Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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Bücherschau.

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herigen Wahlmodus der Jury (als wählbar nur durch
Aussteller der letzten drei Jahre) unzufrieden. Man
versuchte zuerst einen neuen Wahlmodus durchzubringen,
nach dem die Jurymitglieder ausgelost werden sollten;
da jedoch dies die Konsequenz nach sich gezogen, lieber
gleich die Bilder selbst auszulosen, so ließ man die Idee
wieder fallen. Als nun der Vorstand den Antrag (Aus-
steller der drei letzten Jahre etc.) auch für die Internatio-
nale zur Abstimmung brachte, gewann die Gruppe der
Kollegen die Majorität und wies den Antrag ab. Es ist
nicht anzunehmen, dass sich diese Majorität vorwiegend
aus Ausstellern der letzten drei Jahre zusammensetzte,
und die Statistik ergab auch, dass ca. 70 Prozent von ihnen
nicht ausgestellt hatten, sei es weil sie zurückgewiesen
wurden oder gar nicht einschickten, während von der Gegen-
partei nur ca. 20 Prozent in den letzten drei Jahren sich
nicht beteiligt hatten. Nun wiederholte sich ein ähn-
liches Schauspiel, wie es damals die Secession geboten:
der Vorstand, der der Minorität angehörte, legte sein
Amt nieder mit der Erklärung, unter solchen Umständen
eine würdige Ausstellung nicht durchführen zu können,
und die gesamte Luitpoltgruppe verpflichtete sich, unter
diesen Verhältnissen die Ausstellung nicht zu beschicken.

Die Gruppe der Kollegen wandte sich nun an Lenbach,
damit dieser die Präsidentschaft und Ausstellungsleitung
übernähme. — Man kennt die allseitige Bewunderung für
diesen genialsten aller lebenden Porträtmaler Deutsch-
lands, wenn nicht der Welt; wenn man jedoch nur im
geringsten mit seinen Anschauungen über Kunst bekannt
ist, so wird man sofort begreifen, dass er zur Leitung
einer Ausstellung, die ein Gesamtbild der Leistungen
der Münchener Künstler liefern soll, nicht ganz geeignet
ist. Und gar heute, wo die moderne Kunstanschauung
eigentlich alleinherrschend geworden ist und aus einer
älteren Anschauung heraus verhältnismäßig nur wenig
Lebensfähiges mehr geschaffen wird, durfte man doch
keinen Feind der Modernen (der ja für seine Person
zwar selbst ganz ein Moderner ist — man muss eben
Lenbach kennen, um diesen Widerspruch zu begreifen —)
an die Spitze stellen.

Lenbach entwickelte nun seine Ideen: er wollte
zuerst mit dem Besten des In- und Auslandes einige Elite-
säle zusammenstellen, ferner einzelnen Gruppen Säle für sich
überlassen, mit denen sie nach Gutdünken schalten und
walten könnten, und das Ganze durch Verbindung mit
architektonischer Ausgestaltung zum Kunstwerk er-
heben. — Dass Lenbach der Mann dazu wäre, um etwas
wunderbar Künstlerisches, was ihm so leicht keiner nach-
macht, zu arrangiren, weiß ein Jeder, der einmal einen
Blick in seine Villa gethan, — nur eben mit der Be-
schränkung, dass die moderne Kunst dabei fehlen würde.
Aber auch andere Bedenken setzten sich den Lenbach'schen
Plänen entgegen. Weder die Secession noch irgend eine
andere Gruppe würde sich dazu verstehen, ihre besten
Bilder herzugeben, da sonst ja der ganze Zweck der |

Gruppenbildung illusorisch gemacht wäre, worauf Lenbach
beschloss, seinen Sälen einen retrospektiven Charakter
zu verleihen. Und dann wäre wohl auch die Partei, die
Lenbach auf den Schild gehoben, unter seinem Begime
am schlimmsten gefahren.

Nun aber hat die Regierung den Glaspalast zu ver-
geben und kann daran ihre Bedingungen knüpfen. Man
sah dort sehr gut ein, dass, wenn alle die besten Künstler
gemeinsam auftreten sollten, die Künstler der Luitpold-
gruppe nicht fehlen dürften. Und so ließ denn der
Minister dieser Gruppe gleiche Bedingungen wie der
Secession (also eigene Säle und eigene Jury) anbieten, falls
sie von ihrer kundgegebenen Absicht der Nichtbeschickung
absehen wollten. Darauf gingen diese denn auch ein,
wodurch die anfangs recht bedenkliche Lage sich doch
noch zum Guten gewandt und bei einem friedlichen Zu-
sammenwirken der Kräfte Lenbach, Secession und Luitpold-
gruppe ein außerordentliches Ergebnis zu erwarten ist.

SCH ÜL TZE-NA UMB URG.

BÜCHERSCHAU.

Dr. Siegmar Schnitze, Privatdocent an der Universität
Halle-Wittenberg, Wege und Ziele der deutschen Litteratur
und Kunst. Berlin, Verlag von Carl Duncker. 1807. 8°.
Mit einiger Neugier nimmt man diese Schrift zur Hand,
denn nach Klarkeit über die Gegenwart, nach einer Ahnung
des Weges, den Kunst und Litteratur in der nächsten Zu-
kunft aller Vermutung nach werden nehmen müssen, hat
jedermann ein Verlangen. Nur ein volles Überschauen des
ganzen großen und so mannigfaltigen Gebietes der künst-
lerischen und litterarischen Kräfte und Ideen, die heutzutage
wirken, kann uns dazu verhelfen. Mehr als eine Ahnung
freilich kann es nicht sein; denn wenn es schon schwer ist,
eine abgeschlossene Vergangenheit so zu durchdringen, dass
man das in ihr herrschende Gesetz erfassen kann, so ist'es
noch ungleich viel schwerer, seiner eigenen Zeit mit jener
Objektivität und tief eindringenden Erkenntnis in die innerste
Seele zu schauen, dass man die Grundlinien der Zukunft
ziehen kann. Vor seiner Gegenwart ist jeder Parteimann.
Auch Dr. Schultze ist es, wenn er sich als Individualist, als
Anhänger Nietzsche's, als Gegner des Socialismus, als ein
herber Kritiker der Frauen und Parteigänger Strindberg's im
Kampfe gegen die Emancipirten bekennt. Wer kann sagen,
dass er hier überall recht hat? Dass z. B. das Ideal der
Persönlichkeit, welches er immer und immerfort betont, nicht
bald von einem anderen abgelöst werden wird? Und in der
That: mehr als für ein persönliches Bekenntnis kann seine
Schrift nicht gelten. Dr. Schultze hat sich in der ästhetisch-
kritischen Litteratur der letzten Zeit fleißig umgesehen, Bert-
hold Litzmann's Drama der Gegenwart, Johannes Volkelt's
Ästhetische Zeitfragen und ähnliche Schriften mit Nutzen
gelesen. Und soweit ihn diese Schriften leiten, entwirft er
ein zutreffendes Bild von der Litteratur der Gegenwart. Nur
vermisst man an diesem individualistischen Ästhetiker eine
individuelle Auffassung der einzelnen bedeutenden Persön-
lichkeiten der Litteratur. Schultze schließt sich unbewusst
den Urteilen seiner Vorredner an und verrät öfters, dass er
die Dichter, die er nennt, nicht aus eigener Anschauung
kennt; denn unmöglich hätte ein wirklicher Kenner ihrer
Werke Otto Roquette und Theodor Fontane, „die beiden
Sprösslinge aus Hugenottenfamilien", in einem Athem ge-
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