Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Der Pariser Salon.

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ist im Moment, wo er am Klaviere sitzend die Mar-
seillaise komponirt und dazu spielt und singt, erregte
eine Heiterkeit, welche dem erhabenen Gegenstande
wenig angemessen war. Moreau de Tours' „Carnot
in der Schlacht bei Wattignies" — der General
schreitet mit seinem Federhute auf der Spitze seines
Säbels seinen Soldaten vorauf — erinnerte ebenfalls
mehr an den Aktschluß eines Melodramas als an den
Ernst eines Historienbildes, welches durch Energie, Cha-
rakteristik und Wahrheit der Empfindung wirken soll,
nicht durch eine inhaltslose Deklamation. Historienbilder
aus der französischen Revolutionszeit, welche sich diesem
Jdeale naherten, waren nur drei vorhanden, Le Blants
„Erschießung des Generals de Charette de la Contrie
in Nantes" (1796), Coguelets „Tod des Komman-
danten Beaurepaire in Verdun" (1792) und die er-
greifende, im guten Sinne dramatisch behandelte Kom-
position von Scherrer: „Die Kapitulation von Ver-
dun", welche einen späteren Moment behandelt, wie das
Häuflein der Verteidiger mit der Leiche ihres Generals,
der sich kurz zuvor den Tod gegeben, das Festungsthor
vertäßt. Dieses in Farbe und Zeichnung von ge-
diegener Arbeit zeugende Bild hätte bei weitem eher
den Salonpreis verdient als die „Andromache", mit
der es in Konkurrenz stand. Von Geschichtsbildern,
welche Motive aus entlegenen Perioden behandeln,
verdient nur ein wegen seines Stoffes seltsames Bild
von E. V. Luminais: „Derletzte Merovinger", dessen
rotes Haar von einem Mönch geschoren wird, während
zwei andere seine Arme festhalten, und Laurens'
„Papst und Jnguisitor" Erwähnung, dessen Historien-
bilder ebenso wie Bonnats Pvrträts immer tiefer ins
Aschgraue und Schwarze versinken. Merkwiirdig sowohl
durch die Auffassung als auch durch die zurückhaltende
malerische Behandlung, welche beide durch Puvis de
Chavannes beeinflußt sind, wareu zwei Gemälde legen-
darischen Jnhalts, die „Vision des hl. Franciscus von
Assisi" von Charteau, wo dem in einem Stalle ruhen-
den Heiligen Christus unter der Gestalt des guten
Hirten erscheint, welcher die Sackpfeife bläst, und Ca-
zins „Judith", welche, von ihrerMagd begleitet, ihren
Marsch zu Holofernes antritt, aber iu der Gestalt,
welche ihr der französische Maler gegeben, niemals
ihrcn Zweck erreicht habeu würde.

Am empfindlichsten macht sich der Rückgang der
franzvsischen Malerei auf dem Gebiete der Landschaft
geltend, weil die Großthaten eines Rousseau, Daubigny,
Dupro, Corot u. s. w. noch in zu frischer Erinnerung
sind. Man kann die Thatsache, daß diese Mcister bis
jetzt noch ohne Nachfolge geblieben sind, kaum fassen,
namentlich, wenn man die ungemein glänzende Ent-
wickelung, welche gerade dieser Zweig der Malerei
in Deutschland gefunden hat, dabei in Betracht zieht.

Allongö, dcr seinen Landschaften einen historischeu
Charakter zu geben liebt, Wateliu, Allemand,
Lalanne, Damoye und der Marinemaler Uon
sind zwar mit ganz tüchtigen Leistungen vertreten, aber
keine derselben erhebt sich über ein mittleres Niveau.
Nicht ein einziger von diesen Malern weiß seine Land-
schaften mit einer solchen Stimmungsgewalt zu er-
füllen, wie sie z. B. unserem Schleich und Lier zu Ge-
bote stand. Die weitaus tüchtigste Landschaft, welche
auch vom Staate angekauft worden ist, hatte Alexan-
der Sego, ein Schüler von Flers, ausgestellt, „Das
Thal vou Ploukermeur" aus den Arröebergen (Bre-
tagne). Die außerordentliche Wahrheit, mit welcher
die Ansicht wiedergegeben ist, kann aber nicht sür die
Reizlosigkeit des Motivs entschädigen. Die kvloristisch
beste Leistung war eine Partie des Hafens von Le Tro-
port zur Zeit der Ebbe, der sich einige Städte- uud
und Straßenansichten, z. B. der Point du Jour bei
Auteuil von Luigi Loir, der Quai de la Tournelle
vou Le Comte und die Place St. Germain des Prös
von dem Amerikaner Boggs anreihten. Selbst auf
diesem Gebiete der Malerei fehlte es nicht an den ge-
wöhnlichen sranzösischen Bizarrerien. Ein naturali-
sirter Franzose, namens Wilhelm Wintz aus Köln,
hatte eine Mondlandschaft, die Krater des Archimedes,
Autolycus und Aristillus ausgestellt!

Fast durchweg ausgezeichnet waren die Leistungeu
auf dem Gebiete des Stilllebens, auf welches sich die
französische Farbenhexerei zurückgezogen zu haben scheint.
Vollon und Philipp Rousseau hatten Tafeln ge-
liefert, auf welchen sich die erstaunlichste Beobachtungs-
gabe mit einer bezaubernden Virtuosität in der Fär-
bung paarte.

Das Ereignis in der Abteilung der Skulpturen
waren die beiden Reliefs von Jules Dalou, einem
Schüler von Carpeauy und Duret, welcher die Ehren-
medaille davontrug. Es scheint, daß die Politik bei
der Zucrkennung dieser Auszeichnung stark in die Wag-
schale fiel. Das eine Relief stellt nämlich in ziem-
lich schwülstigen Formen, deren ungünstiger Eindruck
durch die wüste Komposition noch erhöht wird, die
Verherrlichung einer allgemeinen Weltrepublik der
Zukunft dar, welche nach den Worten des Dichters,
die den Künstler inspirirt haben, über alle Völker
herrschen wird. „Alsdann wird sich die Welt ini
Frieden von fünf- oder sechstausend Jahren des
Krieges erholen." Das Relief steht ganz auf der
Höhe dieser Poesie. Man sieht den Genius der Re-
publik, welcher von allegorischen Personen begleitet ist,
zu den Wolken emporsteigen, ein ziemlich unverständ-
liches Ragout von Leibern, welches stark an die Apo-
theosen erinnert, die man auf Grabmälern des vorigen
Jahrhunderts im Stile eines Pigalle oder auf den
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