Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 23.1888

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23. Iahrgang.

Nr. 25.

Aunstchronik

IVochenschrifl für Aunst und Aunstgewerbe.

Ankündigungsblatt des Verbandes der deutschen Aunstgewerbevereine.

l)erausgeber:

Larl v. Lützow und Arthur j)abst

wicn Berlin, W.

Thrrrstarillnlgasse 2S. Uurfllrstenstraße S.

Lrxedition:

Leipzig: E. A. Seeinann, Gartenstr. tS. Berlin: w. kä. KLHl, Iägerstr. 7Z.

Dke Aunstchronik erscheint von Gktober bis Lnde guni wöchentlich, im Iuli, August und September nur aller Cage und kostet in verbindung
mit dem Aunstgewerbeblatt halbjährlich 6 Mark, ohne dasselbe ganzjährlich 8 Mark. — Inserate, ä 30 für die dreispaltige ssetitzeile,
nehmen außer der verlagshandlung die Annoncenexpeditionen von ^aasenstein 6c vogler in Leipzig, wien, Berlin, München u. s. w. an.

Inhalt: Noch einmal Iohn webber und die Lrfindung der Lithographie. von M. Aönig. — Neue Ankäufe in Antwerpen und Brüssel.

von A. Bredius. (Schluß.) — woltmann-woermann, Geschichte der Malerei; 2lus dem Malkasten. — Die versuchsanstalt für s)hoto-
graphie und Reproduktionsverfahren in wien. — Ausstellung japanischer Zeichnungen im Britischen Museum; Ankäufe für das Museum zu
Leipzig. — Denkmal für Mickiewicz. — Zeitschriften. — gnserate.

Noch eimnal ssZohn Webber und die Lrfindung
der Lithographie.

von M. Aönig.

Herr S. R. Koehler, Kurator des grophischen
Departements des Museums in Boston, dnrch einige
von Fachkenntnis zengende Pnblikationen nber verviel-
fältigende Kunst auch in der europäischen Kunstwelt
vorteilhast bekannt, fühlt sich durch die im ersten Hefte
der „Vervielfültigenden Kunst der Gegenwart", S. 16
gemachte Mitteilnng, „daß John Webber in London
schon 1788, also neun Jahre vor Senefelder in Mün-
chen 1797, zwei grosze landschaftliche Darstellnngen
aus seiner Reise mit Kapitän Cook, in den Jahren
1776 bis 1780, in lithographischem Umdruck heraus-
gegeben habe", ungemein alarmirt.

Znm Kunstkenner herangereift in der bisher all-
gemein herrschenden Überzengung, daß Senefelder der
Erfinder der Lithographie und ihrer verschiedenen
Vervielfältigungsarten sei, interpellirte er die Redak-
tion der „Vervielfältigenden Kunst der Gegenwart"
über diese Mitteilung, welche ihn an mich, als den
Besitzer der in jener „Einleitung" erwähnten Blätter
Webbers, wies.

Anf dic von Herrn Koehler an mich gerichtete
Anfrage, ob ich geneigt wäre, ihm die 23 Blätter zur
Ansicht nach Boston zu senden, erklärte ich mich, ohne
irgend eine Gegenleistnng zu beanspruchen, hierzu be-
reit, unter der natnrlichen Bedingung, daß mir in An-

1) Vergt. dm Aufsatz von S. R. Koehler in Nr. 3 und
4. d. Bl. vom 27. Oktobsr und 3. November 1887.

betracht des kunsthistorischen und des Kunstwertes der
Blätter durch Assekurranz derselben mindestens eine
Garantie gegen einen materiellen Verlust geboten
werde. Zugleich schickte ich Herrn Koehler eine ge-
naue, weitlänfige und in die Details der Erscheinung
der Blätter eingehende Beschreibnng derselben ein.

Herr Koehler beantwortete mein Schreiben auf die
frenndlichste Weise, dankte aber für mein Anerbieten
mit den Worten: „Glücklicherweise ist eine Besich-
tigung der Blätter, dank der Ausführlichkeit, mit
welcher Sie dieselben beschrieben, gar nicht nötig, uni
darnber zum Schlusse zu kommen, nnd dieser ist, daß
von lithographischem Umdrnck nicht im Entferntesten
die Rede sein kann."

Herr Koehler hat also die Blätter nicht gesehen.

Allerdings habe ich Herrn Koehler eine möglichst
genaue Schilderung der Erscheinung dieser 23 Ori-
ginalzeichnungen Webbers und deren Reverse — der
lithogrnphirten Nmdrnckvorbereitungen — geschrieben,
nnd ihm besonders bemerkt, daß 19 derselben auf
ihren Rückseiten dieselbe Darstellung der Bleistift-
zeichnung, nur in der Farbe und im Striche ciner
Zeichnung mit romanischer Kreide, in lithographischem
Kreideton haüen, nnd daß alle Striche dieser Re-
verse, dnrch das Licht gesehen, genau die Bleististstriche
der Vordcrseiten decken, nnd dieselben gleichsam mit
einer anderen Farbe durch das Papier gedrungen er-
scheinen lassen.

Aber wcder das gründlichste Wissen, noch das
klarste Darstcllnngsvermögen sind im stande, etwas, das
nur gesehen und gehört richtig bcnrteilt werden kann,
zu einer unwiderleglichen Entscheidung zu bringen, und
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