Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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Bücherschau

III

Wertvolle derselben zu besserer Wirkung. So der
köstliche kleine Luini, der sehr beachtenswerte Dome-
nico Ohirlandajo, der vorzügliche Everdingen, der gute,
echte, wenn auch etwas trockene Jakob van Ruisdael u. a.m.
Von den drei früher unter dem großen Namen des
Velazquez aufgeführten Porträts hat man zwei, näm-
lich die Bildnisse Philipp's IV. und seiner zweiten Ge-
mahlin Maria Anna, nach Mündler's und Waagen's
Vorgang dem Carreno zugesprochen, während das
dritte, ein spanischer Prinz als Knabe im Kardinals-
ornat, noch dem Velazquez vindizirt bleibt. Unseres
Erachtens mit Unrecht. Es ist auch dieses Porträt, das
übrigens durch Verputzen gelitten hat, nur ein Atelier-
bild, bei dem vielleicht der
Schwiegersohn des Velazquez,
Juan Bautista del Mazo, die
Hand im Spiele gehabt haben
könnte.

Die berühmte Kupfer-
stichsammlung des Grafen
Harrach wird jetzt ebenfalls
neu geordnet und ist zum
Teil in Schaukästen unter
Glas dem Publikum zugäng-
lich gemacht worden. Die
Angaben, welche sich über
diese Sammlung in der Fach-
literatur finden, sind vielfach
ungenau. Bei Wessely (An-
leitung zur Kenntnis und zum
Sammeln der Werke des
Kunstdruckes, Leipzig, T. 0.
Weigel, 1876, S. 216) heißt
es z. B.: „Graf Harrach be-
saß eine vorzügliche Samm-
lung von Kupferstichen, die
an 30,000 Blätter zählte. Das
Beste ist leider ausgeschieden
und bei Clement in Paris ver-
steigert worden (Februar 1867). Der Auktionskatalog
giebt traurige Kunde, um welche Schätze Wien dadurch
gekommen ist." Statt „das Beste" sollte es heißen
„Einiges von dem Besten" und zwar namentlich von
solchen Meistern, welche zu jener Zeit gangbar waren.
Erhalten blieb dagegen alles, was damals als Erzeug-
nis einer „minderwertigen Technik" galt, heutigentags
aber wieder sehr geschätzt wird. So z. B. die Werke
der Schabkunst und der Punktirmanier. Die Sammlung
besitzt von diesen eine Anzahl der größten Seltenheiten
Ußd Kostbarkeiten und wurde überdies in neuester Zeit
durch mehrere tausend vortrefflich erhaltener kolorirter
Blätter von der Hand der großen englischen Karika-
turisten (wie Gillray, Rowlandson, Newton u. a.) ver-
mehrt, von denen eine Auswahl mit den erwähnten
Prachtleistungen der Schab- und Punktirmanier den

Amoretten vonMortizv.Schwind.j—Sammlung Figdor im Wien

Inhalt der Schaukästen der Galerie bilden. Dr. J.
Dernjac, welcher die etwa 200 Portefeuilles um-
fassende Sammlung neu geordnet hat, wurde vom
Besitzer auch mit der Inventarisirung und Katalogisirung
derselben betraut. Insbesondere für die graphischen
Werke der englischen Schule werden wir diesen Arbeiten
gewiss manche erwünschten Nachweise zu verdanken
haben. c- v- L-

BÜCHERSCHAU.

Die Jugend. Münchener illustrirte Wochenschrift für Kunst
und Leben. München, 1896. G. Hirth.

Die Jugend — mir ist, als wäre ich wieder einmal ein
fideler Fuchs im goldenen ersten
Semester — ich habe noch
einen „Ganzen" zu den anderen
vertilgt — und alles ringsum
lacht und singt, und schwingt
Krüge und lange Pfeifen und
grüne Mützen mit rotgoldeneni
Bande, und die Stunden fliegen
dahin, leicht, licht, sorgenlos.
Aber draußen sitzen ein paar
Ehrsame hinterm Bierglas, und
begreifen absolut nicht, wie
man sich „dabei amüsiren kann",
wie das Schreien und Toben
„Freude und Gesang" genannt
werden kann. Ja, wer das nicht
mitfühlt, wird es niemals begrei-
fen. Und wer die Zeitschrift
Jugend nicht als jugendlich
Mitfühlender liest, der wird sie
nicht begreifen. Allwöchentlich
ein Heft, tait stets wechselndem
Umschlag, stets wechselndem
Inhalt, aber immer dergleichen
Tendenz, ■— Ausdruck zu geben
den Gefühlen, von denen große
Kreise unserer heutigen Jung-
mannschaft bewegt werden, jene
fröhlichen Studenten, Maler,
Dichter und Jünglinge jeg-
lichen Berufes, die das lebens-
lustige, liebedurstige Jungdeutschland bilden. Damit ist
es zugleich ausgesprochen, — dass die „Jugend" nicht für
„jedermann aus dem Volke" geschrieben ist. Nicht ein-
mal für jeden jungen Mann. Dazu geberdet sie sich viel zu
toll, dazu ist sie viel zu aggressiv. Sie wird, will und muss
Feinde und Verächter haben. Denn sie spottet über alles,
auch über sich selbst in ihrer Jugendtollheit. Es versteht
sich, dass ihre Anhänger allesamt der jungdeutschen, so-
genannten symbolisirenden Malerei anhängen. Und doch lesen
wir unter einer köstlichen Karikatur von Carl Strathmann
auf die Symbolisten die schönen Verse:

Die Jungfrau riecht an der Lilie,
Dem duftenden Jungfraun-Symbol,
Und denkt dabei an den neusten
Symbolischen Blumenkohl.
Der Kohl hat einen tiefen
Poetisch-mystischen Sinn:
Es steckt das Liebesgeheimnis,
Der Symbolisten drin.
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