Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 23.1888

Page: 443
DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1888/0228
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
443

Zur Kunstgeschichte Bohmens.

444

Galeriewerkes zu kämpfen haben, und wenn, wie der
Anonymus ja im allgemeinen richtig bemerkt, die nw-
dernen Knnstler Schwächeres leisten als ihre glor-
reichen Borgänger im 16., 17. und 18. Jahrhundert,
— die nnt den nun einmal vorhandenen Kräften rech-
nenden Vereine und Jnstitute trifft daran nicht die
Schuld. Die Wiener Gesellschaft mag hier nnd da in der
Verteilnng der Anfträge irren, wie jeder Verleger bis-
weilen auch irrt, wie es selbst der gewiß „kräftigen"
Berliner Mnseumsleitnng in ihrem Galeriewerke ge-
schehen ist, aber sie deshalb verantwortlich machen fnr
die Minderwertigkeit gewisser ihrer Veröffentlichnngen,
das ist doch zn naiv, als daß es weitere Zurückweisnng
erheischte.

Wozu überhaupt die ganze Jeremiade, die der
Ungenannte mit übelangebrachter Animosität zum
Besten giebt bei der Schilderung der gegenwärtigen
Lage der Kupferstechknnst? Ein einsichtigerer Mann
als unser verschleierter Widerpart hätte das Goethe-
sche Wort im Sinne behalten:

Fortzupflanzen dis Welt, sind alle veruünft'gen Diskurss
Unvermögend; durch sie kommt auch kcin Kunstwerk hervor.

Er hätte sich gesagt, daß selbst die bestmögliche,
die stärkste Leitung den großen Künstler nicht wecken
kann, daß es gar nicht ihre Aufgabe sein kann, der
Knnst die Wege zn weisen, die Künstler zu bessern,
zn bekehren. Der große Regenerator kommt ungernfen,
wir müssen uns bescheiden mit dem vorwärts dringcnden
Streben nnserer Zeit. Seien wir nicht blind für die
Mängel gegenwärtiger Knnst, aber verleiden wir nicht
unseren Künstlern mit abwehrend kecker Rede die Lust
zn frohem Weiterschaffen, rauben wir ihnen nicht die
gute Zuversicht auf eine bessere Zuknnft! Geben wir
ihnen reichliche Gelegenheit, die Kräfte zu zeigen, zu
üben, spornen wir sie an zum Wetteifer mit den Ge-
nossen, — aber überlasscn wir es ihnen selbst, sich
den richtigen Wcg zu snchen! Jn diesem Sinne hat die
„Gesellschaft für vervielfültigende Kunst" nach bestcm
Wissen und Gewissen gehandelt und, wir glauben, nicht
ohne Erfolg.

Die Vorwürfe des Anonhmns der Rundschau
sind ein Schlag ins Wasser, sie sind das Erzeugnis
vberflächlicher Eile oder sachunkundigen Leichtsinns.
Schade, daß die stolze Flagge der Rnndschau so ver-
dächtige Ladung deckte, schade, wenn jene Behauptnngen
eines llngenannten, dem wir es übrigens wünschen,
daß er nnerkannt bliebe, die selbst bei den gebildeten
Lesern dcr vornehmen Monatsschrift herrschende Ver-
wirrung in Fragen graphischer Kunst vergrößern
sollten!

Richard Graul.

Zur Runstgeschichte Böhinens?)

Es war in der That schon höchste Zeit, daß ein
Bnch erscheine, welches die unzähligen Fehler und
Gebrechen des Grueberschen Werkes „Die Kunst des
Mittelalters in Böhmen" gründlich verbesserte, da
dieselben in letzter Zeit schon drohten, in die Hand-
bücher überzugehen und als Dogmen aufrecht erhalten
zu bleiben; — hat doch, von anderen Beispielen ab-
gesehen, das famose von Grueber „entdeckte" Coemc-
terinm von Brevnoc selbst in das trefsliche Buch von
Dohme Eingang gefunden. Es wäre kein geringes
Verdienst, wenn das vorliegende Werk von Josef
Nenwirth nur diesem Übel gesteuert hätte; es bietet
jedoch noch mehr nnd zwar einen Versuch, die Ent-
wickelung der christlichen Knnst in Bvhmen pragma-
tisch darzustellen.

Jn beiden Richtungen kommt dem Verfasser die
von ihm im vollen Maße beherrschte wissenschaft-
liche Methode zu statten, welche dem Werke Gruebers
gänzlich abgeht, während auf der anderen Seite der
Verfasser aus der nicht zn unterschätzenden Denk-
mälerkenntnis, durch welche sich Grueber auszeichnete,
bedeutende Vortcile zog. Das Buch des 1)r. Neu-
wirth ist trcfflich angelegt, der Stoff wohlgegliedert;
innerhalb der Grcnze, die der Verfasser sich selbst ge-
zogen, beherrscht er vollkommen das vorhandene Ma-
terial, insbesonderc das litterarische, und benntzt das
letztcre mit llmsicht und Kritik. Als ein besonderes
Berdienst ist es dem Verfasser anzurechnen, daß er die
anderen Forschern sonst unzugängliche böhmische Littera-
tur und die Ergebnisse der Lokalforschung nicht unbe-
rncksichtigt gelassen und daß er in jedem Falle auf die ur-
sprünglichen Qnellen, seien es Chroniken, seien es Ur-
tünden u. dergl., zurückgegangen ist. Jn den Anmerkun-
gen hat der Verfasser ein Material geliefert, welches zur
Zeit in Hinsicht auf Vollständigkeit nichts zu wünschen
übrig läßt, mögen auch hier und da Citate vorkommen,
welche schließlich auf die Kunst keinen Bezug haben;
immerhin haben in den vielen, fast die Hälfte des
Buches einnehmenden Anmerkungen die anf die Knnst
selbst bezüglichen Belege die Oberhand und gestalten
das Werk zu einer Qnellenschrift, welche den künftigen
Forschern viele Arbeit ersparen wird.

Was nun die Ergebnisse der vom Verfasser an-
gestellten Forschungen betrifft, so können wohl nicht
alle als unanfechtbar angesehen werden; alle Gründe
nnd Schlüsse scheinen keineswegs schlagend zn sein,
auch da nicht, wo der inneren Dürftigkeit derselben
mittels Fettdruck ein wenig Nachdruck verliehen

I) vr. Josef Neuwirth, Geschichte der christlichen Kunst
in Böhmen bis znmAussterben der Prsmysliden. Mit 12SAb-
bildnngen. 493 S. Prag 1888, Verlag der I. G. Calve'schen
Buchhandlung.
loading ...