Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

Seite: 185
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Denkmäler. — Sammlungen und Ausstellungen.

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sich in einem gleichfalls überlebensgroßen Frauenbildnis
noch von einer edleren Seite zeigt. Das Porträt dieser
ganz in Schwarz gekleideten Dame, in welchem sich der
Ernst des Alters harmonisch mit der durch feine Formen
erhöhten weiblichen Würde verbindet, hat nur zwei
Farben aufzuweisen: die schwarze vornehme Frauen-
gestalt hebt sich wirkungsvoll von der dunkelroten
Färbung der Wand und des gleichfarbigen Divans ab. —
Wer kann die Namen alle nennen und jedes Bild be-
schreiben, die in jeder Größe, in jeder Technik ausge-
führt, in langen Reihen an den Wänden aufgehängt sind?
Es ist ein trauriges Los, das den modernen Künstler
verdammt, seine Produkte in solcher Weise einer wenig
kritikfähigen Menge preiszugeben, die sich fast niemals
Zeit nimmt, Wert oder Unwert eines Kunstwerks be-
dächtig abzuwägen. Überdies ist die Zahl des Mittel-
gutes erdrückend, viele Arbeit, viel ernstes Streben, aber
so selten trifft uns ein Funken des Genie's. Carpanetto's
„Hohe Wellen" Volpi's „Regentag im Gebirge", Pratella's
„Sommerende", Dali Oca Bianca's, Genrebilder ans Spanien
verdienen unsere Aufmerksamkeit in gleicher Weise wie
Laurenti's Kolossalgemälde „Parabola" im nächsten Saal,
wie L. Tommasi's Landschaften, Yincenzo Caprile's Idyllen,
G. Giani's Tauffest im Val d'Aosta u. a. m. Ciardi
Vater und Sohn hängen im letzten Saal links vom
Eingang nebeneinander; sie sind beide die ersten
Repräsentanten der sehr überlegenen Landschafter Vene-
digs, aber noch ist der Vater größer als der Sohn. Seine
„Alpenruhe" versetzt uns in die einsamsten Stunden
zurück, die wir an glücklichen Sommertagen im ernsten
Umgang mit Gottes Natur verbracht; so tief durchdacht
ist die Komposition der von menschlichem Odem beseelten
Gebirgsscene, die überdies in allen Einzelheiten mit
größtem Fleiß behandelt ist. Pollonera's „Quelle", die
uns das flüsternd bewegte Leben eines deutschen
Waldes schildert, Hollender's Fischer, die ein Boot aus
der stürmischen See ans Land ziehen, behaupten sich
in diesem Raum neben Ciardi, Fattori und Belloni.
(Schluss folgt.)

DENKMÄLER.

O Die Ausführung des Sckuhe-Delilxseh-Denkmals für
Berlin ist nicht dem Empfänger des ersten Preises, dem
Bildhauer Karl Meisen, sondern dem Bildbauer Hans Arnoldt
in Berlin übertragen worden, der mit dem zweiten Preise
ausgezeichnet worden ist. Die Statue soll in weißem Marmor,
die beiden Sockelgruppen sollen in Bronzeguss und das Posta-
ment in Granit ausgeführt werden. Den dritten Preis (1000 M.)
hat Prof. 67. Eberlein erhalten. Außerdem sind noch sechs
Preise von je 500 M. an die Bildhauer H. Pohlmann, Emil
Cauer (mit Architekt Grenander), Michel Lock, E. Weber,
Ii. Ohmann und J. Christensen verteilt worden. Es ist ge-
wiss zu billigen, wenn das Komitee die konkurrirenden Bild-
hauer für ihre Mühen entschädigt. Wir glauben aber, dass
ein Aufwand für Preise im Betrage von 9000 M. bei einer
verhältnismäßig kleinen Konkurrenz nicht dem zu erwarten-
den Erfolge entspricht. Die Koukurrenzentwürfe verstauben,

als bittere Erinnerung für die Besiegten, in den Winkeln
der Ateliers, während für die unnütz ausgegebenen 9000 M.
etwas Bleibendes für den städtischen Kunstbesitz, der immer
noch sehr ärmlich ist, hätte geschaffen werden können.

SAMMLUNGEN UND AUSSTELLUNGEN.

