hand mit Darstellungen früherer Siege. So hat
z. B. Castellani auf einer riesigen Leinwand, die
aber so schlecht gemalt war, daß man sie in das Vesti-
bül verwies, den Tod des Prinzen Louis Ferdinand
bei Saalfeld geschildert.

Daß seit 1870 die Erinnerungen an die erste
französische Republik mit einer wahren Leidenschaft
kultivirt werden, ist nach Jahrzehnten notgedrun-
gener Enthaltsämkeit nur natürlich. Der Kultus, welchen
man mit einigen mehr oder minder legendarischenHelden
der Revolution treibt, wird aber nachgerade selbst
den glühendsten Patrioten zuviel. Seit 1872 ist nicht
ein Salon vorübergegangen, in welchem nicht der kleine
Trommler Joseph Bara, welcher in den Vendöerkämpfen
fiel, mehrere Male durch Malerei und Plastik ver-
herrlicht worden wäre. Iluch in diesem Jahre ist er
uns nicht erspart worden. I. I. W eerts hat ihn nach
einer neuen Bersion der Legende in dem Augenblicke
aufgesaßt, wo ein Vendöer dem jungen, angeblich drei-
zehnjährigen Husaren seine Sense in den Leib stößt,
während ein anderer ihm mit allen Kräften das Bajonett
seines Gewehrs in den Hals bohrt. „Jch glaube nicht,"
so bemerkte Louis Enault aus Anlaß dieses Bildes,
„daß der sagenhafte Tambour bei Lebzeiten so viel
Lärm gemacht hat, als nach seinem Tode." Auch Gaston
Mslingue's „Rouget de Lisle", tvelcher dargestellt
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