Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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Die neu geordneten Niederlande in der Wiener Galerie.

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auf dem rechten eine Scene, deren sichere Deutung ich
noch nicht gefunden habe. Ein Mönch weist einem Sol-
daten den Weg in der Landschaft. Ist der Soldat, der
bildnisartige Züge aufweist, das Porträt des Malers?

Zwischen diesen Flügelaltären des Bosch ist jetzt
jenes Bild angebracht, das die Martern der Verdammten
darstellt und bei dem ich mir viel Mühe gegeben habe,
es für Gillis Mostaert zu erobern (vergl. Kleine Galerie-
studien, neue Folge, Heft II, S. 20ff.). Ein sicheres
erhaltenes Höllenbild von Gillis Mostaert giebt es meines
Wissens nicht, Die Landschaft in Stockholm, das einzige
signirte Werk dieses Malers, gehört einem ganz anderen
Darstellungsgebiete an, müsste übrigens für die Lösung
der Frage erst genau mit dem Wiener Bilde verglichen
werden. Einstweilen lässt sich ein überzeugender Be-
weis für oder gegen Mostaert hier nicht führen. Aber
auch die Benennung „Bosch" ist bei den Martern der
Verdammten nicht überzeugend.

Vielen Besuchern der Galerie werden zwei Rund-
bilder des Henri Bles als Neuigkeiten erscheinen, es
müsste denn sein, dass man sich dieser kleinen Gemälde
noch erinnerte, als sie im unteren Belvedere zu seilen
waren. Es sind Spukbilder, deren eines mit dem Käuzchen
monogrammirt ist. Zur neuen Nummer 655, Engerth 703,
die mittels Rahmentiberschrift als Bles benannt ist, be-
merke ich neuerdings, wie schon trüber, dass die Kom-
position ganz dem Geiste des Boscli entspricht. Unter
anderen Boschmäßigen Zügen sei hier nur die fries-
artige Komposition rechts an der kleinen Kapelle ge-
nannt, die bei dem Maler aus Herzogenbusch mehrmals vor-
kommt (man beachte einen Gewandsaum an der Madrider
Anbetung durch die Magier und ein Figurenband auf
dem neu aufgestellten Eremitentriptychon in Wien),
bei Bles aber niemals zu beobachten ist. Man ist ver-
sucht, hier eine Kopie des Bles nach dem älteren Bosch
anzunehmen, was schon in den kleinen Galeriestudien
angedeutet wurde.

Unter den neu eingeschobenen Bildern hebe ich fol-
gende hervor: eine große Landschaft im Stile des Lucas
Gossel (neu Nr. 681. Mercur und Argus gegen rechts
im Bilde; von der Kunstchronik schon besprochen),
ferner einen neuen Ankauf, ein monogrammirtes Bild
des Karel van Mander mit der Jahreszahl 1598 (Das
Taubenopfer im Tempel. Schwache Leistung); außer-
dem vier Landschaften des Paul Bril, zwei seinem letzten
Stile angehörig, zwei aus der Zeit um 1600 (die letzteren
von mir veröffentlicht im Jahrbuche der kaiserlich öster-
reichischen Kunstsammlungen); überdies einen kleinen
Seesturm in der Art des Jan Brucghel senior (neue
Nr. 914), einen Jacob Grimmer (neu 895) und Hendrik
Avercamp, die in der Litteratur längst bekannt sind,
einen signirten Mirou (neu 938. Kleine Landschaft,
Breitbildchen), einen Hendrik de Clerclc (neu 981; Christus
vermehrt die Brote und Fische. Fast stilgleich mit den
großen Bildern dieses Malers in Aachen, Brüssel und

lguren
mer,
ge-

Graz). Im Vorübergehen sei hier auch anerkannt, dass
auf dem Jan Brueghel „Die Gaben der Erde und des
Wassers" (Engerth 729) endlich als Meister der F, ,
unser De Clerck genannt ist, statt des Kottenhain;
der in Engerth's Katalog dafür verantwortlich
macht wird.

Neu eingefügt ist überdies ein flandrisches Still-
leben aus dem 17. Jahrhundert (neu 1356), für das ich
heute noch keinen Namen weiß. Die Rahmeniiischrift
nennt fälschlich das 16. Jahrhundert als Entstehungszeit.

In den großen Sälen ist ebenfalls manche neue Er-
scheinung zu verzeichnen, so im Brueghelsaale (Saal XV)
die Reihe der Monatsbilder des Marten v. Valkenborch,
die zwar schon längst in der Litteratur bekannt',
aber bisher nicht in die Galerie aufgenommen war. In
demselben Saale wurde auch ein kleiner und ein großer
Lucas v. Valkenborch (Gesundbrunnen; neu Nr. 739
und eine große Landschaft, neu 734) eingeschoben. Dem
Pieter Aertsen schreibt man wohl mit Recht ein „Sitten-
bild" zu, das einen ältlichen Bauern zur Darstellung
bringt, wie er eben einer jungen Magd in den Busen
greift (neu 703, Saal XV). Über die Bilder des Friedrich
v. Valkenborch, die jetzt richtig benannt sind, habe
ich schon an anderer Stelle ausführlich gesprochen, auch
konnte ich schon anderwärts (in der Grazer Tagespost)
darauf hinweisen, dass eine kleine Änderung genügen
würde, die Wand der Valckenborchs symmetrisch zu
gestalten.

In den nächsten Sälen sind mehrere dekorative
Bilder des Jan van den Boecke als neuerliche Ver-
mehrung der Galerie auffällig. (Zwei allegorisch-mytho-
logische Halbfiguren und zwei riesige Monatsbilder.)

Saal XIV ist jetzt zum Rubenssaale gemacht. Man
hat die goldstrotzenden schweren Rahmen (sie haben
auch ein schweres Geld gekostet) des Ildefonsoaltares
entfernt und schlichtere Einrahmungen herstellen lassen,
die nacli einem alten Vorbild in der Liechtensteingalerie
geschnitzt sind. Auch die Anordnung der Bilder an den
Wänden ist ziemlich eingreifend verändert, man darf
sagen verbessert worden. Nach meinem Geschmack
hängen nur die beiden großen .Tesuitenbilder, das mit
Franz Xaver und das mit Ignatius, etwas zu hoch. Ein
Museum ist keine Kirche. Wenn wir uns auch, nach
den erhaltenen Abbildungen zu schließen, das große Bild
mit dem Ignatiuswunder auf einem hohen Altare vor-
stellen müssen, so bleibt dabei doch sehr zu beachten, dass
für die große Länge einer geräumigen Kirche das Höher-
liegen des Horizonts im Bilde nicht störend in Betracht
kommt. Hier aber, wo man auf jeden Fall nur wenige
Meter vom Bilde sich entfernen kann und wo weder
Altar noch Kirche vorhanden sind, sagt mir meine
Empfindung, dass das Bild noch ein wenig herabgeriiekt
werden sollte. Dasselbe gilt natürlich auch für das
Gegenstück.
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