Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 4.1893

Seite: 67
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Korrespondenz aus Dresden.

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lung erkennen, dass wir gegenwärtig eine Anzahl
Werkstätten besitzen, die auch größere Ansprüche
zu befriedigen wissen. Fehlt es doch nicht an einer
langen Reihe geschmackvoll entworfener und sauber
ausgeführter kunstgewerblicher Arbeiten. Nament-
lich haben uns eine Anzahl höchst wertvoller Stock-
griffe gut gefallen, während uns die verschiedenen
Versuche, Schachfiguren künstlerisch zu gestalten,
schon deshalb als misslungen erscheinen, weil sie
für den praktischen Gebrauch untauglich sind.

Die Vollendung des großartigen, von uns in
diesen Blättern bereits beschriebenen Viktoriahauses
an der Ecke der See- und Pragerstraße hat den
Kunsthändler Theodor Lichtenberg aus Breslau in
die Lage versetzt, seine früher auf der Ferdinand-
straße gelegenen Salons in weit besser beleuchteten
und entsprechend ausgestatteten Räumen neu zu er-
öffnen. In den ersten Wochen enthielten sie aller-
dings im wesentlichen nur Marktware mittlerer Güte,
sodass der Besuch derLichtenberg'schen Ausstellung
kaum lohnend erschien. In letzter Zeit aber ist es
gelungen, ihr eine Reihe hervorragender Gemälde
zuzuführen, die eingehender Betrachtung würdig
sind. In erster Linie gilt das von den Bildern und
Skizzen Erich Kubierschky's in München, von denen
eine solche Anzahl vereinigt in Dresden noch nicht
zu sehen war. Ihr Gegenstand ist, wie das immer bei
den Bildern dieses Künstlers der Fall ist, so einfach
wie möglich: auf den meisten kehren Baumgruppen
und Wasser wieder, manchmal ist das Terrain ein
wenig gebirgig, in der Regel aber haben wir es nur
mit Flachlandschaften zu thun. In der Ausführung
sind sie ohne jede Prätension, so schlicht wie das
Stück deutscher Erde, das ihnen als Vorwurf gedient
hat. Wer aber überhaupt Sinn hat für den Reiz
der Einfachheit und gewohnt ist, die bescheidenen
Schönheiten solcher Motive in der Natur selbst zu
sehen, der wird mit Freude bekennen, dass uns in
Kubicrschky ein neues, eigenartiges Talent entgegen-
tritt, von dessen weiterer Entwicklung wir noch
manche schöne Frucht erwarten dürfen.

Im vollen Gegensatz zu der anmutenden Schlicht-
heit Kubierschky's steht die routinirte Fertigkeit Eugen
Bracht's, dessenBilder und Reiseskizzen wirbei Lichten-
berg in einer Sonderausstellung vorgeführt erhalten.
Dass Bracht viel kann, wollen wir nicht leugnen, wir
haben sogar, als er anfing, vortreffliche Heideland-
schafteu von ihm gesehen. Heute wollen uns aber seine
Sachen nicht mehr gefallen, sie sind zu sehr ma-
nierirt und zu wenig fein empfunden. Das ist aber
nur natürlich. Wer wie Bracht heute in der Schweiz,

morgen an der Riviera und bald darauf im Orient
herumlandschaftert, der mag seine Mappen mit geo-
graphisch interessanten Studienblättern füllen, aber
Werke von bleibendem Werte können dabei nicht
entstehen. Die besten Stücke der etwa siebzig Num-
mern zählenden Kollektion gehören daher auch nicht
der orientalischen, sondern der deutschen Abteilung
an. Es sind die Landschaften aus der Mark und
den angrenzenden Gebieten, unter denen sich ein
oder das andere gelungene Bild befindet, wenn auch
keines eine ähnliche Treue der Beobachtung und
des Tones zeigt, wie die Bilder Kubierschky's. Wir
wollen damit nicht sagen, dass die Ausstellung keine
Beachtung verdiene, aber wir meinen von einem
Künstler, wie Bracht ist, Besseres erwarten zu können.

UnterdenübrigenzuAnfangNo vember ausgestell-
ten Gemälden ist Liebermann's Kartoffelacker weitaus
das beste. Hier ist wirkliches Naturstudium vorhanden
und bei der flottesten Behandlung ein unbedingt
sicheres Festhalten des Gesamteindrucks der natür-
lichen Erscheinung. Uhde's „Näherin" am Fenster
ist zwar in Bezug auf die Wiedergabe der Licht-
wirkung gelungen, aber viel zu wenig intim, um
uns fesseln zu können. Auch Harburger s Wirtshaus-
scene gehört nicht zu den besten Stücken des Künst-
lers, der sonst stets die richtige Größe für seine hu-
moristischen Vorwürfe zu finden weiß, sich aber hier
im Format vergriffen und auch in der Farbe zu
stark aufgetragen hat. Ein reizendes Porträt ist
dagegen das von dem Grafen Harrach herrührende
Bildnis der Gräfin Vitzthum, und dass der Dorf-
schulze des Grafen Kalckreuth, der gleich zuerst bei
Lichtenberg zu sehen war, heute aber bereits wieder
aus der Ausstellung verschwunden ist, zu den ver-
heißungsvollsten Werken der jungen Schule gehört,
ist allen Besuchern der vorjährigen Münchener
Jahresausstellung bekannt. Gelingt es. auch in Zu-
kunft die neuen Räume mit so interessanten Bildern
wie gegenwärtig zu versehen, dann dürfte das Lich-
tenberg'sche Unternehmen in der That wesentlich
zur Belebung der Dresdener Kunetinteressen beitragen.

Diesen Zweck verfolgt die unter dem Protek-
torate Ihrer Majestät der Königin Carola stehende
„Ausstellung von Malwerke?!, sächsischer Künstle-
rinnen", die während der Monate November und
Dezember im zweiten Stockwerk des Brühl'schen
Palais auf der Augustusstraße eingerichtet ist, aller-
dings nicht in erster Linie. Vielmehr ist es hierbei
hauptsächlich darauf abgesehen, von dem sich er-
gebenden Uberschusse dem obererzgebirgischen und
voigtländischen Frauenvereine einen möglichst be-
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