Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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Die internationale graphische Ausstellung im Künstlerhause zu Wien. IT.

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Fayence-Service; seine Reproduktionen fehlen diesmal;
aber ihm reiht sich in der Fähigkeit, sich der Eigenart
der Originale jedesmal bis zum Darinaufgehen anzube-
quemen, seien sie nun ernst und groß, weich oder ge-
schmeidig, M. Baude (im Holzschnitt) an. Man vertiefe
sich einmal in diese Arbeiten nach Rembrandt (Le poete,
Emaus etc.), van Dyck, Ribot, Chardin (Selbstporträt) und
Chaplin und man wird eingestehen müssen, dass hier die
Kritik nichts mehr zu sagen hat, da keine nur ver-
blüffend technische und mechanisch gewissenhafte, sondern
eine wirklich seelische Wiedergabe über das spröde Holz
den Sieg davonträgt.

Die elegante, modische Art, im phantastisch modernen
Sinne, vertreten merkwürdigerweise gerade im Holzschnitt
zwei deutsche Namen in Paris: die beiden Wiener
Franz Schmidt und Friedrich Steinmann mit Illustra-
tionen (nach den Zeichnungen Ludwig Marolds) zu fran-
zösischen Romanen des Daudet, Coppee etc. Der um-
fassendste und bedeutendste Originalholzschneider, Maler-
radirer und Steinzeichner, vielleicht überhaupt diesmal
die interessanteste Persönlichkeit unter den französischen
Gästen, ist Auguste Louis Lopera. Das ganze tolle,
übermütige, emsige Seine-Babel, mit seinen Verkehrs-
adern, Quais, Brücken, Dampfern, Lagerplätzen, dem
Gewimmel auf Märkten und Boulevards ist mit im-
pressionistischer Treffsicherheit erfasst. So wird er viel-
leicht für das heutige Paris das, was Charles Meryon
vor der Umgestaltung der Stadt durch Haussmann war,
ein Chroniker in Bildern, die er mit allen Reizmitteln
verschiedenartigster Technik hervorzaubert. Holzstichel
und Radirnadel wechseln ab und sind manchmal im ersten
Moment kaum auseinander zu halten, immer aber ist es
Paris und wieder Paris, das ihn, wie auch Eugene Delätre,
E. Bejot, Henri Guerard und F. Raffaelli. anzieht,
von dem die große Separat-Ausstellung in den unteren
Räumen des Künstlerhauses bereits einer besonderen
Würdigung unterzogen worden ist. Die genialen Stein-
zeichnungen von Alex. Ltmois (darunter die Burnuss-
weberinnen und jenes von unten beleuchtete Theater-
Galeriebild, das fast wie ein Negativ wirkt) sind schon
bekannt geworden bei uns.

Ganz verschieden von diesen, stimmungsvoll, weich,
von jener leisen Melancholie umschleiert, die mich zu-
weilen an die feinsten Sachen von Anton Mauve er-
innert, aber von größerer Exaktheit in der Zeichnung,
ist der französisirte Spanier Uicardo de los Rios. Die
beiden Heerdenbihler „Vieux berger et son troupeau" und
„La Alle du berger", (die vorherige Platte mit Ver-
änderungen) atmen eine bei den Romanen seltene Innig-
keit, so recht das, was wir im Deutschen mit Gemüt be-
zeichnen und oft den Ausländern nicht ungern absprechen.
Ins Gebiet des Idealen geht auch Henri Fantin-Latour
mit seinem „Dernier theme de Robert Schumann", wo-
bei mir eine ganz seltsame Ähnlichkeit in der Behand-
lung mit gewissen Kompositionen des großen Symbolikers

C. F. Watts in London auffiel, freilich ohne dessen
Hoheit entfernt zu erreichen.

Ein Symboliker, aber kein weicher, auch kein Na-
zarener, aber ein Sataniker von grandioser Bosheit und
manchmal faunischem Hohnlachen, ist der in Paris
akklimatisirte Belgier: FSHßien Hops. Man darf ihn
kaum vor keuschen Ohren nennen, diesen Erotiker par
excellence, der vor Nichts zurückschreckt und dessen
großes philosophisches Menschheitsproblem in den vier
Lettern: E. o. w. c. aufgeht. Mit Recht hat ihn Muther
in den ernsten Kreis seiner Betrachtung der Kunst vom
Ende des neunzehnten Jahrhunderts gezogen. Seine rück-
sichtslosen Darstellungen, seine gewaltig grausame Phan-
tasie hat einen so ernsten, markigen Boden, dass sie die
weichliche Lascivität als Selbstzweck ausschließt. Seine
Weiber sind wie aus Bronze, strotzend von Animalität.
verheerend, dem morschen fin - de - siecle Paris das Mark
aus den Knochen saugend, den Männern die Köpfe ver-
drehend, das personifizirte Sphinxgeschlecht, das böse
Prinzip. Alles unterliegt diesem bösen Prinzip, das sich
selbst mit dem Untergange weiht: der Courtisane. Wir
sehen das in einer Reihe kleiner, aber genialer Blätter,
von einer Verbindung von Kraft mit Geschmack, wie
sie in Deutschland nicht denkbar wären: Volupte (ein
dekorativer Entwurf), La foire aux amours (Liebesmarkt .
Incantation (das Blatt mit dem Necromant, der im alten
Zauberbuche blätternd, ein nacktes Weib aus dem vor
ihm stehenden Kreuzrahmen entstehen sieht), dann:
L'Amante du Christ. Nicht die heilige Scheu ist es, die
dieses Weib in der Nacht am Fuße des Gekreuzigten
niedersinken lässt, sondern die Anbetung des entblößten
Fleisches, die in hysterische religiöse Schwärmerei aus-
geartete Sinnlichkeit. Das Hohelied der Erotik, bis zum
Wahnwitz, ist Rops' Lebenswerk, von dem ein großer
Teil apokryphisch ist und vermutlich auch bleiben wird.
Zwei minutiös feine, etwas größere Blätter, davon das
eine in leichter Kolorirung, sind sehr interessant. Sie
stellen den Klatsch über einen „Scandale" von fünf ver-
schiedenaltrigen Frauen dar. Die Wiener Akademie
hat eins dieser vorzüglichen Stücke angekauft, ein Be-
weis weitsichtiger Vorurteilsfreiheit.

Ein auf den Japanern fußender Holzschneider ist
der französische Schweizer Felix Vallotton und Alfred
Brunet-Debaines führt uns die französische Gotik in
Kathedralen von Rouen etc. vor. Wie tüchtig die Fran-
zosen zweiten Ranges noch sind, zeigt das Können
Louis Legrand's, dessen ,.Les petites du ballet" an
Almliches von Degas erinnert, dem man auf der Aus-
stellung nicht begegnet.

Die Abteilung der Russen, die übrigens im Holz-
schnitt Wertvolles bringen, ist an Originalarbeiten klein.
Ernst von Liphart und Basil Matthee haben tüchtige
Porträts, llja Repin eine weibliche Aktskizze und von
dem größten Landschafter Twan Sehischkin ist nur ein
freilich grandioses Stück mit Fichten im Schnee vor-
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