Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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Bücherschau.

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Dr. Seile in Brandenburg hat nun ein Verfahren
erfunden, welches auf denselben Prinzipien beruht. Er
lässt ebenfalls drei Strahlengruppen durch Filter gehen
und erzeugt drei Negative, deren positive Drucke der roten,
gelben und blauen Region des Spektrums entsprechen.
Alsdann kopirt er jedes dieser Negative auf dünne durch-
sichtige lichtempfindlichen Gelatinehäutchen, die durch
vorherige Präparation die Fähigkeit erhalten haben,
Farbstoffe aufzunehmen. Alsdann wird das Häutchen,
welches dem roten Farbton entspricht, mit rotem Farb-
stoff behandelt u. s. w. Hierdurch entstehen drei farbige
Blättchen, die übereinander gelegt, den Eindruck der
Photographie in natürlichen Farben machen. Die Schwie-
rigkeit bei diesem Verfahren liegt auch hier darin, die
Pigmente (Anilin) den ausgefilterten Farbenstrahlen
möglichst ähnlich zu machen. Es liegt hier also keine
neue epochemachende Erfindung vor, sondern nur die
sehr sinnreiche neue Anwendung eines altern Prinzips,
das aber keine vollkommene Naturtreue erreichen wird,
wenn nicht wesentlich neue chemische und physikalische
Entdeckungen hinzukommen. Welcher Art diese Ent-
deckungen sein müssen, ist unschwer aus dem Vorher-
gesagten zu ersehen. Wir müssen imstande sein,
erstens das Spektrum des weißen Lichtes durch geeignete
Farbenfilter in bestimmte begrenzte Teile zu sondern,
wir müssen die Spektrumsteile lokalisiren. Und zwar
ist die Dreiteilung des farbigen Bandes für eine natur-
wahre Wiedergabe nicht ausreichend. Ähnlich wie bei
der Musik müssten wir das Spektrum in sieben, besser
noch in zwölf Teile spalten können, um eine ausreichend
modulirte Farbenmusik hervorbringen zu können. Als-
dann müssten Farbstoffe entdeckt oder erzeugt werden,
welche jenen sieben oder zwölf Regionen des Spektrums
ziemlich genau entsprechen; einzelne spektroskopische
Nebentöne werden dabei unvermeidlich sein, doch dürfen
sie nicht zu sehr vorherrschen, wenn nicht die Natur-
wahrheit des Eindrucks leiden soll.

Mit dem Lippmann'schen Verfahren hat die neue
Anwendung der Dreifarbenphotographie Dr. Seile's nichts
zu thun. Prof. Lippmann fixirt innerhalb der Gelatine-
schicht die Schwingungswirkungen des Lichtes, die
Schwingungsknoten und Schwingungskreuzungen, die bei
der Reflexion des Lichtes sich ergeben. Das Lippmann'-
sche Verfahren lässt sich einigermaßen mit der Methode
des Phonographen, Tonwellen auf unelastische Walzen
zu übertragen, vergleichen. Zum Photographiren auf
wesentlich physikalischem Wege, wie es Lippmann zu-
erst geübt hat, bedarf es keiner Strahlenfilter, keiner
Pigmente, keiner mühsamen Zusammenstimmung beider.
Es ist die eigentliche Xaturphotographie der Farben.
Beim Lippmann'schen Verfahren giebt es kein schwarzes
Negativ, sondern nur eine empfindliche Platte, in der
alle Farben durch die stehenden Lichtwellen erzeugt
werden. Die Schwierigkeiten dieses Verfahrens sind
freilich nicht minder erheblich, als die der Dreifarben-

photographie. Es erfordert sehr viel Licht, große Vor-
sicht, eine sehr hohe Plattenempfindlichkeit und die
größte Sorgfalt in der Emulsionspräparation.

ARTUR SEEMANN.

BÜCHERSCHAU.

