Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Ein Rundgang durch die schwerzerische Kunstausstellung in Ziirich.

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beachtenswerten Studien vertreten. Jn der Kunstaus-
stellung selbst finden lvir nur ein Bild von ihm:
„Wildbach in den Alpen". Des jüugern, Arthur
Calame Bilder: „Sonnenuntergang auf Bordighera"
und „NeaPolitanischeTerrasse", sind auch recht erfreulich,
aber in ganz anderer Manier gemalt als die des
älteren Calame. Dessen Kraft und Fülle mangelt
ihm; eine gewisse Zartheit und Fcinheit in Ton und
Stimmung, auch in der Wahl der Gegenstände, ist da-
gegen sehr anmutig, nur grenzt sie manchmal an Süß-
lichkeit. Jn letzteren Fehler versällt auch ab und zu
Alfred vanMuyden. Seine klare, ich möchte sagen
appetitliche Malweise („Kapuzinerrefektorium") und der
ideale Schwung in seincnFiguren, der in seinen „Heim-
kehrendcnSchnittern", „Korndreschen in der Campagna"
gar lieblich wirkt, artet in „Nach dem Abendessen" und
„Mutter und Kind" in Sentimentalität aus. Von
neueren Genfern ist uns außerdem noch besonders Aug.
Beillon mit seinen ungemein stimmungsvollen und
dabei so präcis gezeichneten Landschaften, wie „Herbst-
nahen am Genfersee", „Die Maas bei Dordrecht" und
„Arabisches Lager", aufgefallen und Fr. Vuagnat mit
seinen schönen Tier- und Landschaftsbildern, sowie R.
Ritz durch seine „Maria im Schnee", „Botaniker, Zo-
vloge, Mineraloge", ein paar prächtige Genrebilder.

Hier in Zürich besitzen wir nur einen größeren
Meister, der uns dauernd treu geblieben ist; freilich
dieser eine wiegt manche andere auf, es ist der Tier-
malerKoller; sein Genre fesselt ihn hier, denn nirgends
hätte er so leicht eine Stätte gefundcn, wo cr, verhält-
nismäßig nahe der Stadt, seine Kühe konnte im Freien
sich tummeln lafsen nnd seine Studien an ihnen vor-
nehmen und wo er zugleich schönen landschastlichen
Hinter- und Vordergrund vorfand, an alten Weiden-
büschen, hohen Bäumen und dem blauen Zürichsee,
wie es ihm hier das Zürichhorn bot, wo er daher sein
Wohnhaus und Atelier seit lange aufgeschlagen hat. —
Er bringt uns auf der Ausstellung drei neuere Bilder
von großer Schönheik: „Hcuernte", ,,Auf dem Felde"
und „Schafweg", Vvn denen wir letzterem den Vorzug
geben. Die Schafe, die blökend im Nebel von der Alm
heruntersteigen, das letzte, jüngste Vom Hirten sorgsam
getragen, sind ein allerliebstes Bild, und ihre Wolle
ist so „wollig" geinalt, wie es nur Meister Koller ver-
steht, dabei die Köpfe so ausdrucksvoll, daß diese
Schafe, in dem Sinne wie wir Menschen den Ausdruck
brauchen, eigentlich gar nicht „schafig" in die Welt
blicken. Außer diesen neuern Werken führt nns Koller
aber auch eine ältere Schöpfung, die jedem in gutem
Andenken steht, wieder einmal vor Augen, nachdem
wir sie jahrelang nur noch in der Photographie haben
bewundcrn können. Wir wissen es den Erben des
Herrn Alfred Escher sehr zu danken, daß sie uns

Kollers „Gotthardpost" für die Ausstellung geliehen
haben. Dies Bild giebt uns den landschaftlichen Typus
jener Bergregion so naturgetreu wieder, daß es uns
jetzt, wo kein lustiger Postillon mehr llber den Gott-
hard kutschirt, die Kuhherden mit seinen kecken Rossen
auseinander sprengend, sondern nur noch die Lokomotive
durch den Berg saust, zugleich ein liebes Erinnerungs-
bild geworden ist. Das Kalb, das geängstigt voran
springt, die eilenden Rosse sind mit ungemeiner Wahr-
heit und in Prächtiger Durchführung wiedergegeben.

Neuerdings ist ein jüngerer Maler von bedeuten-
den Anlagen, Alb.Freytag, an die Züricher Kunstge-
werbeschule berufen worden. Möchte er auch dazu
bernfen sein, etwas mehr Streben und Leben in unserer
Jngend wachzurufen! Auf der Ausstellung führt er
sich mit einer „Amphitrite" ein, die etwas im Ge-
schmack des Rubens gehalten ist, ohne freilich dessen
Kvlorit auch nur entfernt erreichen zu können; dvch
sind die Akte gut gezeichnet und die Kompvsitivn ist
harmvnisch in den Linien. — Chr. S chmid und nvch
einige bringen hübsche Landschaften; im übrigen ist
von Zürichern viel Dilettantenwerk eingesandt und anf-
genommen worden. Von ältern Züricher Meistern
ist's L. Vogel, der für die Züricher, überhaupt für
die Schweizer, entschieden den Vogel abgeschossen hat.
Seine Bilder, meist mit patriotischen Motiven, die
Tapferkeit und das Heldentum der Schweizer ver-
herrlichend, sind stets umlagert von dem Personal
ganzer Fabriken, Vereine, Schulen. llns ist es stets
lieb, wenn diese Korporationen zu einem derartigen
Haltepunkt, den wir ihnen gern gönnen, gelangt sind;
denn sonst finden sie wenig Bilder beachtenswert und
promeniren meist zu viert, das übrige Publikum förm-
lich umrennend, durch die Säle. So schön es ist, daß
unsere Republik — sowohl Gemeinden, Behörden, als
auch Fabriksherrn machen sich dadurch verdient — den
Armeren und der Schuljugend dnrch die Ausstellung
mvglichst viel Genuß und Kenntnisse verschafsen will,
sv dürfte doch besonders in der Kunstausstellung dieser
Massenbesuch von gänzlich unvorgebildeten Menschen
wenig fruchten, zumal da für eine Erklärung nicht ge-
sorgt ist; man sieht, wie die Leute meistens die Säle
rein mechanisch ablaufen, von dem sie umgebenden
anscheinenden Chaos nnr verwirrt. Doch zurück zu
Vogel, von dem uns schließlich nur noch erübrigt zu
bemerken, daß uns seine trockene, lederartige, steife
Malerei — trotz allem Patriotismus — nicht be-
geistern kann!

Die Münchener Schule ist vielfach und recht
lobenswert vertreten, durch Grob, Tobler rc. im
Genre, dnrch Froehlichers, Steffans u.A. Land-
schaften: bei ihnen ist viel gute Mittelware vorhanden,
die aber nicht Gelegenheit zu vielen Bemerkungen giebt.
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