Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE.
Ankündigungsblatt des Verbandes der deutschen Kunstgewerbevereine,

HERAUSGEBE«:

CARL von LÜTZOW und Dr. A. ROSENBERG

avi en
Heugasse 58.

BEELIN S\V.

Warteuburgstraße 15.

Vorlag von E. A. SEEMANN in LEIPZIG, Gartenstr. 15. Berlin: W. H. KÜHL, Jägerstr. 73

1895/96.

Neue Folge. VII. Jahrgang.

Nr. 20. 26. März.

Die Kunstehronik erseheint als Beiblatt zur „Zeitschrift fiir bildende Kunst" und zum „Kunstgewerheblatt" monatlich dreimal, in den
Sommermonaten Juli bis September monatlich einmal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfasst 89 Nummern. Die Abonnenten der Zeit-
schrift für bildende Kunst" erhalten die Kunstehronik gratis. — Fiir Zeichnungen, Manuskripte etc., die unverlangt eingesandt werden,
leisten Redaktion und Verlagshandlung keine Gewähr. Inserate, ä 30 Pf. für die dreispaltige Petitzeile, nehmen außer der Verlagshandlung'
die Annoncenexpeditionen von 11 aasenstein & Vogler, End. Mosse u. s. w. an.

Da ich vom 27. März bis 27. April d. J. zu Studienzweeken verreise, bitte ich alle Ein-
sendungen während dieser Zeit direkt an die Verlagshandlung nach Leipzig zu adressiren.

Wien, Mitte März. Cm v> LÜTZOW.

neue raffael-forschungen.

Zur Raffael-Litteratur liegen zwei vortreffliche Ar-
beiten jüngerer Forscher vor, welche die Entwicklung
des Meisters und sein Verhältnis zu den Schülern in
neuer, überraschender Weise beleuchten.

Autor der ersten Schrift1) ist Wilhelm Vöge in
Straßburg, dessen grundlegende Abhandlung zur Ge-
schichte der mittelalterlichen Skulptur in Frankreich in
der Kunstehronik unlängst nach Verdienst gewürdigt
wurde. Der Verfasser geht auch in seiner Arbeit über
Raffael von einem großen Meister der Skulptur aus, von
Donatello, und schickt seinen Untersuchungen über dessen
Einfluss auf Raffael die thatsächliche Bemerkung voraus,
dass es uns überhaupt noch an jeder klaren Einsicht in
das Verhältnis der älteren italienischen Plastik zur Kunst
des klassischen Zeitalters mangelt.

Welch große Bedeutung in Wahrheit die Skulptur
des Quattrocento und speziell die Kunst des Donatello
für die italienischen Maler der Blütezeit und in erster
Linie für Raffael hatte, das wird nun eben von Vöge
mit eminentem Scharfsinn dargethan. Den Hauptgegen-
stand seiner Untersuchung bildet der Cyklus der Bronze-
reliefs von Donatello mit den Wunderthaten des heiligen
Antonius im Santo zu Padua.2) Schon Rob. Vischer

1) Raffael und Donatello. Ein Beitrag zur Entwicklungs-
geschichte der italienischen Kunst. Mit 21 Abbildungen im
Text und 6 Lichtdrucktafeln. Straßburg, Heitz. 1896.
38 S. Fol.

2) Wir bemerken bei diesem Anlass, dass der Altar im
Santo mit den Bronzen Donatello's kürzlich, unter der Leitung
von Cauiillo Boito, wieder zusammengestellt worden ist.

undSchmarsowhaben vor Jahren auf einzelne Berührungs-
punkte zwischen den Werken Raffaels und diesen figuren-
reichen, lebensvollen Kompositionen hingewiesen. Das
früheste von den Gemälden Raffaels, dessen Vorbild wir
in einem Donatello'schen Relief erkennen können, ist die
Madonna Tempi der Münchener Pinakothek. Unter den
zahlreichen Kompositionen verwandter Erfindung (von
Luca della Robbia, Mantegna, Fra Bartolommeo u. A.)
steht keine dem Madonnenbilde Raffael's so nahe wie
das kleine Tondo, welches auf dem Donatello'schen Relief
mit der Geschichte vom Säugling und der Mutter im Santo
zu Padua das Rogenfeld über der Mitte des Bildwerkes
ziert. Aber weit wichtiger noch für die Erkenntnis der
engen Beziehungen zwischen Raffael und den Paduaner
Werken Donatello's sind die Stanzen. Sie enthalten eine
ganze Reihe von Motiven, die entweder schlagend als
direkte Entlehnungen oder als prächtig aufgegangene
Blüten der von dem älteren Meister dargebotenen Keime
sich erweisen. So ist z. B. die Gruppe der drei Figuren
ganz rechts auf dem oberen Treppenabsatz der „Schule von
Athen" dem Donatello'schen Relief mit der wunderbaren
Findung des Herzens nachgeschaffen und zwar einer Gruppe
von Figuren, welche gleichfalls ganz zur Rechten der
Komposition, nahe dem Rande derselben stehen. Ebenso
bieten das „Incendio del Borgo", die „Disputa" und die
„Anbetung des goldenen Kalbes" in den Loggien frap-
pante Übereinstimmungen dar mit einzelnen Figuren und
Gruppen in dem genannten Paduaner Bildwerk und mit
dem ebendaselbst befindlichen Relief des Eselswunders.

Photographieen davon machte Alinari. S. den Bericht dar-
über im Archivio stor. delT arte 1895, Fase. III.
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