Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 19.1884

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Nekrologe.

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Das schwerste Argument sür dic Vertragsuus-
legung Durms licgt ohne Zweifel in der Reihenfolge
des Vertrages selbst, in dem Unistande, daß sich die
„sechs Bilder" unmittelbar an das Wappen „ob der
Eiufahrt" anschließen. Erwägt man jedoch, daß Cvlius
in erster Linie als Bildhauer berufen war, so läßt sich
auch wohl passend so argumentiren: zunächst redete
man von den unmittelbcir notweudigen ^) Skulpturen,
dann, nachdem man mit dem Wappen ohnedies bei
den Thürkrönungen war, von deu bcdeutenderen, sigür-
lichen Reliefen und dann erst von den geringeren, mehr
Vvn der Architektur beherrschteu der Thürgestelle selber.
Dcm Vertrag und dcn Geldsnmmcn nach hat Colins
das Werk in Bausch und Bogeu übernommcn und
eigene Gesellen mitgebracht; es war wüuschenswert,
ihm gcgenüber alles zu fipiren, was überhaupt aus
Quadern erstellt werden mußte, und man hatte viel-
leicht bei den Thürgestellen lediglich das architektonische
Moment im Auge. Der uachträgliche Beisatz: „so in-
wendig in den Bau kommeu" bietet damit kein erheb-
liches Hindernis unserer Auffassung mehr, und die Ver-
tragschließcnden konnten ganz wohl im Hinblick auf
die daliegeuden Pläne und vorausgegaugene Be-
sprechungen vorher nur von „Gestellen" geredet haben.

Neben diesen Punkten konnut in Betracht die
sprachliche Schwierigkeit, zunächst als „Gestelle" die
vicr Postamente uuter den Atlantcn aufzufasseu, dann
aber bei den Karpatiden entweder das Gebälk unter
ihnen oder die ganze untere Architektur, in welch letz-
terer die sechs Figuren doch vielmehr drinnen stehen.
Die cntsprechende Erklärung der „zwei größten Bilder
in beiden Gestellen" setzt die Nichtberücksichtigung der
vrganischen Einheit dcs Portals seitens der Vertrag-
schließenden voraus und bedarf einer ausfallenden, bei-
nahe als Verwechselung des Schreibcrs erschcinenden
Verwendnng des Wörtchens „in". Sofort drängt sich
anch die Frage auf: wo siud nuumehr ohne Zwang
die kleineren Bilder anzunehmen? Endlich scheinen
mir wenigstens die Kartouchen mit den Ringkämpferu
ohne die dritte mit dem Brustbild des Erbaucrs, mögen
sie nun so oder anders projektirt gewesen sein, schlcchter-
dings nicht gedacht werden zu könuen, svbald nur jene
bciden dem Entwurf angehörten. Man kann auch die
Statueunische nicht unmittelbar auf das Gcbälk setzcn.
Daß die Krönung, dcren flötenblascnde Genien augen-
scheinlich die gleiche Konzeption verraten, wie die-

t) Woraus resultiren würde, daß man die Skulpturen
fertig meißelte und dnnn erst aus den Bau brachte: eine für
vieles wichtige Bemerkung. Ob das Wappen zuin Weiter-
bauen nötig ivar, inuß man dein sachmännischen Uneil an-
heimstellen; die Erklärung des „damit man iverben kann",
welche Durm, S. 17 des Centralblattes gegeben hat, befrie-
digt, ivenn auch sachlich, sprachlich nicht völlig.

jeuigen in den Fensterverdachungen, deren Motiv sie
denn auch variiren, von Anthoni unnötigerweise schon
erstellt gewesen wäre, ist nicht gerade wahrscheinlich.
Dem allen gegenüber wird die durchgehende Gleichheit
des Materials als beweiskräftig nicht bctrachtet wcrden
können.i)

(Schluß folgt.)

Nekrologe.

Gustnv Richter ß. Durch dcn am 3. April er-
folgten Tod Gustav Richters ist eine der glänzendsten
und beliebtesten Persönlichkeitcn aus der Berliner
Künstlerschast geschieden, ein Meister, dem die Sonne
des Erfolges mit einer scltenen Gunst vom Beginn seiner
Laufbahn bis zu seinem Tode geleuchtet hat. Es war ein
tragisches Verhängnis, daß dieser Günstling des Glücks
während des letzten Jahrzehnts seines Lebens von einer
furchtbaren Krankheit geplagt wurde, welche ihm nur
gestattete, unter Aufbietung der ganzen Energie seines
Geistes der Kunst zu leben. Die Gicht hatte seinen
Körper allmählich so zerrüttet, daß er nicht die Palette
halten konnte, sondern daß dieselbe an die Staffelei
angeschraubt werden mußte, während die Rechte mit
Mühe den Pinsel führte. Nichtsdestoweniger ist er
bis kurz vor seincm Tode thätig gewesen. Auf der
lctzten akademischen Ausstellung beivies er noch durch zwei
Frauenbildnisse, daß seine Technik nichts von ihrem
Glanze, von ihrer duftigen Klarheit eingebüßt hatte,
und die Jury der internationalen Kunstausstellung in
München sprach ihm für eines dieser Bildnisse ihre erste
Medaille zu, was freilich nur eine äußerliche Höflich-
kcitsbezeugung war, da er lüngst überall die höchsten
Auszeichnuugen erhalten hatte. Schon zu tviederholten
Malen war scin Ableben von den Ärzten vorausgesagt
worden. Aber stets siegte seine Lebenskraft. Dem
letzten Angrisfc der Krankheit vermochte seine erschöpfte
Natur nicht mehr zu widerstehen. Er starb am 3. April
abends 10 blhr. Wenn nian seine letzten Schöpfungen
betrachtcte, auf welchen der Zauber etviger Jugend zu
ruhen schien, hätte man nicht vermutct, daß der Künstler
bereits in den sechziger Jahrcn stand. Man hatte
niemals bemcrkt, daß die Knnst seiner Darstellnng durch
Alter und Krankheit beeinträchtigt wurde. Man fand
im Gegenteil, daß er sich immer weiter entwickelte und
daß auch die jugendkräftigsten seiner Rivalen immer
noch hinter ihm zurückblieben.

I) Es erscheint hier passend, nochmals zu betonen. daß
Anthoni Kartouchenverzierungen zugesprochen werden dürfen,
fobatd man nur jene an der Außenfläche kannelirten Auf-
rollungen (Voluten) als einen ivesentlichen Bestandteil der-
selben anerkennt und zugiebt, daß Colins Fensterpfosten
und die Kapitäle der geivundenen Halbsnulchen bereits vor-
fand. Unter Colins behandelte nian die Kanneluren der
Voluten durchgehends außerordentlich sorgfältig nnd erhöhte
dadurch die Steifheit ihres Charakters; die der Anthoni^schcn
Zeit angehörenden dagegen sind nngleichmäßig und ober-
flüchlichergearbeitet. Kartouchen alsReliefs befinden sich rechts
und links vom Portal, und die Krönung init dem Brustbild
muß aus angeführten Gründen wohl dem Anthoni zuge-
schrieben werden.
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