Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 5.1894

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Bücherschau.

— Nekrologe.

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Werke näher zu kennen, von ihnen mächtig ange-
zogen werden. Weniger kräftig, aber gemütvoller
und sorgfältiger durchgeführt erscheinen diu Bilder
Eilif Petersen's, eines Künstlers, der sich in den ver-
schiedensten Sätteln zu bewegen weiss, der sich aber
neuerdings namentlich als Landschafter einen Namen
gemacht hat. Er hat vier Bilder ausgestellt, von
denen jedes in seiner Art unsere Aufmerksamkeit
verdient. Uns hat das „Strand vogel" genannte Bild,
auf dem wir einen in seiner Kleidung ziemlich her-
untergekommenen Alten nach der See nach Beute
auslugen sehen, am besten gefallen, weil der von
dem Künstler gewählte warme, graue Ton der Wirk-
lichkeit ungemein nahe kommt und wir förmlich
die Seeluft beim Betrachten des Bildes einzuatmen
glauben. An dein Bilde, das uns zwei Mädchen mit
der „Schafschur" beschäftigt zeigt, berührt uns gleich-
falls der warme, violett abgetönte Abendhimmel be-
sonders wohlthuend, während uns der „Sommerabend"
mit dem Mädchen, das einsam in der Nähe eines
Gehöftes auf der Düne sitzt und ihre Blicke nach
der stillen See schweifen lässt, zwar gleichfalls wahr,
aber etwas nüchtern vorkommen will. Otto Sinding,
der lange Zeit hindurch in München thätig war,
seit einer Reihe von Jahren aber wieder in seiner
Heimat lebt, ist wie Petersen ein überaus vielseiti-
ges Talent. Diesmal lernen wir ihn nur als Land-
schafter und Tiermaler kennen, dessen Stärke weni-
ger in der Fähigkeit, das Charakteristische einer
Gegend zu erfassen, als in der feinen Empfindung
für den Ton und die Einheit der landschaftlichen
Stimmung zu bestehen scheint. Wundervoll saftig
ist Christian Skredsvig das Grün der Wiesen auf sei-
ner Landschaft aus Telemarken gelungen, von dem
sich das dunklere Grün des Waldes im Hintergrunde
und das Braun der beiden Säterstuen im Mittel-
grunde prächtig abhebt. Mit besonderer Vorliebe
schildern die norwegischen Maler ihre heimatliche
Landschaft im Winterkleide. Sie leisten durchweg
in der Darstellung von Schnee und Eis Hervorra-
gendes, wovon die Bilder Frederick Collet's, Edvard
Diriks' und Jörgen Sörensen's vortreffliche Beispiele
abgeben. Der derbe Naturalismus aber, der als ein
charakteristisches Merkmal der heutigen norwegi-
schen Maler angesehen werden muss und der z. B.
an dem Lootsenbild Christian Krohg's in der Dres-
dener Galerie so sehr in die Augen fällt, kommt in
dem „Frühstück" betitelten großen Figurenbild Gustav
Wentzel's am meisten zur Geltung. Trotzdem wird
man auch dieses Bild nicht verwerfen wollen, da es
das Leben der kleinen Leute vortrefflich veranschau-

licht und da die Schwierigkeit der doppelten Beleuch-
tung durch die ersten Strahlen der aufgehenden
Sonne und durch die noch brennende Lampe spie-
lend gelöst ist.

I burhaupt ist der Gesamteindruck, den man aus
dieser Ausstellung mit fortnimmt, durchaus günstig,
da die Summe des hier aufgewendeten Fleißes, der
Ernst der künstlerischen Bestrebungen, der große
Respekt vor der schlichten Wahrheit, der allen die-
sen Arbeiten eigen ist, uns Hochachtung abnötigt.
Jedenfalls ist die norwegische Ausstellung die ge-
lungenste, die die Ernst Arnold'sche Kunsthandlung
bisher in ihren neuen Räumen veranstaltet hat, und
wir wollen nur wünschen, dass solchen Bemühungen
und Opfern der Erfolg in Gestalt einer gesteigerten
Anteilnahme des kunstsinnigen Publikums Dresdens
nicht fehlen möge. H. A. LIER.

BÜCHERSCHAU.

* Von Wocrmann's in der Kunstchronik erst vor kurzem
angezeigtem Buch: „Was uns die Kunstgeschichte lehrt"
(Dresden, L. Ehlermann) ist soeben die dritte, verbesserte
Auflage erschienen und eine vierte in Vorbereitung. Der
seltene Erfolg zeigt, dass dem Autor die Lösung der Auf
gäbe, die er sich gestellt, „zwischen älteren und jüngeren
Kunstanschauungen eine Brücke zu schlagen", in weiten
Leserkreisen geglückt ist. Wir selbst bekennen, dass der
Standpunkt, den der Verfasser für seinen Brückenschlag ge-
wählt hat, im wesentlichen der unsrige ist. Woermann be-
zeichnet ihn wiederholt ganz bestimmt, am besten vielleicht
mit folgenden Worten: „Wenn die Lehren der Kunst-
geschichte ihre Schuldigkeit thun, so müssen sie uns in den
Stand setzen, unbeirrt durch den Lärm der Parteien be-
währtem und gediegenem Alten unsere Huldigung darzu-
bringen, Neuem und Ungewohntem, ohne zu erschrecken, in
die Augen zu blicken und, soweit es menschlicher Erkennt-
nis möglich ist, im Jetzt das Künftige zu erschauen". Die
schlichte und verständige Art. mit welcher der Autor diese
Grundanschanung den Meistern der Vergangenheit wie der
Gegenwart gegenüber ohne Voreingenommenheit und Ober-
treibung zur Geltung bringt, erklärt den Beifall, den sein
kleines Buch findet. Kunsthistoriker und Künstler können
sich dessen in gleichem Maße freuen.

NEKROLOGE.

*»* Der englische Bildhauer William Coldcr Marschall,
der Schöpfer zahlreicher Ideal-, Geniefiguren und Porträt-
statuen und des Denkmals des Herzogs von Wellington in
der Paulskirche zu London, ist daselbst am 17. Juni im
Alter von 81 Jahren gestorben.

*„* Der schottische Landschaftsmaler William Hart,
der seit 1831 in Nordamerika (Albany), seit 1853 in New
York lebte, ist daselbst Mitte Juni im Alter von 72 Jahren
gestorben.

*„* Der Maler Hermann Schlösser, der sich namentlich
durch mythologische Gemälde bekannt gemacht hat (die
aus dem Meere aufsteigende Aphrodite, Thetis von Peleus
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