Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE.

Ankündigungsblatt des Verbandes der deutschen Kunstgewerbevereine,

HER AUSGEBER:

CARL von LUTZOW

WIEN

Heugasse 58.

und Dr.

A. ROSENBERG

BERLIN BW.
Wartenbargstraße 15.

Verlag von E. A. SEEMANN in LEIFZIG, Gartenstr. 15. Berlin: W. h. KÜHL, Jägerstr. 73.

Neue Folge. VII. Jahrgang.

1895 96.

Nr. 10. 27. Dezember.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur „Zeitschrift für bildende Kunst" und zum „Kunstgewerbeblatt" monatlich dreimal, in den
Sommermonaten Juli bis September monatlich einmal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfasst 33 Nummern. Die Abonnenten der „Zeit-
schrift für bildende Kunst" erhalten die Kunstchronik gratis. — Für Zeichnungen, Manuskripte etc., die unverlangt eingesandt werden,
leisten Redaktion und Verlagshandlung keine Gewähr. Inserate, ä 30 Pf. für die dreispaltige Petitzeile, nehmen außer der Yerlagshandlung
die Annoncenexpeditionen von Haasenstein & Vogler, Kud. Mosse u. s.w. an.

die internationale graphische
ausstellung im künstlerhause zu
wien.

von WILHELM SCHOLERMANN.

Et.

Unter den Holländern fällt ein Porträtist in Litho-
graphieen auf: Jan Veth, und in Trockenstiftradirungen
des Figürlichen wie Landschaftlichen: Philippe Zücken,
sowie besonders Karl Storni van's Gravesande, dessen
mit der Nadel wuchtig hingeworfener Pfahlzaun (Esta-
cade) in die Augen springt. In wenigen flüssigen
Strichen erreicht er die beabsichtigte impressionistische
Wirkung bis zur Überzeugung. Die Technik der um
dieses Pfahlwerk herumfließenden Wellen ist so einfach,
der Strich (nach oben scharf und bestimmt, nach unten
weich auslaufend) so voller Bewegung, dass nicht nur
der vollständige Wassercharakter dadurch erreicht wird,
sondern gleichzeitig jener eigentümlich spielende Licht-
flimmer, der auf der Welle liegt. Nur der außer-
gewöhnlich hohe Preis des Blattes hält den lebhaften
Wunsch, es zu erstehen, in Schranken.

Als sehr interessanter Lithograph erscheint Th. van
Hoytema im Haag. Die Illustrationen (fein in der
Farbe) zu dem Werke: „Het leelijke jonge Eendje"
(das hässliche junge En tiein) sind dem köstlichen
holländischen Text, der sich in seiner breiten gemüt-
lichen Weise liest wie unser Fritz Renter, kongenial
angepasst. Etwas so Gesundes und Herzerfreuendes
sieht man nicht alle Tage. Es spricht viel humor-
volle Menschenkenntnis und — Tierkenntnis, physisch
und psychisch, daraus. Man achte besonders auf den
Ausdruck in den Gesichtern der Haustiere; so fein indi-
vidualisiren und typisiren gewöhnlich nur die Engländer.

Einige geniale Schweden, wie Axel Hägg, David
Ljungdahl, Ferdinand Boberg, Robert Ludwig Haglund

und Karl Larsson, leiten zu den Franzosen hinüber.
Paris ist ja ihre Alma mater. und ihr Matador, Leon-
hard Anders Zorn, lebt dort. Er macht so ziemlich
alles was er will, ein Allerweltskerl, aber jeder Strich
sitzt, wo er sitzen muss. Ihm sind die schwierigsten
malerischen und zeichnerischen Probleme nur da in der
Welt, um sie zu lösen. Was er hier giebt, ist der erste
lebendige Eindruck auf der Platte, mit sprühendem
Leben, zuweilen mit Übermut impressionistisch. Aber
ihm ist die Form so in Fleisch und Blut übergegangen,
dass er sich das erlauben darf. Er schreckt vor nichts
zurück und alles wirbelt durcheinander, Porträtskizzen,
Genre, Interieurs, Straßenscenen, Omnibusse etc. in den
tollsten Beleuchtungseffekten! Der Aufzählung kann man
sich um so eher enthalten, als dergleichen nicht be-
schrieben, sondern nur gesehen werden kann. Zorn ist
einer von denen, die alle Phasen einer Kunstepoche
an sich selbst mit durchmachen, jeder Aufgabe mit
französischem elan und französischer Emsigkeit zu Leibe
gehen und nicht eher ruhen, als bis sie alles über-
wunden und gelöst haben, um dann sofort zu neuen
Attaquen überzugehen.

Zu sagen, dass die Franzosen tüchtig sind, dass sie
verblüffende technische Kunststücke vollbringen, dass wir
manches von ihnen lernen können u. s. w., ist ja alles
billige Weisheit. In Kunstdingen sind sie nun einmal
dem ehrlich - schwerfälligen Teutonen stets um ein bis
zwei Nasenlängen voraus. Aber darnm keine Feind-
schaft. Lernen so zu arbeiten, wie sie, das können wir
freilich noch, aber nachahmen, uns beeinflussen lassen,
das haben wir nicht mehr nötig; das beweist diese Aus-
stellung zur Evidenz.

Unter den lebenden reproduzirenden Badirern Frank-
reichs steht in erster Linie vielleicht Felix Bracquemond,
der aber vier eigene Entwürfe bringt, meistens Frei-
studien und eine flotte, reizende Fischdekoration für ein
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