Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Todesfälle. — KunsthistorischeS.

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Dic Jtalioner finden in der Malerei ihrcn Haupt-
vertreter in Barzaghi, deffen Hauptbild „Adam vvn
Camogasc" uns jedoch gar nicht zusagt. Es ist grell
in den Farben und geziert, kvinvdiantenhast in der
Zeichnung. Seine Porträts und Studienköpfe sind
teilweise erfreulichcr, aber etwas grell und bizarr sind
sic alle. Beffer vertritt Vcla die italienischc Kunst
in der Skulptur. Seine „Vittimv äsl luvoro" ist ein j
sehr gelungenes Werk: es stellt Louis Favre, den j
großen Gvtthardiugenieur dar, wie er tot von scinen
Arbeitern ans dem Gotthardtunnel getragen wird.
Das Relief-Gipsmodell für ein in Bronze auszu-
führendes Hochrelief ist von ergreifender Wirkung.
Die Leiche des genialen Mannes, aus deffen Ange-
sicht noch jetzt seine Bedeutung spricht, die Träger,
rüstige, abgearbeitete, aber kräftige und rauhe Gestalten,
die traurig diesen letztcn Liebesdienst verrichten, — es
ist eine tief ernste Wahrheit in dem allen! Jm
übrigen sind'S auch die Jtaliener, die mit ihren genre-
mäßigen Figürchen noch das verhältnismäßig Beste in
der Sknlptnr geleistet haben. Der „Zukünstige Sec-
kapitän" von Bernasconi und die „Waisenkinder"
von Percda :e. rc. sind recht anmutige Leistuugen. —
Von der Schwcizer Skulptur, sotveit sie hier gcbildct
ist, schweigen wir lieber und gedenken nur noch der
bcidcn Säle, welche die Altcrtümcr und alten Sticke-
reien beherbergen. Sie bieten viel Jnteressantes und
zeigen, daß in den schweizerischen Klöstern immer
nvch viele Kostbarkeiten an Prunkgefäßen, Prnnkgewän-
dern und wertvollen Stickereien verborgen sind, welche
jetzt einmat wieder ans Tageslicht kamcn.

Jnbem wir die Kunsthalle verlassen, können wir
den Wunsch nicht unterdrücken, bei ciner kiinftigen
schweizerischen Kunstausstellung mehr wirklich schwei-
zerischen Kunstwerken zu begegnen, und die Kunst
wirklich einmal in unserem Ländchen dauernd und
kräftig aufblühen zu sehen!

Zürich. 6. L.

Todesfälle.

Dcr cngtischc Landschafts- nnd Historicnmalcr Gcorgc
Colc ist am 9. September in London im Alter von 73 Jahren
gestorben.

Aunsthistorisches.

.7. L. Rom. Nach einer kurzen Unterbrechung ivährend
der heißen Sommermonate, wurden kürzlich die Ausgrabun-
gen auf dem Forum Romanum wieder aufgenommen und be-
deutend gefördsrt. Zunächst wurde die neue Verbindungs-
straße hergestellt, welche die Via Bonella beim Mamertini-
schen Kerker verbindet mit der Via della Consolazione unterhalb
des tarpejischen Felsens. Die Stratze besteht aus eineM
einfachen Erdwalle, welcher die durch die Demolirung des
früheren grotzen steinernen Viadukts geschaffenen neuen Liuien
durchaus nicht beeinträchtigt. Dieselbe beginnt hinter dem
Triumphbogen des Septimius Severus, überschreitet dis
vordere schmuckloss Basis des Concordiatemp els, läßt den
Bespasianstempel und den Consentes Porticus rechts liegen,
und biegt schließlich durch eine Kurve oberhalb des Vicus

Jugarius und der Basilica Julia in die Via della Consola-

> zione ein. Die Stratzs ist fahrbar, gilt jedoch als proviso-
risch. Au,f jeden Fall ist sis ein besseres Auskunftsmittel zur
Herstellung der Verbindung der zuvor durch das Forum ge-
trennten Stadtteile, als die ursprünglich geplante eiserne
schwebende Brücke. Die durch die Demolirung dss steinernen

