Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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Bücherschau.

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gen schon heute darauf, dass Poynter nur eine von beiden
Stellungen behalten dürfe, da die Vereinigung einer so
kolossalen Machtstellung in einer Hand die fast ausnahms-
lose Botmäßigkeit, namentlich der jüngeren Künstlerschaft,
bedeuten und zumal mannigfache, wenn auch nicht gewollte,
Parteilichkeiten zwischen streitenden Interessen mit sich
führen müsse. Nur einmal, und zwar im Jahre 1855,
ereignete sich dasselbe, wenn auch in umgekehrter Form,
als nämlich Sir Charles Eastlake vom Präsidenten der
Akademie zum Direktor der National-Galerie ernannt
wurde. Damals war aber die Bedeutung dieser Samm-
lungen noch keine derartig hohe und so ausgedehnte, wie
dies jetzt der Fall ist. Bei dieser Gelegenheit und den
betreffenden Parteikämpfen gelangen durch die Tages-
und Fachpresse recht offene künstlerische Selbstein-
schätzungen zu Tage. Danach rangirt in Bezug auf
ihren AVerth die National-Galerie mit dem Louvre und
mit Dresden. Dann kommt München, Wien und Berlin.
Umgekehrt aber wird die Verwaltung nach deutschem
Muster durch hervorragende und ausgezeichnete Fach-
gelehrte verlangt, und in dieser Beziehung von eng-
lischer Seite als Beispiel Dr. Bode und Woermann ge-
nannt. Aller Wahrscheinlichkeit nach dürfte der Di-
rektor des Kupferstichkabinetts am British-Museum oder
der Leiter der irischen National-Galerie für den frag-
lichen Posten berufen werden. Im übrigen ist die Wahl
Poynter's keine ungünstige, wenngleich realistische Ten-
denzen nicht zu viel Aufmunterung von ihm zu erwarten
haben. Sein bekanntestes, in schönen klassischen For-
men gehaltenes Bild, der Besuch bei Äskulap, befindet
sich im South-Kensington-Museum. Eine Eeihe junger
und hübscher Frauengestalten, zu einer Kette voreinigt,
sucht Hilfe bei dem großen Meister. Zunächst dem-
selben steht eine der schonen nackten Gestalten, die auf
ihren Fuß hinweist. Hierbei übersieht man gern, dass
eigentlich auf dem ganzen Bilde niemand wirklich krank
oder nur leidend aussieht. Im Jahre 1891 machte Poyn-
ters Bild „Die Königin von Saba" nicht unberechtigtes
Aufsehen. Seitdem erschienen von ihm nur kleinere Werke,
meistens Phantasievorwürfe von zart aufgefassten jungen
Mädchen oder Kindern in antiken römischen Villen. Wenn
er mit beiden Händen malen würde, so wäre ich ver-
sucht zu sagen: mit der einen führt er den Pinsel wie
Leighton, mit der andern in Alma Tadema's Manier.

v. SCHLEINITZ.

BÜCHERSCHAU.

Unsere Kriegsflotte. Dem deutschen Volke in Wort
und Bild dargestellt von Qeorg Wislicenus, Kapitän-
Lieutenant a. D. unter Mitwirkung der Marinemaler Carl
Saltxmann, Friedrieh Schwinge, Willy Stower. 20 Chronio-
lithographieen in Kalikomappe. Treis 30 M. Zweite Auf-
lage. Leipzig, F. A. Brockhaus.

Obwohl dieses Werk nach seinem Hauptzwecke den
speciellen Interessen unserer Leser fern liegt, darf seine vor-
nehme, künstlerische Ausstattung auch eine Berücksichtigung

