Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 23.1888

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23. (Zahrgang.

Nr. f6.

(887/88.

Aunstchronik

26. Zjanuar.

Mochenschrift für Runst und Runstgewerbe.

Ankündigungsblatt des Verbandes der deutschen Aunstgewerbevereine,

l)erausgeber:

Larl v. Lützow und Arthur j)abst

wien Berlin, XV.

Cheresianumgasse 25. Aursürstenstratze A. ^

Lxpedition:

Leixzig: L. A. Seemann, Gartenstr. ss. Berlin: W. Ls. Rühl, Iägerstr. 73.



Die Entwürfe zmn Nbozartdenkmal in A)ien.

So wird es denn Ernst mit dem Mozartdenkmal!
Wien will seine Ehrenschuld an den unsterblichen
Tondichter, dessen Leben und Schaffen mit der Kaiser-
stadt so innig verwebt war, endlich abtragen und,
wie es bereits für Beethoven geschehen, auch sein
Andenken in einem Erzbilde feiern. Auf dem St.
Marxer Friedhof, wo die irdischen Überreste des Kom-
ponisten ruhen — an welcher Stelle, weiß freilich
heute niemand mehr — erhebt sich längst ein würdi-
ger Denkstein mit der trauernden Musika, aber im
Weichbilde der „ersten Musikstadt" fehlt noch das
Monument des Tonfürsten Wolfgang Amadeus
Mozart. Merkwürdig langsam träufelten die Gaben
in den Fonds des Denkmals, und trotz der bedeuten-
den Summe, die bisher aufgebracht ist, wird das
Komits noch manchen Appell an das kunstliebende
Wicn richten müssen, um sein Auslangen für die
Kosten zu finden. Es ist für die musikalische Strö-
mung der Gegenwart ein bedeutsames Zeichen, daß
das letzte Mozartkonzert, welchcs die Philharmoniker
zu Gunsten des Denkmalfonds veranstalteten, vor
halbleerem Saale abgespielt wurde. Jst die Pietät
der Wiener für ihren Mozart bereits abhanden ge-
kommen? Dies wohl nicht; aber nicht geleugnet kann
es werden, daß der Komponist der „Zauberflöte"
heute nicht mehr wie ehedem geistig in unserer Mitte
wandelt. Das Gestirn bewahrt freilich seinen Glanz,
auch wenn es ferner von uns ist. Mozart war ein
Kind seiner Zeit und zugleich das musikalische Genie
seiner Zeit. Beethoven aber eilte im musikalischen

Denken dieser Zeit um ein Jahrhundert voraus, ging
mehr oder minder unverstanden durchs Leben und,
man darf eS wohl sagen, ist erst heute in seiner
ganzen Größe begriffen. Das Verständnis für seine
Schöpfungen haben wir nicht zum geringen Teil
Wagner und seiner Schule zu danken. Er ist der
unbestrittene Heros der Jnstrumentalmusik im Kon-
zertsaal, wie es der Bayreuther Meister im musi-
kalischen Drama ist. Mit Beethoven und Wagner
aber rückt in der musikalischen Dichtung mit einem
Schlage die künstlerische Jndividualität in den Vorder-
grund. So wie die moderne Malerei sich der herge-
brachten konventionellen Mittel im raschen Tempo
entledigte und das Persönliche in der künstlerischen
Gestaltung rückhaltsloser seinen Ausdruck findet —
als Forderung der Zeit —, dieselbe Wandlung vollzieht
sich, wenn auch nicht so auffällig, auf dem Gebiete
der Musik. Mozart erhält zu spät sein Denkmal,
aber trotz der Verspätung wollen wir hoffen, soll es
ein würdiges werden! Der Konknrs sür die Skizzen
wurde vor Jahr und Tag ausgeschrieben, und im
Künstlerhause waren die eingelaufenen Entwürfe (fünf-
undzwanzig an der Zähl) kürzlich ansgestellt. Auch
die Jury hat bereits ihr Wort gesprochen, und so
wäre ja die ganze Angelegenheit im besten Fahrwasser:
aber — ja wenn es nur kein ab er in der Welt gäbe!
Zunächst ist noch die Platzfrage, die schon seit langem
die Gemüter bewegte, eine keineswegs abgeschlossene.
Man dachte zuerst an den entlegenen Platz vor dem
Freihause, wo Mozart gewohnt; dann kam der Raum
vor dem Albrechtsbrunnen hinter dem Opernhans in
Diskussion, die Stelle, wo das alte Kärtnerthor-
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