Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 5.1894

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Die M&rzaiiBstellungen der Düsseldorfer Künstler.

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kein Fortschritt. Petersen-Flensburg'»: „Im Hafen
von Bergen" ist breit und flott genialt und sehr
farbig.

In der Landschaft waren die Hauptvertreter ziem-
lich vollzählig erschienen. Gregor von Bochmann hatte
drei wie immer vollendete Beiträge geliefert. Den bei-
den kleinen holländischen Strandbildern möchte ich vor
den großen (Rast am Krug, Motiv aus Esthland) den
Vorzug geben. Uberhaupt scheinen die kleinen For-
mate diesmal weit glücklicher gelungen als die großen
„Schinken". Da ist z. B. G. Mary' köstlich frisches,
kleines Motiv aus dem „Malkasten garten", eine famos
duftige Studie in Grün. Prächtig ist auch Olaf Jern-
berg's „Winterlandschaft". Der fleißige Künstler, der
Winter und Sommer im Freien arbeitet, ringt der
Natur mit rastloser Energie ihre Werte ab, indem
er unausgesetzt mit ihr in Berührung bleibt. Er
ist ein modernes Talent, nicht „wie es im Buche
steht", sondern wie es, allzeit empfänglich, nicht von
„des Gedankens Blässe angekränkelt", der reinen
Natur gegenübersteht. Heinrich Hermann's Riesen-
leinwand „Neapel" ist das Gegenteil davon, zusam-
mengeleimt und komponirt, schwer und „pappig"
in der Farbe und ohne Italiens Duft. Für eins seiner
kürzlich ausgestellten kleinen Aquarelle oder die
„Villa Tosca" (Palermo) schenkt man ihm gern ein
Halbdutzend davon. Der immer ernste G. Irmer war
mit zwei Landschaften seiner würdig vertreten. A uch
//. Härtung brachte eine groß aufgefasste „Eifelland-
schaft". Oeder 's vornehm getönte, fein durchgeführte
Motive, welche die „Poesie der Ode" so unvergleich-
lich zum Ausdruck bringen, und Prof. Ludwig Munthe
sind so anerkannte Sterne der Düsseldorfer Land-
schafter, dass sich nicht viel mehr über sie sagen
lässt. Der Stimmungsgehalt bei beiden dürfte kaum
zu übertreffen sein. Aug. Schlüter brachte wieder
seine fein empfundenen Aquarelle, die sich, beson-
ders die Schneestudien, in sehr einfacher Technik
zu bewegen scheinen. Carl Schultze's „Winterstudie
aus Düsseldorf" ist gut, die Tauschncestimmung
getroffen und der Ton wahr und einbeitlich. Fritz
von Wille's Ansicht aus der Vogelperspektive auf
„Alt-Düsseldorf" hat auch etwas Wahres in der Farbe,
leidet aber an einigen Härten. Hermann Lasch's „Ge-
höft in den Dünen" ist ehrlich und ernst gemalt.
Die Schafe würden besser fehlen, oder bei dem stür-
mischen Wetter nicht so gemütlich dastehen. Liese-
gang und Eugen Kampf hatten Gutes gebracht; in der
Zeichnung weniger als in der Farbe und in der breiten
Behandlung möchte ich Liesegang den Vorzug geben.
Da war noch ein großes Bild, „Ruhe" betitelt, von

('. Vinnen. Eine taleutirte, kräftig gefärbte syinbo-
lisirendc Landschaft mit hohen Stämmen im Vorder-
grunde und, nach oben zu, blitzblauem Himmel. Ge-
schmacksache! Doch da hätten wir beinahe zwei
Namen von erstem Klang vergessen: Carl Gchrts
und Hugo Mühlig. Ersterer brachte ein sehr durch-
geführtes, farbiges Olbildchen mit seinen reizenden
Gnomen, die zwei Maikäfer getötet zu haben schei-
nen. Der eine hält eine Rede mit renommirender
Handbewcgung. „Jägerlatein" heißt das Bildchen.
Mühlig's „Heimkehr von der Treibjagd" ist ein ähn-
liches Motiv, wie sein Bild im Vorjahre, die Behandlung
der sonuenbeleuchteten Schneefläche ist virtuos. Von
den beiden anderen kleineren Bildern („Spätsommer"
und „Kornbinden"), die an Sonnigkeit und meister-
hafter Beherrschung der Mittel den daneben hängen-
den kleinen Bochmann s Konkurrenz machten, ist das
letztere gleich verkauft worden. Zum Schluss möchte
ich noch des interessanten Kircheninterieurs aus Ve-
nedig von Prof. Ail. Schill und der einzigen plasti-
schen Arbeit, „l'orträtbüste von Clemens Buscher, Er-
wähnung thun. Sie ist sehr einfach behandelt und
gut getroffen.

Lässt man den Gesamteindruck des Gesehenen
noch einmal auf sich wirken, so scheint mir die all-
gemeine künstlerische Entwickelung in Düsseldorf
ihren harmonischen, natürlichen Gang zu gehen.
Franz Servaes hat kürzlich einmal in seiner geist-
vollen Weise München und Berlin mit einander ver-
glichen und meint: „In Berlin verschwindet der
Künstler in der Masse. Er kommt nicht in die Ver-
suchung sich einzubilden, dass ihm alle Welt zum
Atelierfenster hineingucke und sorgsam beobachte,
ob er in einen grünen, blauen oder violetten Far-
bentopf greife. Er fühlt sich mehr und intensiver
als Individuum. Er lernt die Kunst als einen Teil
der allgemeinen großen Kulturbewegung kennen. —
— Anders in München. Dort hockt alles viel zu
sehr aufeinander und wird die ewigen Farbendünste
nicht los. Ein rigoroses Fachmeiertum bildet sich
aus. Man sucht sich gegenseitig durch malerische
Virtuosenstückchen zu steigern und zu schrauben.
Die Individualität sinkt im Wert und das verblüf-
fende Können tanzt als Schaum auf der Welle."

Nimmt man Düsseldorf als „drittes Centrum",
so passt weder das eine noch das andere darauf.
Der Künstler verschwindet nicht so in der Masse,
hockt aber auch nicht so permanent im Farbendunst,
wie in München. Fremde Einwirkungen stören hier
den Entwickelungsgang des Einzelnen nicht so un-
mittelbar und nehmen ihm nicht den Atem zum
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