Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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Vermischtes.

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Galerie des Herrn Adolf Thiem, der von Berlin nach San Remo
übersiedelt und seine Kunstschätze mitnimmt. Ein Teil
davon war schon durch die 1890 von der Kunstgeschicht-
lichen Gesellschaft in der Akademie veranstaltete Aus-
stellung dem großen Publikum bekannt geworden, nament-
lich die prächtigen Stillleben von Jan Fyt, Frans Snydefs,
A. van Beijeren, Clacsx Heda, A. Mignon u. a., die den Haupt-
bestandteil der 47 Nummern umfassenden Sammlung bilden,
dann ein paar kleine Landschaften von Jacob van Ruisdael
und Jan van Goyen, vor allem aber das Brustbild eines
schnurrbärtigen Mannes von Reimbrandt: der sogenannte
„Connetable von Bourbon" aus der Sammlung Secretan, der
mit der Jahreszahl 1644 bezeichnet ist, also aus der Zeit von
Rembrandt's höchster Blüte stammt. Künstlerisch ebenbürtig,
aber leider nicht gut erhalten ist das Bildnis einer jungen
Frau in ganzer Figur von A. van Dyck, das aus dem Palazzo
Spinola in Genua stammt, vermutlich also eine Marchesa
Spinola darstellt. Es ist auch unzweifelhaft von van Dyck
während seines Aufenthaltes in Genua gemalt worden, da es
deutlich die Verschmelzung des aus der Heimat mitgebrachten
Rubensstils mit dem Einflüsse Tizians zeigt. Auch zwei kleine
Bildnisse von Terboreh, zwei Bildnisse von Jacob Bäcker
und J/ncas Franchois, eine dem Dicrick Bouts zugeschriebene
Kreuzigung sind hervorragende Werke. Weniger bedeutend
sind die (ienrebilder von Jan Steen und Bieter de Hooch.
Von den beiden den letzteren zugeschriebenen Werken ist
nur das eine sicher von ihm. Das andere, ein Interieur ohne
Staffage, ein Blick in zwei Räume, wurde früher einem
Schüler, namens Janssens, zugeechrieben. Jetzt ist Bode
geneigt, es dem Delft'schen Jan van der Meer zuzuschreiben,
dessen Ruhm es aber wohl nicht vermehren wird.

0 Die Festlichkeiten aus Anlass des 200jährigen Be-
stehens der königlichen Akademie der Künste in Berlin haben
am 2. Mai Nachmittag 4 Uhr mit einer Festsitzung in der
prächtig geschmückten Rotunde des königlichen Museums am
Lustgarten in Anwesenheit der Kaiserlichen Majestäten be-
gonnen. Dabei trugen die Senatoren der Akademie zum
ersten Male die ihnen vom Kaiser verliehene violettrote
Tracht aus Samt und Atlas, die der Amtskleidung der
Prokuratoren Venedigs nachgebildet ist. Auf die Festrede
des Präsidenten, des Architekten Geheimrat Ende antwortete
der Kaiser mit folgender Ansprache: „Es gewährt Mir eine
herzliche Freude, die Huldigung Meiner Akademie der Künste
am heutigen Tage ihrer 200jährigen Jubelfeier persönlich
entgegennehmen zu können. Ihnen, dem Präsidenten der
Akademie, danke ich für den trefflichen Bericht über die
Entwickelung der Akademie in den bisher durchlaufenen
Stadien. Mein Herz durchweht heute ein Gefühl tiefer
Dankbarkeit gegen den Stifter der Akademie, Meinen er-
habenen Ahn König Friedrich L, und seine erlauchten Nach-
folger an der Krone. Haben sie doch in verständnisvoller
Würdigung des veredelnden Einflusses der Kunst auf die
Volksseele mit weitschauendem Blick und schirmender Hand,
auch in Zeiten der Not und der Trübsal, die Bahnen
gewiesen und geebnet für eine gedeihliche Gestaltung
und Pflege der vaterländischen Kunst. Dass diese zu der
jetzigen Höhe gelangt ist, haben wir nicht zum wenigsten
der treuen Arbeit der Akademie in allen Zweigen, ins-
besondere auch den Männern zu verdanken, die als Lehrer
und Schüler an der hiesigen Akademie der Künste gewirkt
haben. Für alles, was die Akademie in den 200 Jahren
ihres Bestehens an bleibender, wahrhaft künstlerischer Frucht
gezeitigt hat, sei ihr mein Königlicher Dank gesagt. Tch
vertraue, dass auch die in der Akademie gegenwärtig ver-
einigten Künstler ihre ganze Kraft- daran setzen werden, die

