Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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Die internationale Ausstellung in Berlin. I.

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auf ihren in zwei Viertelkreisen amphitheatralisch auf-
gebauten Sesseln, beinahe die Illusion einer Sitzung der
Signoria von Venedig hervorriefen. In herzlicher Weise
sprach der Kaiser mit Menzel, mit Karl Becker, mit
A. v. Werner u. a., und immer wusste er bei jedem
einen Gefühlston anzuschlagen oder zu erwecken.

Dem 2. Mai folgte eine ganze Festwoche. Dabei
übte die Akademie eine Gastfreundschaft in großem Stile
aus: zwanglose Begrüßungen, Festmahle, Vergnügungs-
fahrten und Musikfeste. Aber auch etwas Bleibendes
ist aus dem Glanz der Feste hervorgegangen: drei
glänzend ausgestattete Festschriften der Akademie und
der Hochschule, von denen zwei vornehme Prachtwerke
mit reichem bildnerischen Schmuck sind. Sie sind es
wert, an dieser Stelle in einem besonderen Artikel ge-
würdigt zu werden. Was uns zunächst beschäftigt, ist
die internationale Kunstausstellung, die eigentlich den
ruhenden Pol in den flüchtigen Erscheinungen der Feste
bildet. In diesem Jahre mussten die vereinigten Körper-
schaften der Akademie und des Künstlervereins ganz
besondere Anstrengungen machen, um den WTettkampf
mit der Gewerbeaussteilung in Treptow einigermaßen
bestehen zu können, und der Staat, der an dein Privat-
unternehmen im Treptower Park nicht beteiligt ist, hat
wacker geholfen. Das Ausstellungsgebäude ist mit einem
beträchtlichen Kostenaufwand — die Einzelnheiten finden
die Leser an anderer Stelle dieses Blattes — so gründlich
umgebaut worden, dass aus dem Provisorium wohl ein De-
finitivum werden wird, und wenn noch eine Vorrichtung
geschaffen werden könnte, um die schwebenden Schirm-
dächer in den Sälen der Mittelaxe je nach dem Staude
der Sonne höher und tiefer zu ziehen, würden wir end-
lich einmal ein Ausstellungsgebäude von wahrhaft idealer
Beleuchtung haben, — wenigstens für das Publikum.
Denn den Malern wird es kein Architekt jemals recht
machen können, und wenn es ihm doch einmal geglückt
ist, dann klagt der Maler die Hängekommission an, weil
sie sein Bild nicht in der Beleuchtung seines Ateliers,
in der Art, wie er den Lichteinfall beabsichtigt, sondern
umgekehrt aufgehängt hat.

Da diese überempfindlichen Äußerungen die ein-
zigen gewesen sind, die gegen die Ausstellung laut ge-
worden, so darf man sich der allgemeinen Harmonie
freuen. Es muss dabei besonders betont werden, dass
selbst der übliche Kampf zwischen Ausstellungskommission
und Presse, zwischen „Künstlern" und „Kunstschreibern"
völlig verstummt ist, vielleicht weil der eine Teil ein-
gesehen hat, dass er mit dem andern am besten im
Frieden auskommt. Der Förderung der Kunst ist dieser
Friede jedenfalls sehr dienlich; die journalistische Kampf-
lust findet in diesem Jahre ihre leider sehr reichliche
Befriedigung an der Ausstellung in Treptow, deren
Leiter selbst hervorragende Ausstellungsgegenstände sind,
weil sie an jedem Tage Zeugnis davon ablegen, dass
sie ihrer Aufgabe ganz und gar nicht gewachsen waren.

Die Kunstausstellung hat dagegen schon am Er-
öffnungstage ein Bild der Vollendung geboten. Aber
diese Äußerlichkeiten interessiren nicht den Leser, der
wissen will, was die Ausstellung an bedeutenden Kunst-
werken enthält. Die Antwort ist darauf: fast alles,
was in den letzten vier bis fünf Jahren in allen die
Kunst übenden Ländern geschaffen worden ist und das
Anspruch auf Beachtung erheben darf. Engländer und
Franzosen, Eussen und Polen, Spanier und Italiener,
sogar die Portugiesen sind gekommen — zum ersten
Mal! Nur eine Weltmacht ist trotzig ausgebliehen —
die Münchener Secession! Angeblich weil den Seces-
sionisten die Berliner Säle zu schlecht wären. Wenn
sie sie jetzt sähen, würden sie sie mit Freuden für
ihren mit Ach und Krach aufgerichtete Bau in München,
der nun bald verschwinden wird, eintauschen.

Dass die Zahl der ausgestellten Kunstwerke bei-
nahe 4000 beträgt und diese Zahl noch im Laufe des
Sommers durch das Eintreffen bereits angemeldeter Nach-
zügler überstiegen werden wird, haben wir bereits in
voriger Nummer erwähnt. Bei einem solchen General-
appell von Kunstwerken aller Nationen ist es selbst
den Tageszeitungen Berlins unmöglich, ein auch nur
annähernd vollständiges Bild dieser großen Schau zu
bieten oder sich gar in eine Analyse der einzelnen
Kunstwerke und eine nähere Begründung von Lob und
Tadel einzulassen, die eine gewisse Zahl nervöser Künst-
ler als ihr unbedingtes Kecht fordert. Sie werden sich
mit der Zeit daran gewöhnen müssen, in der Mehrzahl
nur noch summarisch mit Lob und Tadel abgespeist zu
werden. Denn sie tragen durch die Massenproduktion
und durch die daraus erwachsene Ausstellungswut selbst
die grösste Schuld daran. Wenn heute ein junger Mann,
der sich vor vier oder fünf Jahren das Malen angewöhnt
hat, schon nach so kurzer Zeit die Früchte seines epoche-
machenden Schaffens dem Publikum in Sonderausstellungen
vorführt, dann darf er sich nicht wundern, dass die Kritik
ihn mit wenigen Worten, sei es glimpflich oder imglimpf-
lich, behandelt. Wenn ein Maler das Recht fordert, malen
zu können, was er will, darf der Kritiker, der zur Be-
urteilung eingeladen wird, das gleiche Recht in Anspruch
nehmen, sagen zu können, was ihm gut scheint. Diese
Auseinandersetzung soll nicht etwa dazu dienen, den
alten Streit zwischen „Künstlern und Kunstschreibern",
der in Berlin jetzt glücklich eingeschlummert ist, wieder
anzufachen, sondern nur eine reinliche Scheidung zwischen
berechtigten und unberechtigten Ansprüchen herbeiführen.

Auch der Berliner Ausstellung fehlt es, trotz der
musterhaften Organisation und der vortrefflichen Be-
leuchtung, nicht an wunden Punkten, die nicht umgangen
werden dürfen. Der eine ist die Einrichtung des Ehren-
saals, worin nach altem, aber leider nicht lobenswertem
Herkommen nur Kunstwerke aufgestellt werden, die in
irgend einer Beziehung zu den deutschen Fürsten und
zur deutschen, besonders preußischen Geschichte stehen.
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