Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 5.1894

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Sammlungen und Ausstellungen.

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ständige Ergänzung des jugendliehen Frauenkopfes aus Per-
gamon anzufertigen, dessen verstümmeltes Marmororiginal
sich im Königliehen Museum zu Berlin befindet. Alle deut-
schen Künstler (Angehörige des Deutschen Reiches) sind be-
rechtigt, an der Bewerbung teilzunehmen. An diejenigen
Künstler, welche sich innerhalb sechs Wochen nach Erlass
des Ausschreibens als Teilnehmer an der Konkurrenz bei
der Generalverwaltung der Königlichen Museen in Berlin
melden, kann ein Abguss des Kopfes zum Vorzugspreise von
5 Mark geliefert werden; später tritt der gewöhnliche Ver-
kaufspreis (12 M.) wieder ein. Von dem ergänzten Original-
abguss ist ein Abguss bis zum 31. Dezember d. J. mittags
12 ühr mit Angabe des Namens und Wohnortes des Künst-
lers an die Generalverwaltung der Königlichen Museen in
Berlin kostenfrei einzuliefern. Die Entscheidung über den
Preis erfolgt durch Se. Majestät den Kaiser und König un-
mittelbar und wird an seinem Geburtstage, dem 27. Januar
1895, bekannt gemacht werden. Die nicht prämiirten Köpfe
sind binnen 14 Tagen nach Bekanntmachung des Preises
wieder abzuholen. Nach diesem Zeitpunkte werden sie den
Eigentümern auf deren Kosten zugesandt werden.

SAMMLUNGEN UND AUSSTELLUNGEN.

A. R. Die dritte Ausstellung der Vereinigung der „Elf"
in Berlin ist am 25. Februar bei Eduard Schulte eröffnet
worden. Im Gegensatz zu den „24" und anderen Vereini-
gungen dieser Art hat der Bestand der „Elf" nur eine ein-
zige, freilich sehr bedeutsame Veränderung erfahren: an die
Stelle des ausgeschiedenen Strand- und Landschaftsmalers
Müller-Kurxteelly, der schon im vorigen Jahre wegen Zurück-
weisung eines Bildes durch die Jury der „Elf" mit seinen
Genossen in Konflikt geraten war, ist Max Klinger getreten.
Nach seiner Übersiedelung nach Berlin scheint er schnell
zu einem „führenden Geiste" geworden zu sein, und die Ver-
einigung der „Elf" konnte wirklich keinen passenderen Er-
satz für den verlorenen Vertreter einer veralteten, völlig
romantischen Richtung finden. Klinger hat bei den „Elf"
mit seiner großen „Kreuzigung" debütirt, die in Berlin noch
nicht ausgestellt worden war. Sie ist an dieser Stelle schon
so oft erwähnt und besprochen worden, dass wir nichts
weiter darüber sagen wollen. Es kommt auf den Stand-
punkt des Beurteilers an, und das letzte Wort wird schließ-
lich die Zeit sprechen, die uns darüber belehren wird, ob
übertreibende Nachahmung alter Meister oder selbständiges
Schaffen unserer Kunst neue Wege bahnen wird. Die
übrigen zehn sind dieselben geblieben, dieselben Namen und
dieselben Künstler, nur mit einzelnen Schwenkungen, die
die noch Unentschlossenen und Zögernden den Extremen
näher gebracht haben. Hans Herrinann, der treffliche
Schilderer holländischen Straßen- und Marktlebens, gefällt
sich auf Landschaften und Blumengärten in der Verbindung
der wildesten Farbenkontraste, in den buntesten Farben-
tupfen, die aussehen, als ob sie auf die Leinwand gespritzt
wären. Walter Leistikow zaubert Park- und Waldlandschaf-
ten bei abendlicher Beleuchtung in Pastell, die auf den Be-
schauer wie Traumgesichter und gespenstische Nachtstücke
wirken. Sehnars-Alquist, der sonst so gesund blickende Ma-
rinemaler, quält sich in einer „Ozeanbrandung", es dem
„blauen Wunder" E. Hildebrandt's gleich zu thun, und der
Porträtmaler George Mosson hat in den Bildnissen eines
Herrn und einer Dame abermals versucht, das Problem der
Symphonie von Blau und Grün zu lösen, ein Beginnen, das
an die Auffindung der Quadratur des Zirkels erinnert. Fried-
rich Stahl hat auf einem Bilde, das ein auf einer blumigen

