Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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Wettbewerbungen. —

Sammlungen und Ausstellungen.

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Zum Schluss sei auf drei Publikationen hingewiesen,
welche jeder Freund der Kultur und Kunst Italiens mit
Freuden willkommen heißen wird. Noch in diesem Früh-
jahr wird der Archivar des Florentiner Nationalarchivs
Jodoco Del Badia einen Dokumentenband über Giotto ver-
öffentlichen undhier zum ersten Mal einige Funde publiziren,
die vor allem über Giotto's Familie, seine Wohnungen in
Florenz und seine alten Beziehungen zum Mugello Auf-
schluss geben. Pasquale Villari arbeitet an einer Aus-
gabe der Fredigten Savonarola's in gediegener Auswahl,
welche sich auch neben der gleichfalls in Vorbereitung
befindlichen offiziellen Ausgabe aller Werke des großen
Dominikaners Freunde erwerben wird. Und zum Schluss
— last but not least — scheint man es endlich ernst
zu machen mit einer Herausgabe der Briefe an Michel-
angelo — mehr als 600 an der Zahl — die in der
Laurenziana sorgfältig gehütet, vielfach benutzt und
ausgeschrieben, doch erst nachdrücklich für die Biographie
des größten Florentiner Künstlers nutzbar gemacht werden
können, wenn sie in ihrer Gesamtheit vorliegen.

WETTBEWERBUNGEN.

*,* Für den vom Kaiser Wilhelm II. ausgeschriebenen
Wettbewerb, betreffend die Herstellung des fehlenden Kopfes
zur Ergänzung der Bronzestatue eines Knaben aus der
Sammlung Saburoff im Berliner Museum, sind folgende nähere
Bestimmungen getroffen worden: 1. Alle dem Deutschen
Reiche angehörigen Künstler sind berechtigt, an der Be-
werbung teilzunehmen. 2. Die Statue ist im Erdgeschoss
des Alten Museums im Westsaal aufgestellt und unter Nr. 1
des ausführlichen Katalogs der antiken Skulpturen in den
Museen zu Berlin (Verlag von W. Spemann, Berlin 1891)
abgebildet und beschrieben. Lichtdrucke nach einer photo-
graphischen Abbildung können von der General Verwaltung
der Museen gegen Einsendung von 75 Pfennig bezogen
werden. 3. Die Ergänzung der Statue ist an einem Gips-
abgüsse auszuführen. Von der ergänzten Figur ist ein Ab-
guss bis zum 31. Dezember d. J., naehm. pünktlich 3 Uhr,
an die Generalversammlung der königl. Museen in Berlin
unter Angabe des Namens und Wohnortes des Künstlers
kostenfrei einzuliefern. Für auswärts wohnende Künstler ge-
nügt der Nachweis, dass sie bis zum 31. Dezember das Werk
behufs Beförderung an die genannte Behörde als Eilfracht-
gut der Eisenbahn übergeben haben. 4. An jeden deutschen
Künstler, welcher sich bis zum 31. Mai als Teilnehmer an
dem Wettbewerb bei der Generalverwaltung der königl.
Museen in Berlin meldet, wird ein Abguss der Statue gegen
Zahlung des Vorzugspreises von 20 M. geliefert. Später tritt
der gewöhnliche Verkaufspreis von 70 M. ein. Die Ver-
sendung nach auswärts findet gegen Nachnahme des Kauf-
preises und der 12 M. betragenden Verpackungskosten statt.
5. Die Entscheidung über den Preis erfolgt durch Seine
Majestät den Kaiser und König unmittelbar und wird am
Geburtstage Allerhöchstdesselben, dem 27. Januar 1898, be-
kannt gemacht. Die zum Wettbewerb zugelassenen Ein-
sendungen werden nach erfolgter Entscheidung zwei Wochen
lang öffentlich ausgestellt. 6. Über das mit dem Preise aus-
gezeichnete Werk und dessen Vervielfältigung bleibt Seiner
Maj estät dem Kaiser und König die freie Verfügung vorbehalten.
7. Die nicht prämiirten Werke sind nach Schluss der Aus-
stellung, spätestens aber binnen vier Wochen nach Bekannt-

machung des Preises wieder abzuholen. Nach diesem Zeit-
punkte werden sie den Eigentümern auf deren Kosten
zugesandt werden.

