Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Sammlungen und Ausstellungen.

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sührende Straßs sind ebenfalls ausgegraben worden. Da
die Arbeiten fortgesetzt werden, dürfte möglicherweise ein
ganzer Bezirk der alten Stadt entdeckt werden.

Bei Ausgrabungen auf der Stätte dcs alten Epidauros
ist ein dorischer Tempel gefunden worden; dazu an Skulpturen
zehn Löwenköpse, dis als Wasserspeier gedient haben, zwei
prachtvolle Statuen des Asklepios, denen leider der Kopf fehlt,
serner eine Hygieia, eine Statue, die als ex voto gedient
hat, und Fragmente einer Ksntauromachie. — Auch in Lau-
rion, im Südosten von Attika, sind Entdeckungen gemacht;
die sranzösische Gesellschaft, welche die alten, von dem Berg-
werkbetrieb der Athener herrührenden Schlacken mit großem
Gewinne neu einschmilzt, hat gelegentlich 29 Vasen von hoher
Altertümlichkeit gefunden.

L. Mosaik Les 12. Zahrhunderts. Jn Arras, Pas-de-
Calais, ist ein interessantes Mosaik entdeckt worden, welches
den Archidiakonus von Ostrevent, gestorben als Bischof von
Arras, Namens Frumauld darstellt. Es erinnert in seinem
Stil an byzantinische Arbeiten. Zusammengesetzt ist es aus
Würfeln von Marmor, gebranntem Thon und buntem Glas,
die durch einen sehr harten Cement verbundsn werden. Es
ist auf einer großen Platte von blauem Stein befestigt, und
ist 2,68 m lang und l,15 m breit. Der Bischof ist darge-
gestellt in seinem Kirchenkleid, mit der Mitra auf dem Haupt
und dem Kreuz in der Hand. Das Kleid besteht aus Chor-
hemd, Tunika, Dalmatica, Armbinde und Casibula.

(NsLSUASi äes soisnves üistoriguss, Xo. 2).

Larnmlungen und Ausstellungen.

Die historischc Bronzeausstcllung im Dstcrrcichischen
Museum wurde seit unserer ersten Notiz durch einige Nach-
tragssendungen bereichsrt, unter denen die Bronzen aus dem
Besitze des Herrn Frsdsric Spitzer in erster Linie unsere
Ausmerksamkeit fesseln. Zunächst ist da eine Reiterstatuette
zu nennen, die dem Andrea Riccio zugeschrieben wird. Der
Reiter trägt eine antikisirende Rüstung und scheint als An-
führer einer Kriegerschar gedacht. Die Rechte hält das Schwert,
von dem nur mehr der Grifs erhalten ist, die Linke einen
runden Schild. Das Ganze ist ungemein lebensvoll; jede
Cinzelheit ist charakteristisch. Das bedeutende Werk existirt
in mehreren Wiederholungen; eine davon ist im Berliner
Museum; einer anderen, wenig veränderten begegnen wir auf
der Ausstellung unter Nr. 7S6; diese Wiederholung befindet
sich seit kurzem im Besitz des Fürsten Johann Liechtenstein
und dürste dieselbe sein, welche vor einiger Zeit in Genua
gesehen wurde. — Zu den bedeutendsten Stücken von Spitzers
Sammlung gehören ferner zwei lebensgroße Porträtbüsten
von einem einstweilen unbekannten Meister der paduanisch-
venezianischen Gruppe um 1590. Scharfe Charakteristik be-
herrscht noch die Auffassungsweise dieser Arbeiten, welche
einigermaßen an die schönen Terrakottabüsten von Al. Vittoria
im Österreichischen Museum erinnern. Noch möchte ich unter
Spitzers Bronzen eine glatte reizende Figur des Merkur her-
vorheben; der gänzlich unbekleidete Gott lehnt sich gegen einen
Baumstamm und blickt auf den zu seiner Rechten auf dem
Boden sitzenden Bacchusknaben herab. Clarac bildet im
LIusss äö soulxturs eine wahrscheinlich stark restaurirte An-
tike ab, welche unserem Merkur entspricht (Pl. 659, 1519).
Die Gruppe Spitzers ist eine vorzügliche italienische Arbeit
des 16. Jahrhunderts. Auch sie kehrt in einer freien Wieder-
holung auf der Ausstellung wieder. Nr. 744, vom Fürsten
Joh. Liechtenstein ausgestellt, giebt dieselbe Jünglingsfigur.
Der Knabe auf dem Boden fehlt, ebenso der Caduceus, den
die Spitzersche Figur trägt. — Unter den Geräten aus der
Spitzerschen Sammlung fallen uns nebsn zwei elsganten
Kaminständern zwei hervorragend schöne Thürklopfer auf.
Einer derselben kommt in mehreren Wiederholungen vor.
Es ist jener venezianische Thürklopfer, den wir bei Giraud
(Pl. XVIII.) abgebildet finden und dessen Formen sich auch
unter den ausgestellten Bronzen der Ambraser Sammlung
wiederholen. Was Spitzer ausgestellt hat, zeugt durchaus von
dem fernsten Geschmack. — Nachträglich der Ausstellung ein-
verleibt wurds auch eine bunt zusammengestellte Sammlung
aus dem Besitze des Herrn I. Wimmer. Sie enthält neben
hübschen ägyptischen Figürchen und unter wohlerhaltenen Ge-
räten verschiedenster Provenienz auch einen interessanten
datirten Apothekermörser. Er scheint niederrheinisch zu sein,