> Viadukts gewonnsne grotzartige Ansicht ist durch den neuen

> Erdwall unverletzt geblisben, die aufgedeckten Rostren, die
Ecke der Basilica Julia sind sichtbar geworden; vor allen
Dingen aber sind der Severusbogen und der Saturnus-
tempel jetzt erst recht in ihrer ganzen Herrlichkeit zur Geltung
gekommen. Äußerst bedeutend sind die Fortschritte, welche
die von dem Nnterrichtsminister Baccelli, welcher die Arbeiten
täglich persünlich überlvacht, geplante Wiedervereinigung des
Forums mit dem Palatin und seinen Kaiserpalästen gemacht
hat. Der Fahrweg, welcher frühcr vom Kapitol herunter
durch den Titusbogen nach dem Kolosseum führte, ist von der
noch stehenden, aber auch zum Abbruch bestimmten Kirche
Sta. Maria Liberatrics ab bereits bis zu dem bisherigen
Eingange zum Palatin mit dem Vignolah'chen Portal ver-
schwunden. Der Vignola'sche Mauerbau links von dem oben-
erwähnten Portal ist eingerissen, wodurch immense Mauer-
werke der Kaiserpalüste ans Tageslicht getreten sind, deren
Fundamente bis auf das Niveau des Forüms hinunter reichen
und jetzt schon, obgleich sie noch nicht ganz bloß liegen, einen
mächtigen Cindruck machen. Binnen einigen Wochen wird
die ganze Fassade der Kaiserpaläste, wie sie eben noch exi-
stiren, ein Ganzes bilden von ungeahnter Großartigkeit. Zu
dem Titusbogen wird der frühere Fahrweg nicht mehr hinauf-
gehen, sondern nur die alte Via Sacra, welche sich jetzt schon
durch seine Hauptöffnung in der Richtung des Kolosseums
hinzieht. Kunstsunde wurden bei den Ausgrabungen nicht
gemacht und wurden auch nicht erwartet, weil die Trümmer
der Kaiserpaläste erst bei der Errichtung des Vignola'schen
Baues der Palntinfrout verschüttet wurden. Nur hie uud da
entdeckte man Steinblöcke und Jnschriften. Der Palatin ist in-
folge der gegenwttrtigen Ausgrabungen nicht mehr von der
Nordseite zugänglich. Der Eingang zu demselben wurde pro-
visorisch nach der Westseite bei S- Teodoro verlegt.

— Aus Trier. Bei Mesenich an der Sauer untersucht
das Provinzialmuseum jetzt auf dsm Bann „Hinter Kopfbüsch"
ein römisches Haus. Es ist eine quadratische Anlage und
hat eine von sonstigen römischen ländlichen Bauten ab-
weichende Form; es enthält viels Gänge und wenig Zimmer.
Das Mauerwerk der Zimmer ist teilweise noch fast 1 m hoch
erhalten und ist von bunten Wandmalereien bedeckt; ein
Sockel ist mit Blumenvasen und Vögeln dekorirt. Trefflich
ist noch ein über 17 ni langer Keller erhalten; über dem-
selben muß ehedsm eins Veranda gelegen haben, denn er ist
angefüllt mit einer großen Menge prächtiger Kapitäle, Säulen-
trommeln und Vasen aus Sandstein. Ein Teil dieser Archi-
tekturstücke, welcher schon vor längsrer Zeit zufällig aufge-
funden wurde, ist schon nach Trier transportirt worden und
jiegt auf dem Ausgrabungsterrain in St. Barbara.

» Ausgrabungcn bci Dcutsch-Altenburg. Jm römischen
Lager von Carnuntum bei Petronell an der Donau, das jetzt
zum Besitze des Baron Ludwigstorff in Deutsch-Altenburg
gehört, sind in den letzten Wochsn im Auftrage des öster-
j reichischen Unterrichtsministeriums,unter Leitung des Profeffors
! Hauser, nach fünfjähriger Unterbrechung wieder Aus-
j grabungen vorgenommen worden. Die verfügbaren Mittel
erlaubten nur, dieselben auf ein verhältnismäßig kleines Feld
! auszudehnen. Ausgedeckt wurde eine visreckige Säulenanlage,
in der man das Forum des Lagers erkennen darf, und in
ihrer Nähe zwei einander gcgenüberliegende kleinere Räume,
s deren Wände bemalt und mit zahlreichen Graffito-Jnschriften,

! wie es scheint, durchgängig Schreibübungen der Legionssol-
daten, bedeckt sind. Der eine dieser Räume war dem Kulte
j des Jupiter, der andere dem des Herkules geweiht; in jsnem
fand sich eine große, schwer lesbare Weihinschrift, in diesem
eineMarmorstatue des Herkules mit Keule, Löwenfell und einem
! auf der Plinths nebsn den Fützen liegendsn Stierkopfs. Eine
Menge Töpferwnre, Legionsziegel und 17 lateinische Jnschrift-
^ steine bilden den Rest der Ausbeute. Profeffor Hirschfeld
^ besichtigte kürzlich das Ausgrabungsfeld und gab die An-
! regung, das zwischen jenen Kultusräumen gelegene Terrain
zu untersuchen, in welchem er das Prätorium des Lagers
^ vermutete. Da schon am folgenden Tage die Arbeiten wieder
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