* Das anerkannt vortreffliche Wappcnwerk des k. k.
Hauptmanns Fr. Beyer von Bosenfeld („Die Staatswappen
der bekanntesten Länder der Erde") ist kürzlich bei H. Keller
in Frankfurt a. M. in zehnter Auflage erschienen (Preis in
Karton-Mappe 12 M.). Seit dem Erscheinen der letzten Auf-
lage des Werkes ist eine längere Zeit vergangen, während
welcher naturgemäß zahlreiche Änderungen auf dem in Be-
tracht kommenden Gebiete stattgefunden haben. Es war
daher erforderlich, jede einzelne Abbildung der alten Aus-
gabe einer genauen Prüfung zu unterziehen und dies ist ge-
schehen, indem an den maßgebenden amtlichen Stellen Aus-
kunft über die nach den neuesten Bestimmungen richtigen
Darstellungen der verschiedenen Staatswappen eingeholt
wurde. Auf Grund der daraufhin erhaltenen authentischen
Mitteilungen sind die sämtlichen Abbildungen neu gezeichnet
worden und zugleich hat die äußere Ausstattung des Werkes
in der neuen Auflage eine vollständige Umgestaltung er-
fahren. ^Es besteht nunmehr aus 14 Klein-Folio-Tafeln, von
denen die ersten 10 je 6 Abbildungen, Tafel 11 deren 7,
Tafel 12—14 je 12 Abbildungen enthalten. Die Darstellungen
sind wesentlich größer als in den früheren Ausgaben aus-
geführt, wodurch für alle zum Teil sehr komplizirten Wappen-
bilder vollkommene Deutlichkeit erreicht ward, und die Zahl
derselben hat gegen die letzte Auflage eine Vermehrung
erfahren, indem bei verschiedenen Staaten neben dem großen
auch das mittlere oder kleinere Wappen gegeben wurde und
ferner eine Anzahl von Staatswappen in die neue Auflage
neu eingeführt wurden. Von neu aufgenommenen Dar-
stellungen seien genannt: das mittlere Wappen S. M. des
Deutschen Kaisers; das Wappen von Elsass-Lothringen; das
Siegel der französischen Republik; die Wappen von Kanada,
Korea, Kap-Kolonie, Kongo-Staat, Neu-Süd-Wales u. s. w.
Durch die sorgsame Berücksichtigung der neuesten in Geltung

I befindlichen Bestimmungen bietet diese neue Ausgabe eine
so zuverlässige Quelle für die Kenntnis der Staatswappen
wie dies nur erreichbar ist und es dürfte ihr darin kein
anderes ähnliches Werk gleichkommen. Wenn das Werk
daher, wie schon die hohe Auflage-Ziffer beweist, von jeher
einem wirklichen Bedürfnis entsprochen hat, so ist ihm in
seiner neuen Gestalt um so mehr die beste Aufnahme

I sicher.

* „All-München in Wort und Bild" betitelt sich eine
von Otto Aufleger und Karl Trautmann (bei L. Werner in
München) herausgegebene Sammlung von Lichtdrucken nach
älteren Stichen, Aquarellen und Ölgemälden, die das alte
München, welches durch die Umgestaltungen der Neuzeit
nächstens ganz beseitigt sein wird, zur Anschauung bringen.
Bei dem weitverbreiteten Interesse, dessen die bayerische

j Kunstmetropole im In- und Auslande sich erfreut, wird die
Sammlung malerischer und baugeschichtlich nicht unwich-
tiger Ansichten gewiss mannigfachen Anklang finden. Unter
den Künstlern, die daran beteiligt sind, nennen wir Quaglio,
Lebschee und .Wening. Die Abbildungen sind von kurzen
Texten begleitet, in denen die Lokalitäten in ihrem früheren
| Bestand und ihr Verhältnis zu den gegenwärtigen Plätzen
| und Baulichkeiten entsprechend erläutert werden.
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