hohe Kunst in wahrhaft künstlerischem Geiste zu pflegen
und ihr bei der ihrer Leitung anvertrauten akademischen
Jugend eine würdige Stätte zu bereiten. An Ihnen ist es,
das heilige Feuer zu hüten und die Flamme echt künst-
lerischer Begeisterung zu nähren, ohne welche alle Arbeit
auf dem Gebiete der Kunst verkümmert und wertlos wird.
Halten Sie als wahre und berufene Diener der Kunst fest an
den überlieferten Idealen, so können Sie alle Zeit Meines
Kaiserlichen Schutzes und Meines besonderen Wohlwollens
gewärtig sein. Ich hoffe, dass es Mir vergönnt sein wird,
den beiden akademischen Hochschulen neue und würdige
Räumlichkeiten zuweisen zu können. Möge die Akademie
auch in den kommenden Jahrhunderten sich gedeihlich weiter
entwickeln, möge die Kunst sich zu immer reinerem und
hellerem Glänze entfalten und unserem teueren deutschen
Vaterlande eine Quelle reichsten Segens werden! Das walte
Gott!" — Der Kultusminister Dr. Bosse verlas darauf die
aus Anlass der Jubelfeier verliehenen Auszeichnungen, von
denen wir nur die für bildende Künstler erwähnen. Es
haben erhalten: Den Stern zum Kronen-Orden zweiter
Klasse: der Ehrenpräsident der Akademie, Professor Karl
Becker. Den Kronen-Orden zweiter Klasse: der Präsident
der Akademie, Geheimrat Professor Ende. Den roten Adler-
Orden dritter Klasse mit der Schleife: Professor Knille. Den
Kronen-Orden dritter Klasse: Professor Paul Meyerheim,
Professor Bracht, Professor Dr. Dobbert. Den Roten Adler-
Orden vierter Klasse: Professor Karl Köpping, Professor Dr.
Hans Müller, Professor Ernst Hanke, Professor Julius Ehren-
traut, Professor Waldemar Friedrich, Professor Ernst Herter,
Professor Hans Meyer. Dem Professor von Werner verlieh
Se. Majestät seine Büste. Außerdem erhielten den Titel
Professor: die Maler Kiesel, Vorgang und Saltzmann, die
Bildhauer Brütt, Geiger, Manzel und Janensch. Den Schluss
der Feier bildete eine Vorstellung der sehr zahlreichen
Deputationen der befreundeten Akademieen, Hochschulen,
Museen u. s. w. — Am Sonntag, den 3. Mai, 12 ühr folgte
die feierliche Eröffnung der internationalen Kunstausstellung,
die mit der Feier der Akademie im engen Zusammenhang
steht, durch den Kaiser. Die Ausstellung ist wirklich eine
internationale, da sich alle Nationen, einschließlich der
Russen und Franzosen, daran beteiligt haben. Der recht-
zeitig zur Eröffnung im Verlage von R. Schuster erschienene
Katalog führt 3703 Nummern auf. Es sind jedoch noch
mehrere Nachträge zu erwarten.

VERMISCHTES.

Marc Aurel-Säule. Die Abbildungen der Reliefs der
Säule, die im vergangenen Jahre im Auftrage Kaiser Wil-
helms II. photographirt worden sind, werden demnächst in
einem Bande von 124 Tafeln in Folio herausgegeben werden.
Zum Texte liefern Mommsen und Calderini einen Beitrag,
die Erklärung und Beschreibung der Reliefs führen E. Petersen
und A. von Domaszewski aus. Es sind 248 photographische
Aufnahmen gemacht worden, deren Vervielfältigung durch
Lichtdruck erfolgte. Ausgewählte Teile der Reliefs sind
durch den römischen Gipsgießer Piernovelli auch abgeformt
worden. Die Generalverwaltung der Berliner Museen hat
es durch ihre Formerei übernommen, Abgüsse herzustellen
und durch Verkauf zu verbreiten. 4
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