Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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Seile's Farbenphotographie.

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Goethe's und seines Sohnes bietet uns die vorliegende
Auswahl daraus die Porträts von Knebel, Einsiedel,
Fritz Stein, Bettina v. Arnim, Wilhelm v. Humboldt,
Graf Beinhard, Grillparzer, David d'Angers und Mickie-
wicz. Das lebendigste und künstlerisch beachtenswerteste
darunter ist das 1829 entstandene Bildnis des franzö-
sischen Bildhauers David d'Angers, der im September
jenes Jahres Goethe in Weimar modellirte. Trefflich
gezeichnet sind auch die Porträts der Bettina und des
„Urfreundes" Knebel. Die meisten der übrigen leiden
unter der Atmosphäre steifer Pedanterie, die über der
deutschen Porträtkunst jener Epoche lagerte.

Die Weihnachtsgabe der Goethe-Gesellschaft wird
gewiß dem Weimarer National-Musenm neue Freunde
zuführen. Dem pietätvollen Leiter desselben schulden
wir für die mannigfache darin gebotene Belehrung unseren
wärmsten Dank. Q. v. L.

SELLE'S FARBENPHOTOGRAPHIE.

Durch die Zeitung gingen unlängst Notizen über
ein neues Verfahren, photographische Aufnahmen in
natürlichen Farben herzustellen. Dies Verfahren wurde
von Dr. Seile in Brandenburg angegeben; es ist im
Wesentlichen eine Modifikation des Ulrich-Vogel'schen
Dreifarbenlichtdruckes. Da die Tagesblätter im Allge-
meinen zu den vergänglichsten irdischen Dingen gehören,
und es oft schwer ist, nach einigen Jahren das, was die
Zeitgenossen darüber urteilten, wieder aufzufinden, so
erscheint es wohl angebracht, die Gedankenbilder an
dieser Stelle zu fixiren und zugleich die Leser d. Bl.,
bei denen ein Interesse für das wichtige Problem voraus-
gesetzt werden muss, über den Stand der Angelegenheit
zu orientiren.

Wie bekannt ist, hängt die optische Wirkung der
Strahlen, die Hervorrufung einer bestimmten Farben-
empfindung von der Schwingungszahl der Strahlen ab.
Bote Strahlen haben eine niedrige, grüne eine höhere,
violette die höchste Schwingungszahl der Strahlen, die
wir sehen können. Es ist damit ganz ähnlich beschaffen
wie mit den musikalischen Tönen: die tiefen Töne haben
niedrige, die hohen Töne hohe Schwingungszahlen.

Aber während die Schwingungszahlen der hörbaren
Töne zwischen etwa 16 und 8000 in der~ Sekunde
schwanken, liegen die Schwingungszahlen der sichtbaren
Farbentöne zwischen 400 und 800 Billionen. Im All-
gemeinen bringt die Natur sehr selten Töne und Far-
ben, die nur aus einer Schwingungszahl bestehen, hervor:
wir haben aber wissenschaftliche Instrumente, welche
nahezu ganz einfache Töne und ganz einfache Farben
erzeugen. Ganz einfache Farben können wir z. B. durcli
gewisse Stoffe, die zur Verdampfung gelangen, erzeugen.
Wenn wir z. B. das Metall Thallium in der Knallgas-
flamme verdampfen, erhalten wir ein einfarbiges, grünes
Licht: das Spektrum dieser Flamme zeigt nur eine

einzelne Linie. Ein nahezu einfaches Licht zeigt auch
der Dampf des Natriums, welches nur aus einigen gelben
Lichtlinien besteht, die im gewöhnlichen Spektrum nur
als eine gelbe Linie erscheinen. Nun sind die Farben-
empfindungen, die von Pigmenten oder Farbstoffen aus-
gehen, niemals ganz reine; Mennige erscheint zwar rot,
aber das Bot ist nur vorherrschend, es gehen auch noch
andere Strahlen als rote von dem Pigment aus, sie sind
nur im Verhältnis zu schwach, um deutlich empfunden
zu werden. Das gleiche gilt von anderen Pigmenten
wie Chromgelb, Ultramarinblau u. s. w.

Das Vogel-Ulrich'sche Dreifarbendruckverfahren be-
ruht nun darauf, dass die Strahlen, welche photographirt
werden sollen, dreimal zu Hauptgruppen zusammen-
gefasst werden. Das geschieht durch die Farbenfilter,
welche aus farbigen Flüssigkeiten bestehen, die nach
langen spektroskopischen Versuchen so zusammengesetzt
sind, dass sie einmal möglichst nur rote, ein andermal
möglichst nur gelbe, das dritte Mal nur blaue Farben
durch das Filter gehen lassen. Diese Farben Bot, Blau
und Gelb sind aber keine wissenschaftlich einfachen
Farben (sogenannte homogene Farben), sondern Farben-
bündel, deren Schwingungszahlen nahe beieinander liegen.
Es gehen, wie sich bei näherer Untersuchung zeigt, nicht
alle farbigen Strahlen durch die drei Filter, sondern nur
ein Teil rote, ein Teil gelbe, ein Teil blaue. Von den
Mittelfarben, deren das Spektrum unzählige hat, geht
ein beträchtlicher Teil verloren, ein anderer, aber ganz
kleiner Teil, der auch durch die künstlichsten Filter-
mischungen nicht abzuhalten ist, wirkt doppelt. Doch
ist der Nachteil so gering, dass er selten das Gesamt-
bild erheblich verändert. So gleicht dieser dreifachen
Strahlenfilter etwa einem unvollkommenen musikalischen
Instrumente, auf dem sich nur eine begrenzte Beihe
musikalischer Töne erzeugen lässt, aber keine diatomische
Tonleiter, die zwölf halbe Töne in gleicher Tonstärke
und Klangfarbe angeben soll. Die Farbentonleiter, die
wir mittelst der drei Farbenfilter zur Wirkung bringen
können, ist insofern unvollkommen, als nur einzelne Töne
kräftig, andere schwächer, noch andere gar nicht wirken.
Sie gleicht etwa einer musikalischen Tonleiter, bei der
die Grundtöne des Hauptaccords stark, die dazwischen
liegenden aber schwächer und nicht immer in der richtigen
reinen Stimmung erklingen.

Hieraus erhellt, dass die Fixirung der Farbentöne
durch das Vogel-Ulrich'sche Dreifarbendruckverfiihren
nur unvollkommen geschieht. Das zeigt sich auch
praktisch bei den farbigen Naturaufnahmen, die bisher
immer den Eindruck der kolorirten Photographie gemacht
haben. Dagegen gelangen Aufnahmen von Teppichen.
Gemälden u. s. w. vielfach recht gut; die Schwierigkeit
beruht hauptsächlich darauf, die Stoffe, durch welche die
Platten farbenempfindlich werden und die Druckpigmente,
welche zur Anwendung gelangen, einander so weit ähn-
lich zu machen, dass Farbe und Pigment entsprechen.
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