SAMMLUNGEN UND AUSSTELLUNGEN.

A. R. Aus den Berliner Kunstausstellungen. In den
letzten Wochen ist in Berlin zwar sehr viel Neues, aber so
wenig Bemerkenswertes geboten worden, dass wir eine Um-
schau auf dem Wochenmarkt der nach Brot gehenden Kunst an
dieser Stelle vermieden haben. Mehrere Klubs haben mit Jahres-
ausstellungen posirt, ohne großen Eindruck zu machen, weil
das Publikum allmählich durch verwegene Atelierwitze ab-
gestumpft worden ist. Der Gurlitt'sche und der Schulte'sche
Salon leben in beständigem Wettkampf. Aber während der
erstere mehr mit Ausländern (Engländern, Franzosen, Belgiern,
Holländern) und deutschen Impressionisten und Mystikern
arbeitet, unter denen der „Eindrucksmaler" Lesser Vry das
Banner der nationalen Kunst am höchsten hebt, sind bei
Schulte mehr die Maler deutscher Abstammung vertreten,
obwohl der gewiegte Kunsthändler stets auch feine Kabinetts-
stücke italienischer und spanischer Maler bereit hält. Sie
finden immer noch Käufer, während die Bilder der Mit-
glieder des „Westklubs", der „Vereinigung der XI" und
anderer Konventikel wieder zumeist in die Atelierwinkel
hinabtauchen, nachdem sie drei Wochen das kritische Ober-
licht des Schulte'schen Hauptsaales genossen haben. In der
Ausstellung des „Westklubs" war das Hauptereignis eine
„Pastorale" betitelte Landschaft von Oskar Frenxel, in der
dieser treffliche Darsteller unseres breitgestirnten Weideviehs
den glücklichen Versuch gemacht hat, ein einfaches Motiv,
eine vor einer Baumgruppe auf einer Trift lagernde und
weidende Herde, so ernst und groß zu behandeln, dass man
einen Hauch von der stilistischen Landschaft zu spüren
meinte, deren Erinnerung längst verklungen ist. — In der
am 14. Februar eröffneten sechsten Ausstellung der „Ver-
einigung der XI", deren erste und zweite vor Jahren einen leb-
haften Streit der Meinungen hervorgerufen hatten, ist eigent-
lich nichts enthalten, was diesen Streit erneuern, die einen
erbittern, die andern zu lautem Enthusiasmus hinreißen
könnte. Max Klinger fehlt, und L. v. Hofmann ist nur
mit drei kleinen Bildern vertreten, anscheinend Entwürfen
zu Wanddekorationon oder Gobelins, die seine bekannte
Eigenart — nackte jugendliche Gestalten in phantastischen
Landschaften von dekorativer Färbung — von keiner
neuen Seite zeigen. Auch Max Liebermann bietet in einer
Reihe von Kreidezeichnungen, dem Bildnis eines jungen
Mannes, einer Weberei in Laren und einer Landschaft aus
demselben holländischen Orte (einer sich durch Wiesen hin-
ziehenden Allee) nichts, was er nicht schon besser oder,
vorsichtiger gesagt, für ihn charakteristischer gemalt hätte.
Übrigens hat er in Georg Mosson einen Nachahmer gefunden,
der ihm als Landschaftsmaler auf Schritt und Tritt folgt.
Einige andere Mitglieder der „Elf", die sich trotz ihres ent-
schiedenen Eintretens für alles Moderne von den Aus-
schreitungen der Tagesmode fern gehalten haben, haben sich,
wieder mehr vertieft und ihre Kraft auf ernstere Aufgaben
konzentrirt. So besonders Hans Herrmann, dessen „Ansicht
von Rostock" und „Markt in Wismar" wieder die volle,
unmittelbare Frische der Auffassung dieses trefflichen Kolo-
risten zeigen, Hugo Vogel, der von einer italienischen Reise
zwei köstliche farbige Partieen aus dem Parke der Villa
Torlonia in Frascati mitgebracht hat, und /. Alberts, dessen
„blühende Hallig" und „Kirschbaumblüte" durch ihre feine
Färbung und ihren fast poetischen Hauch in scharfem Gegen-
satz zu seinen sonstigen Kirchen- und Fischerstubeninterieurs
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