Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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müssen. Signatur und Datirung wird selbstverständ-
lich angeführt, wo nötig auch kritisirt. Die Auktions-
preise der Versteigerungen Buccleugh und Verstolk (ge-
legentlich auch Holford) sind angegeben und liefern,
trotz der beständigen Schwankungen, immerhin einen
erwünschten Anhalt.

Die Hauptsache bleibt aber die jeder Nummer an-
gefügte Kritik, welche Technik, Entstehungsgeschichte,
Frage der Echtheit des ganzen Blattes wie der einzelnen
Etats, etwaige Kopieen und Überarbeitungen späterer
Zeit umfasst.

Bezüglich der Echtheit nimmt v. Seidlitz einen sehr
vorsichtigen und abwartenden Standpunkt ein. Zwischen
Bartsch (375 Nummern) und Middleton (329 Nummern)
einerseits, Legros (79 Nummern) andererseits hält er
den Mittelweg. Er scheidet 79 Bartsch-Nummern, ab-
gesehen von den Schülerarbeiten von 1631 und von den
Blättern, wie B. 77, 119, die er selbst als in wesent-
lichen Teilen von Schülern gefertigt ansieht, als unecht
oder zweifelhaft aus. Von ihnen dürfte wohl kaum eine
als Rembrandt- Original von der späteren Forschung
zurückverlangt werden. Sie scheinen mir das Minimum
desjenigen zu bedeuten, was zurückgewiesen werden
muss. Unbedenklich hätte Seidlitz auch B. 119, das
ihm doch selbst sehr bedenklich, auf den Index setzen
dürfen. Es ist doch eine sehr mäßige Schülerarbeit.
Aus der Masse, welche besitzgierige Sammler unter
ßembrandt's Xamen vereinigten, muss eben durch lang-
same Einigung der Forscher ein ganz wesentlicher Bruch-
teil ausgeschieden werden.

Viel zaghafter, als in der Abweisung unechter
Werke, geht Seidlitz in der Konstatirung fremder Hände
in Rembrandt's Blättern vor. Ich glaube, dass sich die
matte, unsichere Technik der Schüler und Gehilfen, ihre
schwächliche Stichelei, in viel größerem Umfange nach-
weisen lässt.

Für die Ausscheidung dieser helfenden Hände ist
vielmehr die Art der Linienführung, als etwaige Ver-
zeichnung maßgebend. Rembrandt's Originalarbeiten zeigen
keine toten, ausdruckslosen Striche, keine farblosen Linien
und Flächen, keine unverstandenen Bewegungen. Sehr
oft dagegen Verzeichnungen, besonders in der späteren
Skizzirmethode, die immer mehr in möglichst großen,
eckigen Linien die Hauptformen hinzeichnet. Bezeichnend
ist für seine Art z. B. der Tod Mariä (B. 99). Während
die Gestalten der um das Sterbebett Versammelten sorg-
fältig aufgezeichnet sind, wurden Engel und Wolken nur
in ganz rohen, flüchtigen Formen von ihm auf der Platte
entworfen und doch mit fabelhafter Sicherheit eine groß-
artige Tonwirkung und wunderbare Luftwirkung erzielt.
Formaler Liebreiz ist ihm eben fremd. Er gleicht einem
geistreichen Manne, der die tiefsten Gedanken oft nur
stotternd, in flüchtig hingeworfenen Bemerkungen vor-
trägt. Übrigens sind auf diesem Blatte gerade im

rechten unteren Teile jene schülerhaften Schätzungen
und Überarbeitungen deutlich erkennbar.

Für den Streit um die Echtheit ist erschwerend,
dass offenbar neben Übungsarbeiten stümperhafter An-
fänger auch die Werke talentvoller Mitarbeiter, wie
Köninck, Vliet, Bol, in das Rembrandtoeuvre überge-
gangen sind, resp. mit Rembrandt's Signatur versehen
zum Verkaufe ausgingen.

Öfter, als man gemeinhin annimmt, scheint Rem-
brandt nur flüchtig den Entwurf auf die Platte radirt
und vorgeätzt zu haben, die weitere Ausführung den
Schülern überlassend. Besonders häufig sind offenbar
größere Schattenpartieen in sonst vortrefflich gearbeiteten
Blättern zur Bearbeitung den Gehilfen überwiesen
worden, weil dem Meister diese Arbeit zu zeitraubend
war. Zum Schluss scheint er nicht selten mit dem
Stichel energische Retouchen hinein gearbeitet zu
haben. Modernen Künstlern muss eine solche Gleich-
gültigkeit in der Ausgestaltung der Arbeit höchst be-
fremdlich erscheinen. Für Rembrandt ist doch offenbar
das geschäftliche Interesse viel maßgebender gewesen.
Wie aus dem I. Etat von B. 77 hervorgeht, scheut er
sich ja nicht, Schülerarbeiten, an denen höchstens der
Entwurf, aber sicher nichts von der Ausführung ihm
gehört, mit seinem Namen voll zu bezeichnen.

Typisch für den Grad der Arbeit, bis zu welchem
Rembrandt meist selbst die Blätter zu fördern pflegte,
ist wohl B. 65, das Seidlitz als „unvollendet" bezeichnet,
ebenso B. 72, B. 82, 86, 87, 88, 89 im I. Zustand.
Bezeichnend für die Mitwirkung der Schüler selbst bei
früheren, noch sehr weit von Rembrandt selbst be-
förderten Blättern ist B. 90, wo bereits im I. Zustande
größere Schattenpartieen, z. B. das Terrain links an der
Treppe, die Treppe selbst, die Fensterlaibung u. a. von
Gehilfen ausgeführt wurden. (Ebenso natürlich der Hund
u. a. im Vordergrund.)

Den Umfang dieser Gehilfenarbeit würde man bei
jedem einzelnen Blatte nochmals festzustellen haben.
Selbst viele der jetzt als erster Zustand bezeichneten
Blätter sind ja offenbar späterer Zustand und verdanken
nur dem zufälligen Untergang ihrer Vorläufer den Ruhm
als I. Etat. Als Beispiel sei hier B. 28 erwähnt, wo sicht-
lich das Genital der Eva ein nachträglicher Zusatz ist.

Schließlich seien hier noch einige gelegentliche Be-
merkungen hinzugefügt. Denselben weitere Ausdehnung
zu geben, verbietet der Raum.

Bei B. 286 lese ich auf einem Abdrucke des Berliner
Kabinetts nicht geretuc, wie Seidlitz notirt, sondern
geretuch (vgl. B. 287, 288).

Zu B. 28 (Adam und Eva) würde ich vorschlagen,
im letzten Absatz die seltsame Vermutung, dass hier eine
Parodie beabsichtigt sei, ganz außer acht zu lassen,
übrigens wollte wohl Rembrandt auch nicht, wie Seidlitz
annimmt, das erste Menschenpaar im ..halbtierischen"
Zustande schildern, sondern hat einfach ohne jede Tendenz
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