Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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Dekorative Kunst.

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Gesellschaft zu kommen. Sie waren in Sympathie mit
dem Prinzip, aber sie scheuten die Konsequenzen, das
Hohnlächeln der Kollegen in der Academy, die vielleicht
doch einmal eines ihrer Bilder zugelassen hatten oder
haben würden.

Der Erfolg hat bewiesen, dass diese Befürchtung
grundlos war. Die neue Gesellschaft hat auch Mittel
und Wege gefunden, sich von dem Andränge der dilet-
tirenden „joung ladies", die hier massenhaft auftreten,
frei zu halten und hofft auf ein fröhliches Gedeihen.
Für die nächste Ausstellung im Herbst ist ihr schon
die Anteilnahme der ersten Künstler zugesagt, auch
einiger, die in den vordersten Reihen unter den be-
rühmten Mitgliedern der bestehenden Gesellschaften
stehen, — aber denen die Prinzipien jener zu eng ge-
worden und die in das Lager der freien Kunst flüchten.

New York. CLARA RÜGE.

DEKORATIVE KUNST.

Die Zeiten sind längst dahin geschwunden, in denen
Kunst identisch mit Freskomalerei war. Die Kunst
nimmt immer stärkeren Anteil am häuslichen Leben.
Wohnungsausstattungen, wie sie vor 20 oder noch vor
10 Jahren üblich, sind heute kaum mehr salonfähig.
Das Architekturbuffet im deutschen Renaissancestil und
das Plüschsopha mit Kameltaschen sind Massenartikel
geworden. Man verlangt größere Mannigfaltigkeit, mehr
Äußerung des individuellen Geschmackes. Neben die
streng historischen Stile treten freie Umbildungen der-
selben. Wie für die Kleidung, so ist auch für die Wohnungs-
ausstattung eine Modezeitung notwendig geworden, die
uns über den schnellen Wechsel der Formen, des Ge-
schmackes orientirt. Man mag darüber klagen. Aber
neben manchen Nachteilen hat es auch seine Vorzüge.
Die Zeitschrift für Innendekoration, herausgegeben von
A. Koch, Darmstadt (12 Hefte jährlich) kommt diesem
Bedürfnis entgegen, und sucht dabei den Geschmack
durch gute Abbildungen und anregenden Text künst-
lerisch zu schulen.

Eine Schulung unseres Publikums in diesen Dingen
ist aber höchst notwendig, ich meine eine Schulung
nicht durch doktrinäre Aufsätze, sondern durch die An-
schauung. Manche glauben, durch das Blättern in ein
paar Musterbüchern sich genügend orientirt zu haben.
Damit bildet man »ich vielleicht ein Vorurteil, kein Urteil.

Wer aber die genannte Zeitschrift durch einzelne
Jahrgänge verfolgt, wer die Reihe von Tagesfragen, die
darin erörtert werden, an sich herantreten lässt, der
wird wohl schließlich zu einem gewissen Uberblick
über die gegenwärtige Geschmacksrichtung kommen. Die
Zeitschrift ist daher nicht nur für Architekten und
Zeichner von Wert, nicht nur für jene glücklichen Besser-
situirten, die selbst sich anbauen und einrichten. Sie
sollte auch von denjenigen benutzt werden, die für

künstlerische Fragen dieser Art rein theoretisch sich
interessiren. Von allgemeiner Wichtigkeit ist der hier
wiederholt erörterte Streit über den Wert der eng-
lischen Innenausstattung für das deutsche Haus, ferner
Publikationen, wie Hermann Werle's „Vornehmes deut-
sches Haus", oder die Versuche, die historische Or-
namentirung durch eine naturalistische, aus der ein-
heimischen Pflanzenwelt geschöpfte, zu ersetzen.

Die Zeitschrift begnügt sich nicht mit dem Abdruck
belehrender Artikel. Sie giebt ein ebenso reiches wie
trefflich reproduzirtes Anschauungsmaterial, neben Re-
produktionen älterer mustergültiger Stücke hauptsächlich
Abbildungen neuester Arbeiten und Entwürfe. Auf diese
bildliche Ausstattung wird ungemeine Sorgfalt verwendet.
Ist auch nicht jede der oft bestehenden Zeichnungen
ausführbar, so geben sie doch mancherlei fruchtbare An-
regung.

Übrigens ist neuerdings ein Auszug aus früheren
Jahrgängen dieser Monatsschrift veranstaltet worden,
der die wichtigsten Entwürfe einiger Jahrgänge zu-
sammenfasse') und vor allem dem ausführenden Archi-
tekten wertvoll sein dürfte, da er für Zimmerausstattung
sowohl Totalansichten als auch zahlreiche Details für
Möbel, Porzellan, Wandmalerei, Lederarbeiten etc. bringt.

Der Innenausstattung und dem dekorativen Schmucke
des Hauses dient auch eine Publikation des J. Hoff-
mann'schen Verlages (Stuttgart), die „Dekorativen Vor-
bilder". Der beste Beweis für die weite Verbreitung
dieses Vorbilderwerkes ergiebt sich aus der Thatsache,
dass man im Kunstgewerbe und in modernen dekorativen
Malereien so häufig Motiven aus jenem Werke begegnet.
Trotz ihres geringen Preises (1 Mark pro Heft) bringen
sie fast ausschließlich farbige Blätter, Landschaften,
Stillleben, Blumen und Früchte, Allegorisches und rein
Ornamentales, stilisirte und naturalistische Formen,
Fächer und Vasendekoration, Wand- und Deckenbilder,
Möbelbeschläge und Buchdeckel etc. etc. Unter den Mit-
arbeitern seien besonders Prof. Sturm und Prof. Keller-
Karlsruhe genannt, ferner Habert-Dys, Prof. Widnmann,
Simmler, Hollacky u. A.

Ein Sondergebiet der dekorativen Kunst behandelt
das Werk von G. Buss, Ehrenurkunden, moderner Meister.2)
Es umfasst eine Sammlung sogenannter Adressen, die in
prachtvollen Lichtdrucken wiedergegeben sind. Da ge-
rade derartige Arbeiten meist nur wenigen bekannt
werden, ist es dankenswert, dass sie als künstlerische
Dokumente für moderne Meister und als anregende Vor-
bilder der Vergessenheit entrissen wurden. Das Werk
ist Adolf Menzel gewidmet und bringt eine ganze Reihe
seiner Adressen, daneben aber vortreffliche Arbeiten von

1) Moderne Innendekoration von A. Koch. Darmstadt,
Vol I. 1895.

2) O. Buss, Ehrenurkunden moderner Meister, 60 Licht-
druoktafoln in Polio. Stuttgart 1895, J. Hoft'mann.
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