Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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Die Ausstellungen in den Champs-Elysees und auf dem Champ-de-Mars. II.

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Abguss von Rauch's herrlichem Denkmal der Königin
Louise und sieben Porträtbiisten desselben Meisters,
darunter die Alexander von Humboldt's und der Kaiserin
Alexandra von Eussland, gingen durch Kauf in den Be-
sitz des akademischen Museums über. 0. v. L.

DIE AUSSTELLUNGEN IN DEN CHAMPS-
ELYSEES UND AUF DEM CHAMP-DE-MARS.

VON OTTO FELD, PARIS.
II.

Treten in dem 4879 Nummern umfassenden Salon
der Champs-Elysees die fremden Künstler fast gänzlich
zurück hinter den in Frankreich heimischen, so bietet
die Ausstellung auf dem Chqmp-de-Mars Gelegenheit, über
die Leistungen moderner französischer Künstler fort einen
Blick auch auf jene Kichtungen zu werfen, in denen die
moderne Kunst einiger anderer .Nationen sich zu bewegen
scheint. Freilich muss man das Gesamtbild der mo-
dernen Kunst, das sich angeblich auf den internatio-
nalen Ausstellungen ergeben soll, doch wohl ein wenig-
kritisch betrachten, denn die Beteiligung der einzelnen
Nationen an diesen Veranstaltungen hängt weit mehr, als
es der Nichteingeweihte glaubt, von allerhand Zufälligem,
mit der Kunst nur bedingungsweise Verknüpftem ab.
Die geschickte Organisation der Societe nationale des
Beaux-Arts, der Veranstalterin der Salons auf dem
Champ-de-Mars, hat zwar dafür gesorgt, dass diese Aus-
stellang mit einer gewissen Sicherheit alljährlich auf
die Einsendungen einiger der bedeutendsten Künstler
aller Nationen rechnen darf, die, zu Associes und Socie-
tären der Gesellschaft ernannt, neben dem Wunsch nun
auch eine Art von Verpflichtung fühlen, hier auszustellen.
Aber in Zeiten der Entwicklung, wie es die unsrigen
sind, sind die „Führenden" von gestern nicht mit Sicher-
heit immer auch noch die Führenden von heut und die
Leistungen jener, so künstlerisch wertvoll sie an sich
sein mögen, sind dann möglicher Weise nicht mehr
charakteristisch für die neueren Bestrebungen, die indes
sich geltend gemacht haben.

Können schon auf diese Weise Irrtümer entstellen,
so ist es wohl auch nicht zweifelhaft, dass der je-
weilige Stand der Kunst eines Landes nur dann durch
die Arbeiten einiger Weniger charakterisirt werden kann,
wenn wir diese in Übereinstimmung sehen mit einer
Gefolgschaft, deren gesunde Kraft die Ausbreitung und
Vertiefung der neuen Lehre verbürgt. Erst dann zeigt
sich uns, wenn auch nicht ein Gesamtbild der Kunst
eines Landes, so doch die Eichtling, welche dieselbe ein-
schlagen will.

Von allen den fremden Nationen, deren Künstler
ihre Werke auf dem Champ-de-Mars ausgestellt haben,
können wir nur bei den Engländern und Amerikanern
solche Beobachtungen hier anstellen. Beide Länder
haben zahlreiche Werke gesandt, Arbeiten, die eine

Weiterentwicklung der bisherigen Erfolge bekunden.
Wir sehen hier, wie die moderne Kunst, fortgeschritten
in der Verfeinerung der Mittel, nach langer mühsamer
Arbeit, nun befähigt, auch die differenzirtesten Stimmungen
wiederzuspiegeln, immer mehr dazu sich wendet, statt
einfacher Wiedergabe eines empfangenen Eindruckes die
künstlerische Absicht des Malers im Bilde stärker und
stärker zu betonen. Auswählend treten die Künstler
der Natur wieder gegenüber, aus der reichen Fülle
sondernd, was ihren Absichten dienen kann. Das schöpfe-
rische Moment tritt wieder mehr in den Vordergrund.

Die Anfänge dieser Bewegung lagen schon im Im-
pressionismus, der der erste Widerspruch war gegen jene
„objektiv" sein wollende Kunst, die ihm vorangegangen.
In dem Impressionismus, der „Eindrücke", also etwas
Subjektives gab, dämmerte zuerst die Erkenntnis wie-
der auf, dass jede Kunstäußerung nur die Wiedergabe
eines in der menschlichen Phantasie Empfangenen sein
könne, der Ausdruck einer Persönlichkeit sein müsse.
Aber die Impressionisten gaben in flüchtigen Notizen
nur im Allgemeinen den Eindruck, den sie empfangen.
Fortgeschrittenere suchten mit reiferem Können beob-
achtete Stimmungen immer deutlicher zu gestalten, und
sie überzeugen sich nun davon, dass der Künstler, um
zu diesem Ziele zu gelangen, Nebensächliches opfern müsse.
Sie übersetzen in ihre Kunstsprache, was mit der Sprache
der Natur ihnen vermittelt worden ist. Vereinfachend
wird nur ein Accord angeschlagen, die anderen mit-
schwingenden Klänge müssen, ihm dienend, sich unter-
ordnen. Zwei Farbentöne, in dem ganzen Beichtum von
Variationen, den ihr Zusammenklang ermöglicht, sollen
Hilfe leisten, um eine Persönlichkeit malerisch zu charak-
terisiren, um einen Eindruck zu schildern, den eine
malerisch empfindende Seele empfangen; ein einziger
Klang, den eine zarte Andeutung seines Gegensatzes
vertiefen, verfeinern hilft, schildert eine Stimmung. In
dem Studium von hellem Licht und sonniger Luft und
später von dämmerigen Abendstimmungen auf das Äußerste
verfeinert, wird die Farbe an sich nun wieder ein Aus-
drucksmittel. Der Künstler ist nicht mehr der Sklave
der Natur, er hat sie sich erobert, und nimmt von dem,
was sie ihm bietet, so viel wie er bedarf, um seine Em-
pfindungen auszusprechen.

Sollte der Weg hier nicht wieder einmünden, von
wo er seinen Ausgang genommen? Sollten die größten
Künstler aller Zeiten nicht nach denselben Gesetzen ge-
schaffen haben? — Sollte etwa, weil dies der Fall ist,
gegenüber den reifsten Werken jener Modernen, die in
diesem Sinne arbeiten, so gern von einer Nachahmung
der großen alten Meister gesprochen werden, wie z. B.
in dieser Ausstellung vor den beiden herrlichen Bild-
nissen Lavery's, vor denen man gern auf Velazquez
hinweist? — Und doch liegt hier nicht eine Nach-
ahmung vor, sondern ein Hochbegabter ist auf eigenem
Wege zu ähnlichem Ziele gelangt, wie ein früherer
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