Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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Korrespondenz aus Florenz.

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Greis besucht, von 1810, aber in der Weise der Alten
gezeichnet. — Schrank 355 ebenso Nr. 79 eine Malerei
in Silber auf tiefblauem Grunde, von 1832, einen Mann
darstellend, der einen Gnomen mit einem Schwert ge-
wahrt, und Nr. 80 das Bildnis einer bei einer Vase
stehenden Dame. — Im Eckraum in Schrank 357 Nr. 85
ein nicht übles Bildnis einer unter einer Palme sitzenden
Dame und Nr. 88 eine Landschaft mit Weiden, datirt
von 1817 oder 1877, wahrscheinlich aus ersterer Zeit.')
— Im Pult Nr. 90 ein sogenanntes „Fingergemälde",
das also ohne Hilfe des Pinsels angefertigt ist, den
Lau-tzi auf seinem Pitt durch die Lüfte darstellend.

Bis in die neueste Zeit ist diesen Malereien eine
gewisse Fingerfertigkeit und ein auf jahrhundertelanger
Übung beruhender Geschmack in der Anordnung und der
Farbenwahl eigen; aber die Spuren der alten Würde
und Geschlossenheit, der Vollendung im Umriss und der
kraftvollen und daher monumental wirkenden Färbung
haben sich vollständig verloren.

KORRESPONDENZ AUS FLORENZ.

St. Den drei Hauptmuseen von Florenz stehen in
den nächsten Wochen und Monaten große Veränderungen
bevor. Im Palazzo Pitti, zu welchem das Publikum
bisher durch eine enge Seitentreppe Eingang hatte, hat
der König aus Privatmitteln durch den rühmlichst be-
kannten Architekten Del Moro ein neues prächtiges
Treppenhaus errichten lassen, das sich neben dem alten
Eingang im linken Seitenflügel des Palastes nach den
Boboli-Gärten öffnet. Die großräumige Anlage ist aus
silbergrauem Sandstein im edelsten Renaissancestil er-
baut, mit einer reichen Innengliederung der Wände, für
welche die Fassade von San Lorenzo als Muster gedient
hat. Breite bequeme Sandsteintreppen führen zum weiten
Vorplatz empor, den ein prächtig geschnitztes Kassetten-
gewölbe überdeckt. Den drei Arkadenbögen über den
Eingängen entsprechen drei mächtige Fenster, durch
deren Butzenscheiben das gedämpfte Licht des Tages
eindringt. Ein reizender Marmorbrunnen mit den zier-
lich verschlungenen Devisen des Lorenzo de' Medici er-
hebt sich in der Mitte, oben am Fries hängen die wohl-
bekannten Wappen von Stadt und Kommune von Florenz
kunstvoll in bemalter Terrakotta ausgeführt. Kurz, die
ernste jeden Prunk verschmähende Schönheit dieses
Treppenhauses entspricht dem großartigen Charakter des
Palazzo Pitti in jeder Weise und ist ein würdiger Auf-
gang zu den Schätzen in den Sälen selbst, deren Reihen-
folge unverändert geblieben ist.

1) Prof. Hirth macht dazu brieflich die Bemerkung:
„Die meisten Bilder sind nach cyklischen Jahren datirt, wenn
sie überhaupt datirt sind; man kann daher leicht einen
Fehler um 00 Jahre machen (da die cyklischen Zeichen alle
60 Jahre wiederkehren), wenn man die Lebensdauer eines
Malers nicht genau kennt."

Weit umfassender noch sind die Veränderungen,
welche Professor Ridolfi seit lange in den Uffizien vor-
bereitet, wo eben der etwas kahle Vorplatz am Eingang
mit prächtigen Arazzi und einer Serie von Marmorbüsten
der Mediceerfürsten ausgestattet wurde. Zunächst sind
im zweiten Stockwerk vier geräumige Säle für die be-
rühmte Sammlung der Künstlerbildnisse hergerichtet, für
deren mit jedem Jahr sich mehrende Zahl die beiden
Säle oben hinter der venezianischen Schule längst zu
eng geworden sind. Aber auch sonst machten mancherlei
neue Erwerbungen, das Fresco Francia Bigios von Porta
Rossa, das Madonnenbild des Andrea da Firenze und
andere minderwertige, neue Räume notwendig. Scheint
sich doch auch endlich nach jahrelangen Unterhandlungen
die Hoffnung zu verwirklichen, dass die Galerie von
Santa Maria Nuova mit dem berühmten Hugo van der
Goes'), den Gemälden Fra Angelico's, Cosimo Rosselli's,
Botticelli's, Fra Bartolomeo's, den Uffizien einverleibt
wird. Nicht weniger als zwölf neue Räume neben den
alten, unter ihnen drei prächtige Oberlichtsäle, wurden
für den kostbaren Zuwachs hergerichtet, es werden aber
auch aus den überfüllten alten Sälen viele Kunstwerke
hierher übertragen werden. Vor allem soll die Toska-
nische Schule in ihrer ganzen reichen Entwicklung von
Giotto bis auf Michelangelo in den neuen Räumen zur
Aufstellung gelangen, und aus den langen Korridoren
werden die Gemälde entfernt werden, um den prächtigen
Arazzi Platz zu machen, die bis dahin im Depot ver-
wahrt werden mussten. Um das herrliche Werk des
Hugo van der Goes wird sich in besonderem Raum die
ganze vlämische Schule gruppiren, die Venezianer werden
mehr Luft bekommen, so dass wohl endlich nur die Hand-
zeichnungensäle und der Niobidensaal unberührt bleiben
werden, wenn nicht die letzteren gar mit allen Antiken
ins Archäologische Museum hinübergehen.

Im Bargello endlich plant Professor Supino, der
sich als Museumsdirektor in Pisa die größten Verdienste
erworben hat, eine nach chronologischen Gesetzen ge-
ordnete Aufstellung aller Bronzen und Skulpturen. Mittel-
alter und Renaissance werden streng gesondert werden,
minderwertige Produkte der Elfenbeinskulptur vom 17.
und 18. Jahrhundert u. dgl., welche jetzt ganze Säle be-
haupten, werden sich in einen bescheidenen Raum zu-
sammendrängen. Alle Renaissance - Skulpturen sollen
im zweiten Stockwerk Platz finden, und im großen
Donatello-Saal wird man Abgüsse und Originale scheiden
und die letzteren an der Nordwand um den h. Georg
von Or San Michele gruppiren. Im Bargello wird end-
lich auch die reiche Münzen- und Medaillensammlung
Aufstellung finden, die jahrelang im Archäologischen
Museum verborgen lag und vor allem einige Prachtstücke
aus der Frührenaissance enthält.

1) Die verfrühte Nachricht über den Verkauf des Hugo
van der Goes an das Louvre-Museum ist hiernach zu wider-
rufen. Anm. d. Red.
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