Wiese sitzendes nacktes Mädchen darstellt, in der schum-
merigen, unbestimmten Modellirung des Körpers mit Pigl-
hein gewetteifert. Im übrigen verbringt er seine Zeit jetzt
damit, orientalische Thongefäße mit irisirenden Farben zu
bemalen. Alberts, der Maler der Halligen, der immer Fischer-
und Schifferstuben mit ihren Insassen in immer sich gleich blei-
bender Trockenheit malt, MaxIAebcrmann, L.v.Hofmann und
Franz Skarbina haben keine Überraschungen geboten, was
auch nicht auffallen kann, da insbesondere Liebermann und
Skarbina so fleißig ausstellen, dass ihnen trotz ihrer Frucht-
barkeit für die Ausstellung der „Elf" kaum etwas von ihrer
gewöhnlichen Art Abweichendes übrig bleibt. Nur ein Bild
Skarbina's giebt Veranlassung zu einer neuen Beobachtung:
ein nur bis zur Hälfte seines nackten Körpers sichtbares
junges Mädchen, das, mit einem Feldblumenkranze im Haar
und einem Strauß von Maßliebchen in der Hand, über eine
Wiese schreitet. Es ist ein Reflex der phantastischen Art
L. v. Hofmann's, nur dass die Figur gut gezeichnet und
modellirt und das Kolorit zart und verschmolzen ist. Man
spürt doch einen Hauch poetischen Empfindens, etwas von
Stimmung und wirklicher Naturpoesie, während die trocken
gemalten, bizarr komponirten und in der Perspektive un-
möglichen Wald-, Fluss- und Strandlandschaften L. v. Hof-
mann's mit ihren roh gezeichneten, wie stumpfsinnig den
Beschauer anstarrenden Figuren einen widerwärtig grotesken
Eindruck machen, der jede andere Empfindung zurück-
drängt. Der letzte der „Elf", Hugo Vogel, hat nur ein Bild
beigesteuert: die Gestalt eines greisen Kirchenvaters auf
seinem Ehrenplatz in der Dorfkirche. Es ist eine sehr
solide und gesunde, gründlich durchgeführte Arbeit, die sich
unter dem unreifen und phantastischen Zeug, das seine
nächste Umgebung bildet, höchst seltsam ausnimmt. Es
würde uns freuen, wenn der tüchtige und vielseitige Künstler
damit ein neues Zeichen zur Umkehr und zur Einkehr in
sein besseres Selbst gegeben hätte.

Düsseldorf. Bei Ed. Schulte sind eine Menge neuer
Bilder angelangt, kaum dass die „Münchener 24" ver-
abschiedet sind. Im vorderen Zimmer hat Carl Kappstein
eine Reihe tüchtiger Aquarelle, die von großem Natur-
studium zeugen; es sind feintönige Landschaften mit
allerlei Jagdstaffage, balzenden Auer- und Birkhähnen, Wild-
enten und einem Uhu mit einer Menge Saatkrähen, ganz
lebendig aufgefasst, in der Zeichnung sicher und im Kolorit
kräftig und gediegen. Die Studien von P. Schröter zeigen
ein kräftiges, modernes Talent, welches hier und da noch
ein klein wenig mit dickem Farbenauftrag und „Pastosität"
kokettirt. Sehr groß empfunden sind die beiden Land-
schaftsbilder von Emmg Lischkc („Abend" und „Waldes-
weben"). Bei ersterem stört ein etwas zu krass gelber Son-
nenuntergang, der Vordergrund, die Wasserfläche und das
von leisem Hauch bewegte Riedgras sind brav und kräftig
gemalt, von feinem Farbengefühl und Poesie in der Auf-
fassung der Natur Zeugnis gebend. Das „Waldesweben" ist
eine „Studie in Grün"; das schwere koloristische Problem
ist gut gelöst, die Abstufungen der Töne sind fein durchgeführt.
Auch hier offenbart sich eine entschiedene Begabung, aus
der Natur die poetische Stimmung herauszuholen. Alexander
Wagncr's großes Gemälde einer maurischen Moschee mit
zahlreichen Figuren ist recht langweilig und lässt kalt; zu
bewundern ist aber der riesige Fleiß, die gute Zeichnung
und Technik. Hans Petersen hat eine Reihe Marinen aus-
gestellt, die in mancher Beziehung von großer Auffassung
des Meeres Zeugnis geben. Leider ist die Technik etwas
hart und manierirt; auch fehlen bei den Sturzwellen die
Reflexe im Wasser. Es scheint, als wenn dem Künstler die
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