Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 5.1894

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Der Kunsthistorisehe Kongress in Nürnberg. I.

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hat: nämlich dass Beschlüsse gefasst und Resolu-
tionen verkündet werden, ohne dass man sich weiter
darum kümmerte, ob sie auch zur Ausführung und
Anerkennung gelangen!

Das vorbereitende Komitee für den Nürnberger
Kongress bestand aus den Professoren Hollxinger
(Hannover), Kraus (Freiburg i. Br.), v. Lütxow (Wien)
und v. Oechelhausen (Karlsruhe). Als fünftes Mit-
glied wollte Janitschek beitreten, der zu den ent-
schiedensten Verfechtern der Kongressidee gehörte.
Aber eben als er sich anschickte, den Aufruf zu
unterzeichnen, entsank die Feder seiner Hand — für
immer. Der Nürnberger Versammlung blieb nur
die traurige Pflicht, seiner in pietätvoller Aner-
kennung zu gedenken. — Von den Mitgliedern des
Nürnberger Lokalkomitees haben sich die Herren
Dir. Hans Boesch, Dr. Fuhse und Dr. Hcmpe um das
Zustandekommen des Kongresses und der mit dem-
selben verbundenen Ausstellung von Kunstwerken
aus Nürnberger Privatbesitz das größte Verdienst
erworben.1) Insbesondere gebührt der wärmste Dank
dem stets bereiten, liebenswürdigen Museumsdirektor
Boesch für seine unermüdliche Thätigkeit. Ihm
dankt der Kongress in erster Linie den schönen,
in den Räumen des Germanischen Museums ihm zur
Verfügung gestellten Saal, der durch Lage und
Schmuck den würdigsten Rahmen darbot für die
ernsten, der Kunst und ihrer Geschichte geweihten
Beratungen.

Wir geben nun einen gedrängten Überblick über
die Verhandlungen, unter Zugrundelegung der sach-
kundigen Berichte, welche der Nürnberger „Frän-
kische Kurier" und die Münchener „Allgemeine Zei-
tung" über den Kongress gebracht haben. Die aus-
führliche Berichterstattung bleibt einer besonderen
Publikation vorbehalten, welche das Bureau des
Kongresses vorbereitet.

Die erste Sitzung nahm am 25. September 9 Uhr
vormittags im Konferenzsaale des Germanischen
Museums ihren Anfang. Anwesend waren etwa
fünfzig Mitglieder und eine Anzahl Gäste. Der Vor-
sitzende des Lokalkomitees, Herr Direktor Boesch,
begrüßte die Versammlung und hieß sie in der Vater-
stadt Dürer's herzlichst willkommen. Sodann verlas
er ein Schreiben des Herrn Kultusministers Dr.
v. Müller in München, welcher lebhaft bedauerte, in-
folge der gegenwärtigen Geschäfts- und Urlaubsver-

1) Die Herren Dr. Ree und Dr. Stockbauer waren durch
zeitweilige Abwesenheit von Nürnberg verhindert, an den
Kongressarbeiten teilzunehmen.

hältnisse nicht in der Lage zu sein, einen Ministe-
rialkommissär abordnen zu können. „Von Herzen
aber wünsche ich," schreibt der Minister, „dass die
bevorstehenden Verhandlungen des Kongresses sich
in erfreulicher und nutzbringender Weise abwickeln
mögen." Ferner kam zur Verlesung ein Schreiben
des Herrn Bürgermeisters Dr. v. Schuh, der leider
durch Krankheit verhindert war, der Versammlung
beizuwohnen, eine Zuschrift des Vereins für Ge-
schichte der Stadt Nürnberg, der seine beiden Vor-
stände, die Herren Justizrat Frhr. v. Kress und Stadt-
archivar Mummenhoff, zur Teilnahme an dem Kon-
gresse abgeordnet hatte und die Mitglieder desselben
zu einer geselligen Vereinigung mit den Mitgliedern
des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg und
ihren Familien in dem Königssaale der Gesellschaft
„Museum" für den Abend einlud. Eine Reihe von
Zuschriften von Fachgenossen, so von Herrn Hofrat
Dr. K. Lind (Wien), Dr. Gaedertx (Lübeck), Dr. Freih.
Göhr von Ravensburg (Koburg), Prof. Dr. Dehio
(Straßburg), Prof. Dr. Fr. X. Kraus (Freiburg i. Br.),
Dr. Th. v. Frinimel (Wien), Dr. Bodenstein (Wien),
gaben dem Bedauern Ausdruck, der Versammlung
fern bleiben zu müssen, und übermittelten herzliche
Wünsche für einen gedeihlichen Verlauf der Ver-
handlungen.

Es wurde hierauf zur Konstituirung des Bureaus
geschritten und zum ersten Vorsitzenden des Kon-
gresses Professor C. v. Lütxow in Wien, zum zweiten
Direktor Boesch, zu Schriftführern Dr. Kötschau-
Georgenthal, Dr. Wolfg. Schmidt-München und Prof.
Dr. Zimmermann-Berlin einstimmig gewählt.

Der erste Punkt der Tagesordnung betraf die
Erhebung des in gewissen Zwischenräumen regel-
mäßig tagenden Kunsthistorischen Kongresses zu einer
ständigen Institution, mit welcher sich alle Anwesen-
den einverstanden erklärten. Es kam ein von dem
vorbereitenden Komitee ausgearbeiteter Statutenent-
wurf für denselben zur Verteilung. Nachdem Prof.
v. Lützow (Wien) einen geschichtlichen Überblick
über die früheren Bestrebungen in dieser Beziehung,
namentlich aber über den kunstwissenschaftlichen
Kongress zu Wien im Jahre 1873 gegeben hatte,
wurde die Übergabe des Satzungsentwurfes an eine
fünfgliedrige Kommission, bestehend aus Dr. Händcke
(Bern), v. Lützow (Wien), Prof. v. Oechelhäuser
(Karlsruhe), Prof. Schmarsow (Leipzig) und Dom-
kapitular Schnütgen (Köln) beschlossen und ihr
aufgetragen, am dritten Kongresstage dem Plenum
über diese Angelegenheit zu referiren.

Dr. Rampe (Nürnberg) hielt hierauf einen Vor-
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