Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Vermischte Nachrichten.

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wurde, Gaigmsres, der die Sammlung bis zu seinem Tods
bei sich bshaltsn sollte, zu überwachen, und er benutzte dies
und den 171t> ersolgten Tod Gaignisres', aus dessen Samm-
lung zu stehlen. Einer der vielen auf diese Weise abhanden
gekommenen Bände ist nun jetzt gekauft worden, nachdem ihn
sein unrechtmäßiger Besitzer noch nach Gaignisres' Tode ver-
vollständigt hatte. Er enthält über 200 noch nicht in der
Sammlung vorhandens Zeichnyngen, darunter allein 28 von
Grabdenkmälern der Kirche Notre-Dame zu Paris.

(Eourrisr cls 1'ürt.)

3. D. Neue Gemäldegalerie in Rom. Wenn der italienische
Minister des öffentlichen Unterrichts in Rom, Baccelli, seinen
Willen durchsetzt, so wird die auf seinen Antrag gegründete
„Galerie zertgenössischer Msister" ihre Aufstellung in den
Säulenhallen von Michelangelo's Kartäuserhof in dem alten
Kloster von S. Maria degli Angeli finden. Das ganze Kloster,
dessen Hof die bekannten uraltsn herrlichen Cypressen zieren,
bildet nur einen Teil der Überreste von den Thermen Dio-
kletians. Jm Jahre 1874 würde das Kloster bei Auflösung
der Mönchsorden der Stadt Rom zu Erziehungszwecken von
der Regierung abgetrsten, ohne daß jedoch die Stadt bisher
von den Gebäuden zu dem obengenannten Zwecke Gebrauch
gemacht hatte. Der jetzige Minister Baccelli hielt jedoch diese
Abtrstung für null, weil dieselbe ein „nationales Monument",
wslches der Staat nicht vermissen könne, betresfe. Gleich-
zeitig bestimmte er das Meisterwerk Michelangelo's zur Galerie
für moderne Kunst. Um jedoch nicht mit der Stadt in einen
Verwaltungsprozeß zu geraten, beantragts der Minister im
Gemeinderate die freiwillige Rückgabe des bezeichneten Ge-
bäudes an die Regierung. Unbegreiflicherweise lehnte aber
der Gemeinderat den Antrag ab. So wird denn der Mini-
ster den Rechtsweg gegen die Stadt Nom beschreiten müssen,
um den herrlichen Klosterhof Michelangelo's wieder in den
Besitz des Staates zu bringen, damit der Plan einer modernen
Galerie in den prüchtigen Räumen überhaupt zur Ausführung
gslangen kann. Einstweilen sind die auf der letzten Aus-
stellung von dem Minister für die Galeris gskauften Bilder
und Skulpturen in dem großen Palazzo dell' Esposizione di
belle arti in der Via Nazionale gsblieben.

3. 13 Neues archäologisches Museum in Nom. Seit
Jahren liegen die seit 1870 durch die Neubauten zu Tage
gekommsnen archäologischen Gegenstände in Kisten und Kasten
verpackt in den Magazinen der Bürgermeisterei auf dem Kapi-
tol. Mit der Zeit aber ist eben disses noch ungeordnete
Lager, welches wsder klassifizirt noch katalogisirt ist, so an-
gewachsen, daß die Räume nicht einmal zur einfachen Auf-
bewahrung ausreichen. Die ständige archäologische Kommission
der Stadt Rom hat infolgedessen bei dem Gemeinderate den
Bau eines eigenen Museums beantragt, und zwar am Ab-
hange des Caelius zwischen der Vin Claudia und der Via
Celimontana. Zunächst wird es sich um die Errichtung
einer grotzen Niederlage handeln, in welcher alle Funde ein
vorläufiges Unterkommen finden können, wozu 75 000 Lire
genügen würdsn. Das eigentliche Museum würde erst später
in Betracht kommen. Da der Bürgermeister und sämtliche
Gemsindeassessoren den Plan befürworten, so dürfts derselbe
schon in einer der nächsten Sitzungen vom Gemeinderate ge-
nehmigt werden.

» Aus Holland wird uns geschrieben: Die Verwaltungen
der Museen Hollandsentwickeln eineanerkennenswerteThätig-
keit. Jn Amsterdam rüstet man sich zur Einrichtung des
neuen grotzen Hauses für die Kunstsammlungen, welches fast
fsrtig dasteht und gegenwärtig als Gast in seinem Erdgeschoß
die Lxxosition retrosxsstivs beherbergt. Nebenbei sei be-
merkt, daß diese letztere, welche einsn Teil der neulich in der
Kunst-Chronik besprochenen allgemeinen Ausstellung bildet,
eine Fülle von interessanten Dingen enthält, u a. mehrere
Jnterieurs, von densn eines sinem Bilde von Jan Steen
genau nachgebildet ist — Das Museum von Haarlem, be-
rühmt wegen seiner großartigen Frans Hals, hat durch eine
Schenkung des kürzlich verstorbenen Barons Fabritius einen
Zuwachs von 00 Gemälden erhalten, von denen als bssonders
hervorragend zwei sehr gute Porträts von Frans Hals, ein
Terborch von ungewöhnlich kräftigem Ton und zwei Bildnisse
von der Hand des zu wenig gswurdigtsn Jan Versprong
namhaft zu machen sind. Der in neunter Auflage vor-
liegende, reich mit Facsimiles ausgestattete Katalog des
Museums verzeichnet diese erst seit etwa sechs Wochen in

der Sammlung befindlichen Gemälde noch nicht. Leider ist
das kostbare Kinderporträt von Frans Hals, das „Vrou.vss
van Lsrestsz-u." für Haarlem verlorsn gegangen: es wurde
von der Frau Baronin Mathilds Rothschild in Paris um den
Prsis von 100 000 Fl. holl. angekauft. — Die Sammlung
imHaag ist um elf Porträts des schon früher dort reich ver-
treten gewesenen Ravesteyn vermehrt worden. Dieselben sind
vorläufig noch nicht numerirt. — Das „Musss Boymanns"
in Rotterdam bereitet einön neuen Katalog vor, der in aller-
nächster Zeit erscheinen soll.