trägt die Umschrift: „1669 goß mich Piter Tissen" — und
bildet wirklich eine dankenswerte Vervollständigung der Aus-
stellung, welche an datirten Mörsern nur ältere Stücke auf-
zuweisen hat. Jch erinnere hier an den reichverzierten
florentinischen Mörser (Nr. 863) mit der Bezeichnung: oxus
änliani. äo navi. üorenlini NOOOI-XXXXIIII, serner an
den von Herrn Apotheker Schaumann ausgestellten, wahrschein-
lich in Östsrreich gegossensn großenMörser von 1506, endlich an
einen niederländischen Mörser von sauberer Ausführung und
niedlichen Dimensionen, mit der Umschrift: lAisadst Oornslis
Xo. 1643 im Besitze des Grafen Edm. Zichy.

V. L. Das Sedanpanorama in Berlin. Am 2.
September ist neben dem Stadtbahnhof Alexanderplatz in
Berlin ein zweitss Panorama eröffnet worden, welches eine
Eprsode aus der Schlacht bei Sedan darstellt. Das Ge-
bäude, welches von Ende und Böckmann im Stile der
deutschen Renaissance errichtet worden ist, enthält in seinem
unteren Stockwerk ein von den Malern M. und G. Koch
mit Trophäen, soldatischen Emblemen und humoristischen
Scenen aus dein Leben im Kriege dekorirtes Restaurant und
im oberen Geschosse das Rundbild, dessen Einrichtung nur
insofern von der allgemein üblichen abwsicht, als das Po-
dium, auf welchem sich der Beschauer befindet, sich langsam
um seine Axe dreht, so daß der Beschauer also an dem gan-
zen Panorama vorübergeführt wird, ohne daß er sich von
der Stelle zu rühren braucht. Zur Ausführung des Rund-
bildes waren von der Panoramagesellschaft die Maler A. v.
Werner und Christian Wilberg gewonnen worden. Den
letzteren ereilte bekanntlich auf der Reise nach Frankreich,
welche er zum Zwecke von Vorstudien für das Panorama
nnternommen hatte, der Tod, und an seine Stells trat Eugen
Bracht aus Karlsruhe, welcher auch im Lehramt an der
Kunstakademie Wilbergs Nachfolger geworden war. Bracht
hat seine Aufgabe in so mustergllltiger, echt künstlerischer
Weise gelöst, daß schon um dsr köstlichen Landschaft willen
diesem Panorama die erste Stelle unter den in Deutschland
während der letzten Jahre geschaffenen gebührt. Man darf
es sogar dicht neben das ausgezeichnetste Werk der ganzsn
Gattung, dicht neben das Panorama der Schlacht bei Cham-
pigny von A. de Neuville und Detaille in Paris setzen, auf
welchem der landschaftliche Teil ebenfalls mit gröhererMeister-
schaft oder doch wenigstens mit größerer Wahrheit behandelt
ist als der figürliche. Die Klarheit der Luft, welche an dem
sonnigen Septembertage von 1870 einen weiten Rundblick
gestattete, ist von Bracht vortrefflich zur Anschauung gebracht
worden, und dabei sind die feinen Abstufungen der Lufttöne
in den verschiedensn Plänen so zart zur Erscheinung gekom-
men, als hätte der Maler ein kleines Staffeleibild und nicht
eine koloffale Leinwandfläche zu beherrschen gehabt. Bracht
ist von ssinem Schüler, dem begabten Schirm, unterstützt
worden, dessen Landschaften aus der Sinaihalbinsel und aus
Palästina nicht weit hinter densn seines Meisters zurück-
stehen. Für den Moment der Darstellung ist die Zeit zwi-
schen 1 und 2 Uhr gewählt worden, als die französische Ka-
vallerie jenen letzten, gewaltigen Vorstoß gegen die Linien der
preußischen Jnsanterie unternahm, welcher von dieser mit un-
erschütterlicher Ruhe zurückgewiesen wurde. A. v. Werner
ist für eine solche, mehr chronikartige und anekdotische Dar-
stellung, wslche sich in einzelne Episoden und Gruppen auf-
lösen darf, eine sehr geeignete Kraft. Er weiß volkstümlich
und anschaulich zu schildern und alle Details der Unifor-
mirung und Bewaffnung mit militärischer Akkuratesse wie-
derzugeben, weshalb das Auge des Soldaten mit besonderem
Wohlgefallen auf seinen im allgemeinen etwas nllchternen
Darstellungen weilt. Da es aber bei diesem Panorama ge-
rade auf eine absolut treus Wiedergabe des geschilderten
Vorgangs ankam. so befand sich der Künstler in ssinem Fahr-
wasser, und er hat denn auch seine Aufgabe mit unanfecht-
barer Zuverlässigkeit gelöst.

II. Das „Ondinvl äv8 Lstiimps«" der Pariser National-
bibliothek hat kürzlich eine wertvolle Erwerbung gemacht.
Das Kabinet ist nämlich seit 1711 im Besitz der großartigen
Sammlung von Zeichnungen der Kunst- und historischen
Denkmäler Frankreichs, welchs Gaignisres im Verlaufe von
15 Jahren auf die Art zusammengehracht hatte, daß er von
irgendwelchen Zeichnern, guten wie schlechten, für 5 bis 40
Sols pro Stück die Denkmäler zeichnen ließ. Durch falsche
I Angaben brachte es Clairambaut dahin, daß ihm aufgetragen
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