Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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Nachträgliches zu den „Baidungstudien"

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Stimmungsmotiv „Der Wagen in der Düne" und die
„Amsterdamer Waisenmädchen" in den Besitz der Heerup-
sammlung übergingen.

Liebermann gehört schon heute zu denen, über die
die neueste Entwicklungsphase hinaus gekommen zu
sein glaubt. Es geht das jetzt recht schnell, aber diese
Hast kleidet nicht gut. Eine Eichtling löst die andere
ab, ehe sie sich harmonisch auszuleben Zeit hat. Ein
neuer — „ismus" schlägt den andern tot und was gestern
Evangelium war, ist heute vielleicht schon Ketzerei.
Bei Liebermann sind zwei Gesichtspunkte nicht zu über-
sehen: erstens dass er, wenigstens für Deutschland, ein
Anreger war und zweitens sein letztes Wort vielleicht
noch nicht gesprochen hat. Größere und geschicktere
Talente sind nach ihm aufgetreten, die wohl bestimmt
waren, seine Wege auszubeuten und auch über ihn hin-
weg zu kommen. Auf den Schultern eines andern sich
empor zu arbeiten und seine Pionierarbeit auszunutzen,
ist in gewissen Grenzen erlaubt und gerechtfertigt.
Man soll aber die Pfadfinder darüber nicht verleugnen
und ihnen auch da noch Dankbarkeit zollen, wo man
ihrer schon entraten zu können glaubt. Das mögen die
„Jüngsten" den „Jungen" und die Jungen den „Alten"
niemals vergessen!

Heerup war auch einer der ersten Sammler, welche
der tiefgründigen Eigenart des Hamburger Landschafters
Thomas Herbst mit Verständnis entgegen kamen. Der
kleine „Feldweg", ein leuchtendes Stück Natur in ver-
hältnismäßig noch bunten, heiteren Farben, aber dabei
doch von einem zarten Hauch der Melancholie umspielt,
entstammt aus seiner frühen Periode. Ein späteres
größeres Stück zeigt ihn bereits in seinen tief satten,
grau-grünen Akkorden, bei völlig freier breiter Vortrags-
weise. Seine landschaftlichen Momentstiinmungen und
Eindrücke sind meistens aus der nächsten Umgebung
von Hamburg genommen. Ein Flussufer, eine grüne
Weide bei bedeckter Luft, ein einsamer Kanal genügt
ihm, um seine tieftraurige Poesie darüber auszugießen.
Herbst ist durch und durch Lyriker, aber ohne weich-
liche Sentimentalität. Dafür ist er zu männlich ernst,
fast düster. Er weckt Klänge und Erinnerungen an
Schumann'sche Adagio's oder an die Sänge der schottischen
Barden Ossians, unter dem dunklen Gewölk des nor-
dischen Himmels.

Es ist bedauerlich und merkwürdig, dass dieser
eigenartig tiefe Farbenpoet noch nicht in weitere Kreise
gedrungen ist.

Von der Schule von Barbizon und den neueren Fran-
zosen besitzt die Sammlung meines Erinnerns nur einen
kleinen Diax. Jedenfalls ist in dieser Hinsicht die
Galerie Behrens für Hamburg das Mekka aller derer,
welche die teuersten und exquisitesten Perlen dieser Art
sehen wollen. Heerup suchte überhaupt keine speciellen
Schulen, keine Vollständigkeit. Was ihm gefiel, nahm er.
Eine silberbraune Birkenwaldstudio von Munkaosy und

zwei Winterbilder von Rünthe sind mir aufgefallen in
dieser anspruchslosen kleinen Galerie, für die die Be-
zeichnung „wenig, aber fein" voll am Platze ist.

Dem Hamburger Musenmsdirektor kommt das Ver-
dienst zu, diese Werke der Kunsthalle zugeführt und
als vollständiges Ganzes erhalten zu haben. Sie wären
sonst vermutlich, wie der Besitzer sich einmal wehmütig
zu mir äußerte, unter den Hammer gekommen und durch
die (lachenden) Erben des alten Junggesellen, der für
die fehlenden Familienfreuden einen Ersatz m Kunst
und Poesie gefunden hatte, in alle Winde zerstreut
worden.

Über das Wirken und Streben Alfred Lichtwark's,
des Hamburger Kunsthallendirektors, haben berufenere
Federn — unter ihnen Richard Muther in der „Neuen
Deutschen Rundschau" — beredtes Zeugnis abgegeben,
dem ich nur bescheidene Bewunderung hinzuzufügen
vermag. Zu seinen „besten Thaten" gehört auch die
„Rettung" der Heerupsammlung für die Hamburger
Kunsthalle.

NACHTRÄGLICHES ZU DEN „BALDUNG-
STUDIEN''.

In der „Kunstchronik", N. F. V, 98\ff. war von
einem Gemälde der Baseler Kunslsammbunj, der ../)rri-
cinigkeit zwischen Madonna und Ägydi/us" (NrNSl) die
Rede, das der Katalog in seiner letzten, zur Zeit der
Niederschrift des Artikels vorliegenden Auflage (1891)
als „Schäufelein" aufgeführt hatte. Der Stücharakter
des Bildes ergab jedoch zur Evidenz, dass es sich um
ein zwar geschäftsmäßiges, aber eigenhändiges. Produkt
Baidung Gliens handelt — eine Bestimmung, die durch
die Person des Stifters, der in dem Freiburger Kirchen-
meister Ägydius Has nachgewiesen werden konnte, eine
erfreuliche Bestätigung erfuhr. Nachdem sich schon
früher Thieme in seiner Schäufeleinmonographie für den
Straßburger Maler ausgesprochen hatte, konnte auch
die Neuauflage des Kataloges von 1894 nicht umhin,
der vorgeschlagenen Umtaufe, wenn auch zunächst mit
dem einschränkenden Zusätze „Art des H. Baidung Grien",
beizutreten.

Uber dieses Gemälde ergreift nun neuerdings Terey
im „Repertorium" (XVIII, 199 ff.) das Wort zu einigen
polemischen Bemerkungen, deren Breitspurigkeit im um-
gekehrten Verhältnisse steht zum Werte des Bildes wie
zu ihrem eigenen positiven Inhalte. In dem Gemälde-
verzeichnisse des Verfassers war jeder Zusammenhang
der Tafel auch nur mit der Richtung Baidungs geleugnet
und dieselbe der „Werkstatt Schäufeleins" zugeschrieben
worden. Die zwischen zwei gefälschten Monogrammen
Schäufeleins noch sichtbaren Reste der echten Bezeich-
nung Baidungs fanden ebensowenig wie das vorhandene
Stifterwappen Erwähnung — von irgend einer Stilunter-
suchung, zu der gerade dieses, dem Künstler schon ein-
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