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Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 4.1893

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Die Märzausstellung der Düsseldorfer Künstler
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https://doi.org/10.11588/diglit.5367#0168

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In der am 5. März eröffneten Doppelausstellung
hat die Düsseldorfer Künstlerschaft wieder den
Beweis dafür geliefert, dass sie ganz auf der Höhe
der Zeit steht und getrost jeden Vergleich aushalten
kann. Wie im vorigen Jahre, hat die Partei der
sogenannten „.Jungen" (die „Freie Vereinigung Düssel-
dorfer Künstler und ihre Freunde") die großen
Räume des Schulte'schen Kunstsalons inne, während
die „Alten", wie früher, in der Kunsthalle ausstellen.
Beide Teile haben sich diesmal aufs äußerste an-
gestrengt, mit dem guten Erfolge, dass beide ziemlich
ebenbürtig zur Geltung kommen und nicht, wie im
vorigen Jahre, ein entschiedenes Ubergewicht auf
Seiten der „Jungen" liegt. Unter letzteren fehlt
leider diesmal Arthur Kampf.

Lassen wir den „Alten" den Vortritt. Da ist
zunächst Oswald Achenbach's grandiose Farben-
symphonie: „Fußweg zwischen Arricia und Albano
mit Blick auf Rom und die römische Campagna."
Der Meister scheint sich hier noch selbst übertroffen
und in ungehemmter Schöpferlust förmlich geschwelgt
zu haben! Diese grandiose Arbeit enthält eine
Farbenfreudigkeit und satte Harmonie, wie sie selbst
dieser gottbegnadete Künstler noch kaum schöner
erreicht hat. Dicht daneben ist eine ganz andere
aber nicht weniger originelle Künstlerindividualität
mit nicht weniger als neun Porträts und zwei Genre-
bildern vertreten: Christian Ludwig Bokelmann. Selt-
same Ironie! Moderner als Bokelmann kann man
kaum sein und Bokelmann stellt bei den „Alten"
aus! (Wenn dagegen G. von Bochmann als ein
Hauptführer bei den „Jungen" gilt, wie soll man
da noch von einer Trennung und Verschiedenheit
in den Richtungen sprechen?) Das Publikum läuft
in die Ausstellungen, hört die schönen Schlagworte
„Secessionisten", „Idealisten", „Freie Vereinigung",
„Alte", „Junge", und wenn ihm der Kopf brummt
von all dem Wortschwall, soll es da noch Freude
und Genuss an der Kunst empfinden? „Nein, diese
Künstler!" Geduld, ihr Herren, lasst die Geister
und die Farben aufeinander platzen, es muss doch
Frühling werden! Und er kommt! Wer Augen hat
zu sehen, der sieht ihn! — Bokelmann's Porträt-
studie von Claus Grotb ist hochinteressant; sie stellt
den Dichter dar, wie er im Begriff ist zu sprechen:
leicht vorgebeugte Haltung, die Lippen etwas ge-
öffnet, in der linken Hand eine Cigarre, die ganze
Bewegung nachlässig-gemütlich. Auf der linken
Seite des Bildes steht in gutem holsteiner Platt zu
lesen: „De Dicher as Verteiler!" — Nicht weit
davon hängt ein feines Interieur: „Allein": Durch

weiße Gardinen strahlt Licht in einen düstern Raum,
in welchem ein einsamer Knabe auf einer Bank
sitzt; sehr stimmungsvoll. — Die Familienporträts
sind erstaunlich unmittelbar in der Wirkung; keine
Spur von „Manier" und dabei die größte Sicherheit.
Aber schmeicheln thut Bokelmann nicht.' Wenn Sie
ein „hübsches" Bild haben wollen, meine verehrten
Damen, gehen Sie [nicht zu Bokelmann! Keine
Pose, keine vorteilhafte Stellung, alles wird bei ihm
der rücksichtslosen ungeschminkten Charakteristik
und dem rein malerischen Interesse geopfert. Die
in der Nähe hängenden Sachen werden von dieser
titanenhaften Malerei fast sämtlich buchstäblich
„totgeschlagen".

Bochmann's kleines Genre zeigt viel Freiheit in
der Behandlung des Lichtes und eine prächtige
Studie in Rot sind die überraschend virtuosen
„Mohnblumen" der Frau Magda Kröner; doch was
steht auf dem zweiten goldenen Schildchen ge-
schrieben: „Verkauft"? Diesmal das erste und von
einer Dame? Vivant sequentes! Jutr bringt eins
seiner bekannten Geflügelstücke: „Zweikampf aus
Eifersucht" zwischen zwei „Enterichen" in seiner fein
ausgeführten und farbigen Manier. Bei Fagerlin
ist das Interieur einer holländischen Küche zum
Wegnehmen greifbar. Die beiden Figuren, ein junges
Fischerpaar, nicht ganz so ungezwungen, wie man
es wohl wünschen möchte.

Die Marinemalerei ist seit einem Decennium mit
der Entwickelung der moderneu Landschaft gleichen
Schritt gegangen. Diejenigen, welche die immensen
technischen Schwierigkeiten überwinden, sind zwar
nur eine Minorität derer, welche gern Wasser malen
möchten und schließlich erkennen, dass da der guten
Wille nicht ausreicht; aber wir besitzen doch jetzt
eine ganze Reihe Künstler, welche sich das Element
des Meeres zum Spezialstudium gemacht haben und
sowohl Ton und Stimmung wie die Bewegung von
Wellen und Wind mit tüchtigem, teilweise genialem
Pinsel wiedergeben können. Unter den „Alten" hat
Petersen-Angeln zwei umfangreiche Ölbilder (in
denen uns die überschlagenden Wellenkämme weniger
gefallen, als die sehr gut beobachtete Stimmung),
mehrere Aquarelle und ein Dünenbild von Holland
ausgestellt. Das ist „plcinair!" Wie der Sand glüht,
wie die heiße Luft zittert und die aus wolkenlosem
Himmel niederstrahlende Sonne die See wie ge-
schmolzenes Silber erglänzen lässt! Man muss das
aus eigener Beobachtung kennen, um dieses vor der
Natur gemalte Bild zu verstehen. Drei Tage solche
Sonne malen und nicht farbenblind werden ist ein
 
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