Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 23.1888
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Vom Hochschloss in Marienburg
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1»3
Bom Hochschloß in Marienburg.
104
des mächtigen Gebäudes nicht vergessen werden, um
soweniger, da dieselbe jetzt immer mehr eine verän-
derte Gestalt annimmt. Sagte doch der Leiter der
Restaurationsarbeiten, Herr Regiernngsbaumeister
Stein brecht, iu einer seiner iu Fachkreisen Aufsehen
erregenden Schriften über das Hochschloß, daß das-
selbe sich nach seiner Wiederherstellung auch von außen
als ein Prachtbau ersten Ranges präsentiren werde.
Der laienhafte Beschauer des mächtigen qnadratischen
Kolosses mit seinem bürgerlichen Dache, seinem nüch-
ternen Anstriche und seinen unregelmäßigen nnd ge-
rücksichten beibehalten, und nicht lange mehr, so wird
dieser Zenge schlecht angebrachter Verwendungssncht
verschwunden und vergessen sein. Die Westfront
macht einen imponirenden Eindruck durch den nun-
mehr vollendeten Giebelbau, der, verziert mit mehre-
ren in Sandstein ausgeführten und vom blauen Grunde
sich abhebenden Rosetten, hoch über das Dach empor-
strebt; dieser Giebel ist flankirt von zwei Türmcheu,
deren Krönuug zwei Adler bildeu, mit gutem Ver-
ständnis anknüpfend an die historische Bezeichnung
des Schlosses als „Horst des schwarzen Adlers".
dcm Wcrke :'Papierschmctterlinge aus Japan, von C. Nctto
(Leipzig, T. O. Weigel.)
drückten Feusteröffnungen glaubte schwer an die Kunde
von dem „Prachtbau", wenn er nicht etwa Gelegen-
heit hatte, den Abriß der Außenfassade einzusehen.
Heute ist die Sache bereits anders. Auch der
Laic sieht bereits an der Westfront mit den beiden
in die Höhe strebenden Tiirmchen, welch eine
kirchlich-weltliche Baueigentümlichkeit, gepaart mit
crnster Pracht, sich entfaltet. Die Westfront steht
vollendet da, wenigstens insofern es sich um das
Hauptportal, das im Winkel zu Nordost einmüudet,
handelt. Einen zweiten Zugang besaß das Schloß
von Alters her überhaupt nicht; es wird das un-
schöue, mit Kriegsemblemeu geschmückte Eingangsthor
aus der Südseite mit der Überschrift „Königl. Ge-
treidcmagazin" vordcrhand nur noch aus Utilitäts-
Mehr noch als diese Westfront wird die Siidfront
sich durch ernste Pracht auszeichnen. Ein mächtiges
Balkengerüst umfaßt die ganze Front und trägt die
fleißigen Arbeiter, welche unter sachkundiger Leitung
sich bestreben, die uralten Bausteine von deni ge-
schmncklosen Umwurf zu befreien. Es ist dies kein
kleiues, kein unwichtiges Stück Arbeit, und man
stauut, je mehr die ursprünglichs Arbeit der Ordens-
ritter ans Tageslicht tritt, darüber, daß man sich die
Biühe genommen hat, die wetterfesten Bansteine mit
dem faden, fleischfarbenen Kalküberzug zu versehen.
Man kann nichts anderes auuehmen, als daß die
Errichter des Getreidemagazins das Äußere des
Gebäudes zu schön fandeu, und es dem nüchternen
Utilitäts- und Ausnutzuugsprinzip anpassen wollten,
Bom Hochschloß in Marienburg.
104
des mächtigen Gebäudes nicht vergessen werden, um
soweniger, da dieselbe jetzt immer mehr eine verän-
derte Gestalt annimmt. Sagte doch der Leiter der
Restaurationsarbeiten, Herr Regiernngsbaumeister
Stein brecht, iu einer seiner iu Fachkreisen Aufsehen
erregenden Schriften über das Hochschloß, daß das-
selbe sich nach seiner Wiederherstellung auch von außen
als ein Prachtbau ersten Ranges präsentiren werde.
Der laienhafte Beschauer des mächtigen qnadratischen
Kolosses mit seinem bürgerlichen Dache, seinem nüch-
ternen Anstriche und seinen unregelmäßigen nnd ge-
rücksichten beibehalten, und nicht lange mehr, so wird
dieser Zenge schlecht angebrachter Verwendungssncht
verschwunden und vergessen sein. Die Westfront
macht einen imponirenden Eindruck durch den nun-
mehr vollendeten Giebelbau, der, verziert mit mehre-
ren in Sandstein ausgeführten und vom blauen Grunde
sich abhebenden Rosetten, hoch über das Dach empor-
strebt; dieser Giebel ist flankirt von zwei Türmcheu,
deren Krönuug zwei Adler bildeu, mit gutem Ver-
ständnis anknüpfend an die historische Bezeichnung
des Schlosses als „Horst des schwarzen Adlers".
dcm Wcrke :'Papierschmctterlinge aus Japan, von C. Nctto
(Leipzig, T. O. Weigel.)
drückten Feusteröffnungen glaubte schwer an die Kunde
von dem „Prachtbau", wenn er nicht etwa Gelegen-
heit hatte, den Abriß der Außenfassade einzusehen.
Heute ist die Sache bereits anders. Auch der
Laic sieht bereits an der Westfront mit den beiden
in die Höhe strebenden Tiirmchen, welch eine
kirchlich-weltliche Baueigentümlichkeit, gepaart mit
crnster Pracht, sich entfaltet. Die Westfront steht
vollendet da, wenigstens insofern es sich um das
Hauptportal, das im Winkel zu Nordost einmüudet,
handelt. Einen zweiten Zugang besaß das Schloß
von Alters her überhaupt nicht; es wird das un-
schöue, mit Kriegsemblemeu geschmückte Eingangsthor
aus der Südseite mit der Überschrift „Königl. Ge-
treidcmagazin" vordcrhand nur noch aus Utilitäts-
Mehr noch als diese Westfront wird die Siidfront
sich durch ernste Pracht auszeichnen. Ein mächtiges
Balkengerüst umfaßt die ganze Front und trägt die
fleißigen Arbeiter, welche unter sachkundiger Leitung
sich bestreben, die uralten Bausteine von deni ge-
schmncklosen Umwurf zu befreien. Es ist dies kein
kleiues, kein unwichtiges Stück Arbeit, und man
stauut, je mehr die ursprünglichs Arbeit der Ordens-
ritter ans Tageslicht tritt, darüber, daß man sich die
Biühe genommen hat, die wetterfesten Bansteine mit
dem faden, fleischfarbenen Kalküberzug zu versehen.
Man kann nichts anderes auuehmen, als daß die
Errichter des Getreidemagazins das Äußere des
Gebäudes zu schön fandeu, und es dem nüchternen
Utilitäts- und Ausnutzuugsprinzip anpassen wollten,


