Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 5.1894

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Dresdener Kunstausstellungen.

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auch schon geleistet wäre; im Gegenteil, sobald sich
Meckel aus seiner eigentlichen Domäne, der Wüste
hinaus begiebt und den Versuch macht, z. B. das
Haremsleben zu schildern, überhaupt wenn er als
Figurenmaler auftritt, kommt er über ein immer-
hin anerkennenswertes Mittelmaß nicht hinaus. In
größerer Menge gesehen verlieren diese Bilder sehr
an Reiz, da ihnen eine originelle Anschauung und
der Zauber der Persönlichkeit mangelt. Gleich-
zeitig mit der Ausstellung von Meckel's Nachlasse
wurde uns eine große Reihe von Landschaften Paul
Baums vorgeführt, der es unternommen hatte, den
größten der Lichtenberg'schen Ausstellungsräume
allein mit Gemälden und Zeichnungen von seiner
Hand zu füllen. Wir sind aber nicht der Ansicht,
dass seine Kraft ausreicht, um in so ausgedehntem
Maße, wie er es versucht hat, die Teilnahme des
Publikums zu fesseln. Baum ist sicher unter den
jüngeren Dresdener Malern neben Bantxer und Ritter
das am meisten versprechende Talent. Das beweist
schon allein seine nach einem Motiv aus Goppeln
gearbeitete Landschaft in überhöhtem Format, die
mit ihrer fein abgetönten grauen Luft, der prächtigen,
den Mittelgrund des Bildes einnehmenden hohen
Erlengruppe, dem geschickt im Vordergrunde ange-
brachten Wassergraben und dem saftigen Grün der
Wiesen im ersten Frühjahr einen überaus harmo-
nischen und dabei durchaus wahren Eindruck macht.
Alle übrigen Bilder aber mit ihrer gesuchten Einfach-
heit und ihrer grundsätzlichen Vermeidung jedes land-
schaftlich schönen Vorwurfes können nur den Wert
sorgsam durchgeführter Studien beanspruchen. Auch
sie ermüden durch die Gleichheit des Motivs, nament-
lich deshalb, weil die Luftstimmung in ihnen,
vermutlich gleichfalls absichtlich, so einförmig als
möglich gehalten ist. Zwei, drei solcher Werke lässt
man sich schon gefallen, aber gleich sechsund-
zwanzig Stück von dieser Art, das ist mehr, als man
dem Publikum zumuten darf, das vielleicht einem
bewährten Meister gegenüber bei der Ausstellung
seines Nachlasses Pietät genug für solche Vorarbeiten
bewahrt, das aber mit Recht von einer jüngeren
Kraft ein weniger anspruchsvolles Auftreten erwartet.

Außer in Lichtenberg's Kunstsalon gab es auch
in der Ernst Arnold'sehen Sezessionisten-Ausstellung
am Altmarkt manches interessante und bedeutende
Bild zu sehen, das sich in besserer Beleuchtung und
in angemesseneren Räumen vortrefflich ausgenommen
haben würde. Wir rechnen dazu in erster Linie
mehrere von der letzten Berliner Ausstellung her
bekannte Bilder des Stuttgarter Malers Robert Hang,

| dessen liebenswürdigen, poetisch gedachten und
| technisch vollendeten Werken man immer wieder
gern begegnet, z. B. seinem Liebespaar, das an
einem Sonntagmorgen durch ein wogendes Korn-
feld wandert, oder das verlassene Mädchen, das am
Abend einsam über einen Bauernhof schreitet, seinem
Kummer durch Thränen Luft machend. Beides sind
Werke von echt deutschem Empfindungsgehalt, dabei
durch und durch modern und weit entfernt von der
Rührseligkeit der früher beliebten Düsseldorferei.
Wie Haug's Gemälde, so sind Albert Kellers kolo-
ristisch vorzüglich gelungene „römische Idylle" und
der sorgfältig durchgeführte Studienkopf einer „Bre-
tagnerin" bereits von der letzten Berliner akade-
mischen Ausstellung her bekannt. Neu dagegen war
eine Reihe von Landschaften, unter denen wir die-
jenigen Theodor Hagen's, von Gleichen-Ruß wurm1 s,
Meyer s-Basel und Ludwig DüVs hervorheben wollen.
Gleichzeitig waren auch hier zwei Winterbilder aus-
gestellt, eine „Winternacht" von L. von Kaiekreuth
die wir nicht zu den besten Arbeiten dieses sonst
so trefflichen Künstlers zählen möchten, und ein
brillanter „Wintermorgen" von Hubert von Heyden,
den man allerdings nur aus ziemlicher Entfernung
betrachten darf, der aber, richtig gesehen, wegen des
überaus wahren Tones und wegen der Sicherheit der
Zeichnung überraschend wirkt. Bei weitem die besten
Stücke, die die Arnold'sche Ausstellung in letzer Zeit
geboten hat, rührten von Liebermann her, dessen
Pastellzeichnung: „Am Arno" und dessen „Nähschule"
aufs neue einen Beweis dafür liefern, wie selbst der
schlichteste Vorwurf bei einer im besten Sinn natu-
ralistischen, alles kleinliche Detail vermeidenden Be-
handlung zu packen vermag, zumal in Liebermann's
Werken stets die Hand einer eigenartigen, auf sich
selbst gestellten künstlerischen Persönlichkeit zu
spüren ist. Als ein treuer Gast des Arnold'schen
Unternehmens hat sich bisher auch Fritz von Uhde
gezeigt. Außer seinen schon von früher bekannten
Arbeiten, dem Schauspielerp orträt, der „lachenden
Alten" und dem „lesenden Mädchen" brachte die
Ausstellung noch ein kleineres Gemälde von seiner
Hand, das uns noch fremd war, die Darstellung des
jungen „Tobias", der von seinen Eltern Abschied
nimmt, um Heilung für den erblindeten Vater zu
suchen. Ziemlich gering blieb bisher die Beteiligung
des Auslandes an der Ausstellung. Wir sahen in
ihr zwei weniger bedeutende Arbeiten Hubert Her-
komer's, „Die Pflegemutter" und „Fahrendes Volk"
betitelt, einige gute Landschaften des Mailänders
Segantini, ein ausgezeichnetes Tierbild von Oaston
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