an dieser Stelle beanspruchen. Hat doch die Marinemalerei
von jeher eine hervorragende Stellung in der deutschen Kunst
eingenommen, obwohl die Deutschen als kompakte Masse
unter den seefahrenden Nationen lange Zeit eine sehr kläg-
liche Rolle gespielt haben. Aber wie selbst in den schlimmsten
und dunkelsten Perioden der neueren deutschen Geschichte
deutsche Schiffskapitäne, Steuermänner und Matrosen auf
fremden Seeschiffen stets gern gesehen waren und sogar
hoch geschätzt wurden, so hat es auch in den dreißiger,
vierziger und fünfziger Jahren deutsche Marinemaler gegeben,
die es getrost mit den Franzosen — von England war da-
mals noch nicht die Bede — aufnehmen konnten. Hatten
die Franzosen ihren Gudin, so hatten wir unseren W. Krause,
und wenn die Franzosen Isabey ausspielten, hatten wir in
Eduard Hildebrandt unseren höheren Trumpf. Nach ihm
traten in Berlin Hermann Eschke und seine Schule in den
Vordergrund. Sie hat ihre Schösslinge bis in die neueste
Zeit hinein getrieben, und sie haben gerade jetzt einen frucht-
baren Boden gefunden, weil Kaiser Wilhelm Tl. in der Stärkung
der deutschen Kriegsmacht zur See die Ergänzung und
Krönung des von seinem Großvater geschaffenen, gewaltigen
Verteidigungswerkes erkannt hat. Als leidenschaftlicher See-
fahrer versäumt es der kunstbegeisterte Herrscher niemals,
einen Maler auf seinen Nordlands- oder Südlandsreisen mit-
zunehmen, und dadurch sind besonders Carl Saltzmann und
H. Bohrdt Erleichterungen für ihre Studien geschaffen wor-
den, wie sie in früheren Zeiten selten einem Künstler ge-
boten worden sind. Nur der russische, jüngst verstorbene
Marinemaler Bogoljubow hat sich einer gleichen Auszeichnung
erfreut. Auf die Anregung Kaiser Wilhelm's II. ist sogar
an der Berliner Kunstakademie eine eigene Lehrklasse für
Marinemalerei unter Leitung Saltzmann's eingerichtet worden.
Mit nicht geringerem Eifer als in Berlin wird die Marine-
malerei auch in Düsseldorf gepflegt, und selbst in München
giebt es Künstler, die den bayerischen Alpen den Rücken
kehren und nordseewärts ihre Segel aussetzen. Diese neue
Richtung der Marinemalerei verfolgt neben ihren künst-
lerischen auch praktische oder doch instruktive Zwecke. Mit
phantastischen Seeschlachten, mit Stürmen nnd mit Schilde-
rungen verzwickter Lichterscheinungen kommt heute kein
Marinemaler mehr vorwärts. „Blaue Wunder" sind heute
alltäglich geworden. Was aber immer wechselt, sind die
Schirl'stypen, deren einer sehr bald von einem anderen,
besseren verdrängt wird, und das Studium dieser mannigfach
gearteten Schiffskörper mit ihrem inneren Organismus fordert
einen ganzen Mann, der sich nicht mit gemalten Phrasen
aus der Verlegenheit ziehen darf, sondern der ernster Prüfung
seiner Arbeiten durch Fachmänner gewärtig sein muss. In
dieser durchaus notwendigen Verbindung technischer Kennt-
nisse und malerischer Darstellungskraft liegt das Geheimnis
des Erfolges, den die drei an dem Brockhaus'schen Kriegs-
flottenwerke beteiligten Maler errungen hatten, bevor sie mit
dieser Aufgabe betraut wurden. Sie sollten nicht schema-
tische Typen für den Unterricht geben, sondern ein jedes
Kriegsschiff in seinem Element, auf einer Fahrt, bei einer
Übung, einem Manöver, bei einer friedlichen Beschäftigung,
oder auch im Kampf mit dem in Aufruhr geratenen Elemente
darstellen und jedesmal in einer charakteristischen Umgebung,
die durch den Umfang des Machtgebietes des deutschen
Reiches bestimmt worden ist. Wir sehen unsere Schiffe
nicht bloß in den heimischen Gewässern, sondern auch in
den norwegischen Fjords, bei Dover und New York, vor
Zanzibar, in einem samoanischen Hafen und an der japa-
nischen Küste. Die Künstler haben also vollauf Gelegenheit
gehabt, ihre koloristischen Gaben zu entfalten, und dies ist
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