Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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Die Ausstellungen in den Champs-Elysees und auf dem Champ-de-Mars. II.

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Meister. Aber selbst, wenn es dem Künstler gelungen
wäre, aus dem Studium der Werke dieser Großen die
Lehre zu ziehen, in welcher Eichtung sein Streben sieh
zu bewegen habe, würde man ihm daraus einen Vorwurf
machen wollen? — Wer zu prüfen versteht, der sieht
wohl die starke Differenz der Mittel hier und dort; das
Ergebnis ist aber dassellbe — ein reifes Werk. Und
ich glaube in der That, dass man die beiden Arbeiten
des schottischen Künstlers getrost neben die Werke des
großen Spaniers stellen darf, sie werden den Vergleich
aushalten können. Eine Kraft der Charakteristik ist in
diesen Werken, eine Schönheit des Tones, Breite und
Einfachheit der Behandlung, die sie an das Beste
leiht, was die Bildniskunst geschaffen. Eine schlanke
Mädchengestalt zeigt das eine der Bildnisse; beglückende
innere Heiterkeit lächelt uns aus dem lieblichen Ge-
sichtchen entgegen, das dem Beschauer voll zugewendet
ist. In anmutiger Haltung lehnt die linke Hand leicht
auf einem tiefgetönten Tisch, von dem aus einem schönen
Gefäß einige helle Blüten emporstreben. Die rechte
Hand, die einen schwarzen Federfächer hält, stützt sich
auf die Hüfte. Um die Schultern ist ein kleines Mäntelchen
angeordnet. Der braune Pelzkragen desselben, wie das
wenige Schwarz der Außenseite, das sichtbar wird, stellt
auf das Glücklichste die Verbindung zwischen dem tiefen
Weiß des Kleides und dem graubräunlichen Ton des
Hintergrundes her. Die Verteilung der Farbenflecke ist
von höchstem Reiz und erscheint doch durch feinste
Abwägung ganz zwanglos. — Noch breiter, noch ein-
facher fast ist der geistreiche Frauenkopf' in dem zweiten
Bilde des Meisters, das schwarz auf braun gestimmt ist
mit einer einzigen kleinen roten Note, einem Blümchen,
das den Gürtel der schönen Frau schmückt.

Ähnlichen Wegen wie Lavery folgt dessen Lands-
mann Guthrey in einem Bildnis eines englischen Edel-
manns, das auf einen gelbbräunlichen Ton gestimmt ist,
wie in zwei Kinderporträts, in denen in Haltung der
Figuren und im Ausdruck der Köpfe die kindlichen Charak-
tere meisterhaft gegeben sind (es sind wirklich einmal
Kinder, mit lieben dummen Kindergesichtchen, und nicht
diese kleinen Männchen, die uns Kinderporträts zumeist
zeigen), deren außerordentlich geistreiche Behandlung
von Kleidern und Hintergrund, so reizvoll sie an sich
ist, aber die Bilder doch ein wenig zu raffinirt erscheinen
lässt. Die Meisterschaft Brangwyn's ist bekannt. Auch
in seinem „Saint-Simon Stylite" giebt er in diesem
Jahre wieder eines jener vornehmen stillen Bilder, die
in ihrer schönen vereinfachten Zeichnung und den ge-
dämpften Farbentönen so echt dekorativ im höchsten
Sinne des Wortes wirken, und die man darum aus der
unruhigen Umgebung der Ausstellung sich so gern fort
wünscht an den Ort ihrer Bestimmung, etwa an die
ruhig getönte Wand eines vornehmen Wohnraumes, in
dem sie erst recht zur Geltung kommen mögen. Sargent
sandte das Porträt eines schlanken jungen Mannes, ein

sehr schönes Werk, das nur vielleicht ein wenig zu schwer
im Ton wirkt. Walion brachte außer dem Bildnis einer
jungen Dame eine sehr schöne Landschaft „l'arbre rond".
Der Versuch Oppler's in schwarzen Tönen seine „ Accords"
zusammenzustimmen — eine Dame in schwarzem Kleid,
vor einem schwarzen Klavier in einer tiefdnnklen Uni-
gebung —, scheint mir nicht geglückt. Von Robinson
Anden wir eine Reihe sehr interessanter Arbeiten. Das
Porträt von Bume-Jones ist eine Verirruug wie der
ganze Präraphaolitismus.

In der reichen Zahl meist vortrefflicher Bilder, die
amerikanische Künstler ausgestellt haben, verdienen die
Werke von Ilopkinson und Humphreys Johnston vor
allen genannt zu werden. Dieser giebt in einigen kleinen
Bildchen, nieist auf einen feinen blaugrünlichen Ton ge-
stimmte kleine Interieurs mit einer B^igur, jener neben
anderem eine Porträtstudie, in der der Kopf vielleicht
etwas zu sehr zurücktritt, dem Gesamteindruck zuliebe,
die aber im Zusammenstimmen von Tönen höchste Meister-
schaft zeigt. Wir sehen in zwangloser Haltung eine
ältere Dame in faltigem schwarzen Gewände, das hie
und da durch einen milden violetten Ton (das Futter
des Mantels) unterbrochen wird, auf einem langen grad-
lehnigen Sopha, dessen tiefgrüner Seidenstoff auf das
glücklichste sich abliebt von dem goldbräunlichen Hinter-
grund. Das milde Rot eines Lacktischchens, darauf eine
schönfarbige Porzellantasse und eine blasse Rose, ver-
vollständigt die Stimmung. Harrison zeigt neben einigen
sehr interessanten Lichtstudien — ein kleiner Junge
(Akt) mit einer Laterne bei Abendstimmung am Strande
in verschiedenen Beleuchtungsmomenten — eine herr-
liche Marine „le grand miroir". Wie der fahle Schein
des Abendhimmels in der großen leiclitbewegten Wasser-
fläche sich spiegelt, das ist meisterhaft studirt. Mclchers
erreicht in seinen farbigen Bildern jetzt nicht mehr die
Kraft und Schlichtheit seiner früheren Leistungen. Sehr
Interessantes bieten — um nur die wichtigsten zu nennen
— Alexander, Carl, Lockwood, Koopmann, Gushing und
Murphy.

Von den Belgiern sandte Courtens, dessen Bilder
sonst manchmal ein wenig unruhig und zu raffinirt in
der Technik sind, diesmal eine „Morgenstimmung im
Walde" von einfach-großer Wirkung. Wie das Licht
durch die Blätter der mächtigen Bäume auf den Rasen
herniederrieselt, wie die Äste und Stämme weich und
doch bestimmt in diesem Flimmern von Farbe und Licht
stehen, das ist unübertrefflich gegeben. Auch die Studien
Baertson's sind — ein wenig nüchtern vielleicht — doch
verdienstvoll. Für das große Bild, das der Künstler
gleichfalls ausgestellt, scheint seine künstlerische Kraft
nicht ausgereicht zu haben, es wirkt etwas leer. Sehr
schön sind die Arbeiten von Wiüaert, Marceüe und
Claus. Mit der photographischen Art Firderic's vermag
ich mich nicht zu befreunden. Israels und Mesdag geben
das Beste unter den Holländern, dieser eine „femme a ia
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