Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 5.1894

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Korrespondenz.

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großen Kathedralen herbeiführen müsste. Von kunst-
geschichtlicher "Wichtigkeit sind die Bemerkungen
Schmidt's über den Zusammenhang der Details am
St. Veitsturm in Prag und am St. Stepliansturm
in Wien. Auch in seinen verschiedenen, in Wien
gehaltenen Vorträgen hat Schmidt dem Gedanken
Ausdruck gegeben, dass der Vollender des Stephans-
turmes, Johann von Prachatic, zuerst am St. Veits-
dom thätig gewesen sein müsse, wegen der „merk-
würdigen Ubereinstimmung der Diktion der Formen"
an den oberen Teilen beider Türme. Schmidt meint
daher, dass namentlich die an St. Stephan so cha-
rakteristischen Giebelbildungen bei der oberen Ent-
vvickelung des St. Veitsturmes ebenfalls anzuwenden
wären. Höchst vorsichtig äußert sich der Meister
über die beabsichtigte polychrome Ausmalung des
Inneren (1874). Ganz entschieden plaidirt er dagegen
(1877) für die Notwendigkeit einer Westfassade mit
flankirenden Tünnen, wie sie bekanntlich inzwischen
((tatsächlich zur Ausführung gekommen ist. Sie
rechtfertigt sich nicht nur aus ästhetischen und
konstruktiven Gründen, sondern hauptsächlich wegen
der Sicherung des Langhauses gegen die Wucht
der Stürme, „welche sonst gerade von dieser Seite
in die weit geöffneten Räume unter den Strebebögen
verheerend einbrechen könnten".

Uber den Bau der St. Barbarakirche zu Kutten-
berg, nächst dem St. Veitsdom eines der mit Recht
berühmtesten Bauwerke Böhmens, findet sich leider
kein Gutachten Schmidt's vor. Dort ist gegenwärtig,
und zwar unter der Leitung des Prager Dombau-
meisters, ebenfalls ein neuer Fassadenbau im Werk,
der sich bei der hohen und exponirten Lage der
Kirche wohl aus ähnlichen Gesichtspunkten recht-
fertigen lässt, wie sie Schmidt beim St. Veitsdom
geltend machte.

Als ein Beispiel der oft mit feinem Humor
gewürzten Ausdrucksweise Schmidt's möge sein Vo-
tum über die Restauration der Egerer Kaiserburg
angeführt werden. Da war u. a. eine neue Ein-
deckung des Wachlokals beantragt. Schmidt schlägt
dafür Holzcement und Rasen vor und setzt hinzu:
„Besser ist esimmerhin als Dachpappe, denn die Begriffe
Kaiserburg und Dachpappe schließen sich absolut aus".—
Nicht ohne Lächeln wird man auch die Bemerkungen
über den (1.886) eingestürzten Turm von SekJcau
lesen, die zugleich die eigentümliche, leider nur kon-
sultative Stellung der Centraikommission scharf be-
leuchten. Schmidt sagt: „Der Herr Konservator
(Graus) spricht ein großes Wort gelassen aus, indem
er in dieser Angelegenheit das energische und mög-

lichst direkte Eingreifen der k. k. Centraikommission
anruft. Dass der nun eingestürzte Turm zu dieser
Katastrophe schon überreif gewesen ist, war längst
bekannt, und das einzige Mittel, welches der Cen-
tralkommission zu Gebote stand, um das Unheil ab-
zuwenden, nämlich die Intervention bei der Regierung,
wurde in Anwendung gebracht. Allein derartige
Lirnike Türme haben nicht mehr Zeit, auf die akten-
mäßige Stellung einer Diagnose ihrer Krankheit zu
warten; sie vergehen, wenn die Doktoren der Ar-
chitektur nicht sogleich mit Radikalmitteln ein-
greifen können. Dieser Turm ist lediglich ein neues
(>pfer der falschen Organisation des öffentlichen Dienstes
für Erhaltung der Baudenkmale, und wenn nicht in
elfter Stunde hierin eine Änderung eintritt, so werden
sich die Opfer von Jahr zu Jahr mehren."

Bekanntermaßen besitzt die Centralkommission
auch heute noch die gleiche, nicht genügende Or-
ganisation, wie uns der Fall des Linzer Thores in
Salzburg gelehrt hat. Dieses ist nicht seiner eigenen
Baufälligkeit, sondern der vandalischen Gesinnung
des Bürgermeisters und Rates der Stadt Salzburg
zum Opfer gefallen, ohne dass die Remonstrationen
der dortigen Kunstfreunde und der gute Wille der
Centraikommission es hätten schützen können. Den
Bürgermeister und den ihm gleichgesinnten Antrag-
steller in dieser traurigen Angelegenheit hat freilich
inzwischen das verdiente Geschick ereilt: sie wurden
von der Bürgerschaft nicht wiedergewählt. Aber
zugleich mit ihnen liegt das stattliche Linzer Thor
am Boden!

Wir können es bei dem Gesagten bewenden
lassen, um die Leser auf die Wichtigkeit der hier
angezeigten Schrift hinzuweisen. Dieselbe enthält
nicht nur eine Fülle für den Praktiker beachtens-
werter Einzelheiten aus dem Umkreise der öster-
reichischen Denkmälerwelt, sondern sie hat zugleich
für die Beurteilung zahlreicher prinzipieller Fragen
der öffentlichen Kunstpflege und namentlich des
Bauwesens im weitesten Sinne die größte Bedeutung.

G. v. L.

KORRESPONDENZ.

Dresden, Ende August 1894.

Seit dem 1. August haben sich in Dresden die
Pforten des neuen Ausstellungsgebäudes auf der
Brühi'schen Terrasse geöffnet, um Künstler und
Kunstfreunde zum Besuch der akademischen Kunst-
ausstellung einzuladen, der ersten, die nach fünf-
jähriger, durch den Mangel an einem geeigneten
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