Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 23.1888

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Kunstlitteratur und Kunsthandel.

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mußte sich gestehen, daß ein solcher Vergleich zn
den nngünstigsten und nngerechtfertigsten Ergebnissen
fiihren mnß. Die Einräumnng des zweiten Flngels
hat jetzt den Beschluß herbeigeführt, daß diese ver-
einzelten Abgüsse fremder Knnst in die neuen Räume
gebracht, nach Schnlen und Zeit geordnet und in nm-
fassendem Maße vermehrt werden sollein Jn einigen
Jahren tvird daher Paris nach Umfang, Raum und
Aufstellung das beste Abgnßmuseum der Welt be-
sitzen.

Hier ist man also glücklich amZiele. Anders steht's
mit einer zweiten Sammlung, welcher — so sollte man
bei nns in Deutschland, nach oberflächlicher Kenntnis
der Franzosen, denken — schon bei der Eröffnung des
Planes allgemeine Begeisterung und Bereitwilligkeit
zur Ausführung entgegengebracht sein müsse. Das
Nnsos äss rnonninsnks krs.nya.is, die Sammlung der
Originalsknlptnren der französischen Kunst,
die in größeren oder kleineren Brnchstücken in und
um Paris zerstreut sind, ist vorlänfig noch ein Ge-
danke: ein Borschlag, welcher von dem besten fran-
zösischen Kenner der Sknlptur, insbesondere der fran-
zösischen Skulptur, von dem Konservator am Louvre
M. Lonis Courajod ansgeht, der denselben seit etwa
zwölf Jahren aufs gründlichste durchgearbeitet und
für dessen Verwirklichnng alles vorbereitet hat. Ein
grvßartiger Plan, ein Plan, dessen Ausführnng durch
einen Federstrich gemacht wäre, da die verschiedenen
Sknlptnren nnr in ösfentlichen Sammlungen nnd
Bauten sich befinden, wird von der kleinlichen Eifer-
sucht der verschiedenen Beamten, wird von der Gleich-
gültigkeit der maßgebenden Personen in der Regierung
von Jahr zn Jahr beiseite geschoben, wenn nicht für
immer vereitelt! Für einen Plan, der die Überreste
der Denkmäler von Frankreichs größten Königen nnd
besten Männern wieder vereinigen will, der ein Nnsds
äs 1a Zlvirs äs Is. lkrsnes ohne größere Kosten zu
schasfen verspricht und die Mittel und Wege dafür
bis ins kleinste darlegt, ist es nicht möglich, nnr
die Kunstkreise Frankreichs, geschweige das größere
Publikum zu gewinnen! Mehr als das: der Rast-
losigkeit Courajods ist es geglückt, wenigstens einen
Teil der außerhalb des Louvre zerstreuten Stücke, die
kleine Sknlpturensammlung von Versailles, nach dem
Louvre zurückführen zn lassen; aber dort ruhen sie
seit Jahr und Tag in einenc Magazin, da der dafür
bestimmte nnd hergerichtete Raum eines schönen Tages
ägyptischen Skulpturen eingeräumt wurde. Die Bilder
der ägyptischen Ennuchen haben allerdings mehr
Jnteresse für die heutigen Machthaber Frankreichs
als die Denkmäler ihrer großen Vorfahren! Man
wird vielleicht einwenden: ein nener Gedanke muß
erst begriffen werden, muß sich erst einbürgern. Ja,

wenn er nur nen wäre! Es gilt aber vielmehr, eine
alte Ehrenschuld abzutragen. Paris besaß schon ein-
mal — was bei uns kaum jemand weiß, was aber
auch in Frankreich fast vergesfen ist .— ein Nusss äss
monuinsnks kra.nyg.is, ein Museum so großartig wie
kein anderes Land es besitzt oder besitzen könnte.
Auch diese Sammlung verdankte Frankreich ans-
schließlich der Anfvpfernng eines einzelnen Mannes:
Alexandre Lenoir rettete und barg, oft mit Gefahr
seines Lebens, aus den Orgien der Zerstörung der
französischen Revolution, der alles, was mit dem
Königtuni nnd Christentum znsammenhing, znm Opfer
fallen sollte, zahlreiche Bruchstücke nnd ganze Monu-
mente, die er unter dem Empire in den Räumen des
alten Augustinerklosters zu einem großen, trefflich
anfgestellten nnd geordneten Museum vereinigen konnte.
Die Restanration unter Ludwig XVIII. beeilte sich,
diese großartige nationale Sammlung aufzuheben
nnd zu zerstören; die Räume wnrdcn der Kunst-
akademie überwiesen, die Monnmente in die Höfe und
Gärten geworfen, und nachdem sie Jahrzehnte lang
der Zerstörnng des Wetters und dem Mutwillen der
angehenden Jünger der Kunst ausgesetzt gewesen
waren, wurden die Überreste in den Magazinen ver-
schiedener Sammlungen und Kirchen zerstreut oder
als Dekoration im Hofe der Akademie eingemanert.
Was Courajod anstrebt, ist die Vereinignng der Über-
reste jener großartigen Sammlung und deren Ver-
mehrung durch vereinzelte Funde, die er in den ver-
schiedensten Teilen von Frankreich gemacht hat. Er
verfolgt damit die Erfüllung einer nationalen Pflicht;
sein Plan muß aber dnrch das allgemeine Jnteresse,
welches diese Denkmäler aus der Blütezeit der Kunst
französischer Gotik und Renaissance besitzen, weit über
Frankreichs Grenzen hinaus den allgemeinsten An-
klang finden. Darum wünschen auch wir Deutsche
ihm von Herzen in seinem uneigennützigen Kampfe
den schließlichen Erfolg.

(Köln. Zeitung.)

Aunstlitteratur und Aunsthandel.
Toman, vr. ^ugo, Jan van Scorel und die
Geheimnisse der Stilkritik. 8. 54 S. Prag
1888, Karl Bellmanns Verlag.

Dem Leser dürfte die Kontroverse über die Werke
des altniederländischen Malers Jan Scorel, die zum
größten Teil in den Blättern der Zeitschrift Ranm
gefunden hat, in Erinnerung sein. Die gegenwärtig
noch vorhandenen, dem Meister mit Sicherheit zuer-

1) D. h. auszcrhalb der gelehrten Kreise! Denn diese
kennen es aus der Litteratur, z. B. aus Lenoirs Katalog
(Paris 1815). Anm. d. Herausg.
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