Wien. — Es kann als eine lobenswerte Verbesserung be-
zeichnet werden, dass mit dieser Wintersaison ein altes
Museum ein neues Heim gefunden hat. Unter der Ägide
des Hofrats von Scala sind die Sammlungen des Handels-
museums von dem Börsengebäude in das frühere Palais
Festetits in der Berggasse überführt worden, wo sie in dem
hellen Licht und der passenden Umrahmung zu besserer
Geltung gelangen. Da die neu angeschafften Sachen auf
kunstgewerblichem Gebiete sehr interessant sind, so sei hier
besonders darauf hingewiesen, dass das Museum von nun an
auch an Sonntagen geöffnet ist. Die Neuanschaffungen geben
namentlich ein anschauliches Bild des englischen Kunstge-
werbes in Bezug auf dag Innere des Wohnhauses, ein Ge-
biet, auf dem wir noch allerlei lernen können. Wer sich
am englischen Stil erfreuen und bilden will, der wird in
den Kunsttischlerarbeitcn von Chippendale und Sheraton
reichliche Gelegenheit dazu finden, während auch das Neuere
in Tapetenmustern, nicht nur für große Räume und Hallen
(wie die von William Morris), sondern auch für das einfach
bürgerliche Haus (wie die Arbeiten Cranc's und seiner Ge-
nossen! zur Geltung kommen. Den Besuch des Museums
kann man wärmstens empfehlen. - nn.

Berlin. ■— Das Königliehe Kunstgewerbe-Museum, Prinz-
Albrechtstraße 7, veranstaltet in den Monaten Januar bis
März 1897 die nachstehenden Vorlesungen: a) Die Kunst im
Buchdruck; Herr Direktor Dr. P. Jessen. 10 Vorträge, Mon-
tag abends 8'/2—9% Uhr. Beginn: Montag, den 18. Januar 1897.
b) Geschichte des deutschen Hauses von der Urzeit bis zum
Ende des Mittelalters; Herr Dr. Alfred Gotthold Meyer.
10 Vorträge, Dienstag abends 8%—9'/2 Uhr. Beginn: Dienstag,
den 19. Januar 1897. c) Geschichte der Kunsttöpferei vom
Mittelalter bis zur Neuzeit; Herr Regierungs - Baumeister
Bichard Borrmann. 10 Vorträge, Donnerstag abends 8'/2—
9% Uhr. Beginn: Donneistag, den 21. Januar 1897. Die
Vorlesungen finden im Hörsaal des Museums statt, der Zu-
tritt ist unentgeltlich.

—x. liadirungsausstellung in Karlsruhe. Der Vorstand
des Vereins für Originalradirung hatte in den letzten Tagen
eine Ausstellung von Radirungen und Lithograpbieen ver-
anstaltet. An der Ausstellung waren Karlsruher Künstler
ersten Ranges mit beteiligt; wir begegneten in vortrefflichen
Leistungen den Namen: Krauskopf (Porträts, darunter ein
sehr charakteristisches von Kuno Fischer), v. Kalckreuth
(süperbe landschaftliche und Akt-Studien), Kallmorgen, v. Ra-
venstein (Mühle am Waldbach in drei Drucken, italien.
Händler), Braun (die auch im Kunstverein ausgestellten
beiden Blätter), Schönleber (Segelschiffe), Pötzelberger (Ruhe
nach dem Bade), Volkmann (Fliegende Fische), Manuel Wie-
landt (italien. Motiv), Oertel, (Kopf eines alten Mannes), Conz
(Häuser an einem Kanal), Schroeder-Tapian (geschickt ge-
zeichnetes Porträt einer verschleierten Dame), Fichard,
Kampmann (Radirungen und Farbendrucke in verschiedenen
Stadien der Vollendung), Fikentscher (Tiere und Hunde,
Kopf eines orgelnden Hirsches), Hein, Hoch, Ruest, Segisser u.a.
Die Ausstellung war, wie gesagt, nicht umfangreich, aber
sie war insofern sehr lehrreich, als sie dem aufmerksamen
Beschauer einen Blick in das Gedankenleben der beteiligten
Künstler, in die Geheimnisse des Schaffens gestattete und ins-
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