Vermischte Nachrichten.

sr?Das Pellersche Haus am Ägidienplah in Nürnberg,
der berühmte Renaissancsbau, welcher kürzlich von dem Jn-
haber der Möbelfabrik I. A. Eysser in Baireuth angekauft
worden ist, wird gegenwärtig von dem Direktor der Nürn-
berger Kunstschule, Professor A. Gnauth, einer umfassenden
Restauration unterzogen. Dieselbe geht, wie die Münch. Allg.
Zeitg. berichtst, zunächst darauf aus, die Übertünchungen der
Architektur, vor allem desHofss mit seinen Umgängen und dem
schmückenden Bildwsrk, sowie Anstrich und Tapezisrung der
Jnnenräume durchweg zu beseitigen, dann absr auch darauf,
den ihrer einstigen Ausstattung längst beraubten Räumen
von neuem eine völlig im Charakter der Zeit gshaltene Ein-
richtung zu geben. Der dicke weiße Ölfarbenüberzug, der
Plafonds und Wandvertäfelungen bedeckte, ist in allen Räu-
men verschwunden, und unter ihm hat sich ein Täfslwerk in
eingelegter Arbeit aus verschiedenfarbigem Holz erhalten, von
dsssen "Schönheit man früher auch nicht entfernt eine Vor-
stellung gewinnen konnte; ja, es sind sogar Holzdecken von
reichster und edelster Komposition zum Vorschein gekommen,
die erst nach völliger Entfernung des bisherigen Kalkbewurfes
sich als vorhanden ergaben und nun die Gemächer des
zweiten Stockwerkes wieder in ihrer ursprünglichen Schön-
heit schmücken. Jm Erdgeschoß, das bis jetzt als Speicher
diente und nur die nackten Wände zeigte, ist dazu die einstige
Hauskapelle mit prächtigem schmiedeeisernem Gitter, mit Mobi-
liarausstattung in eingelsgter Arbeit, mit Kronleuchter und
ornamentaler Malerei völlig neu erstanden, und in den Wohn-
räumen, die nicht mehr das alte Gesicht zeigen. ist man mit
der Hsrrichtung von Wandvertäfelungen gleicher Art und mit
der Aufstellung grünglasirter Renaissanceöfen nach dsn besten
uns erhaltenen Mustern beschkftigt. Der Besitzer beabsichtigt,
einen Teil der Räume als permanentes Ausstellungslokal für
seine Zimmereinrichtungen zu benutzen.

4c Die Wiencr internatwuale Ausstellung der graphischen
Künste wurde am 15. d. M. 12 Uhr mittags im Künstler-
hause durch S. Maj. den Kaiser feierlich eröffnet. Nach einer
Begrüßung durch den Präsidsnten der Ausstellungskommission
machte der Monarch einen anderthalbstündigen Rundgang
durch die reichgeschmückten Säle, deren nach Ländern geord-
nster Jnhalt einen vollständigen Überblick über die Geschichte
dsr graphischen Künste seit der Mitts dieses Jahrhunderts
bietet. Besonders imponirend gsstaltet sich das Bild in
den deutschen, österreichischen und französischen Abteilungen.
Aber auch England, Jtalien, Belgien, Rußland und Amerika
sind sehr stattlich repräsentirt. Äuch von dieser Ausstellung
erfchien der Katalog am Eröffnungstage. Wir kommen auf
das in jeder Hinsicht gelungene Unternehmen ausführlich zurück.

Das Projekt einer dentsch-österreichischen Ausstellung
für Kunstgewerbe und dekorative Kunst im Jahre 1885 ist
auch auf dem Kunstgewerbekongreß, welcher am 4. und 5. Sept.
in München stattfand, zur Sprache gekommen. Der Künst-
gewerbeverein zu Magdeburg hatte dem Kongreß die Unter-
stützung der Ausstellung durch die Kunstgewerbevereine em-
pfohlen. Am 4. Sept. wurde auf Antrag Hirths (München)
beschloffen, die Beratung resp. Bsschlußfassung zu vertagen.
Am 5. Sept. wurde jedoch einstimmig folgende Rssolution
gefaßt: „Jn Verfolg des gestrigen Beschlusses (nämlich die
Beratung zu vertagen) beauftragt der Kongreß den Vorort
München, sich alsbald mit den maßgebenden Faktoren Ber-
lins ins Vernehmen zu setzen, um die Abhaltung einer
deutsch-österreichischen Kunst- und Kunstgewerbe-
ausstellung in der Reichshauptstadt innerhalb der nächsten
5 Jahre anzubahnen und insbesondere darauf hinzuwirken,
daß bei dieser Äusstellung das Programm der Münchener
Ausstellung von 1876 zu Grunde gelegt werde." Voraus-
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