Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

Seite: 329
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Bücherschau.

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daran erinnern, sind im Porträt geliefert. Walter
Petersen, der immer das Damenbildnis mit Geschmack
zu behandeln wusste, aber nicht durch sonderliche Ori-
ginalität auffiel, vielmehr sich oft durch allerlei Galerie-
reminiscenzen recht unangenehm mit fremden Federn
schmückte, lässt dies bunte Kleid heute zu Hause und
versucht sich mit recht viel Geschick in der einfachen
Größe der Pariser Amerikaner, in dem auf einen einzigen
elfenbeingelben Ton gestimmten Damenbildnis. E. Heller,
der an dieser Stelle schon eingehend von mir gewürdigt
wurde, ist mit dem Bildnis einer Dame in Schwarz nicht
minder gut vertreten. Die Figur ist seelevoll empfunden,
und schon daran, wie der Künstler die linke Hand der Dame
auf die Stuhllehne legt, erkennt man sein gutes Ver-
ständnis für sein Modell. Man sollte, trotz Lenbach, die
Hände nicht außer acht lassen — freilich nur der, der
ein wenig Psychologe ist, — denn in der Hand hat man
oft den ganzen Menschen; eine geistlos angebrachte
Hand aber ist ebenso überflüssig, wie die in ihrer Charak-
teristik erfasste zur Wirkung beiträgt. — Von Figuren-
bildern ist sonst nicht viel vorhanden. F. Brütt giebt
in Ermangelung neuer Ideen eine Wiederholung seiner
bekannten Gerichtssaaldramen und Rocholl einen wilden
„Tscherkessenritt", Bilder, die sich in nichts von ihren
vielen Vorgängern unterscheiden. Otto Heichert, der sich
von der Poesie des Kleinbürgerstandes immer angezogen
fühlte, bleibt nach wie vor, trotz aller Anstrengungen,
modern zu sein, ein echter Düsseldorfer. Seine „Pfarr-
idylle" ist ein echter Sprössling der Vautierschule, nur
dass er unter der heutigen Sonne ein wenig lichter ge-
artet ist. Heichert hat diese Typen gewiss liebevoll studirt
und sie mit vielem Verständnis in ihrer Charakteristik zu
erfassen gewusst, aber wo bleibt die Freude am rein
Malerischen bei dieser spitzfindigen Charakteristiken-
häufung, die sich beinahe selbstbewusst ist. Zudem macht
die Technik einen mühsamen Eindruck und ist die Farbe
hart und tot. Bönninger's „Jakobs Traum" ist eine ein-
fache, nicht zu verzeihende Kopie des gleichnamigen
genialen Bildes E. v. Gebhardts. Bönninger, der nicht
zu jenen gehört, die wie Feldmann und Pfannschmidt
dem Meister in seiner Naturauffassung folgen, hat dies
nur aus zwei Figuren bestehende Bild, dessen originelle
Erfindung schon bei Gebhardt auffiel, schwach und
sklavisch abgeschrieben. Ein ebenso origineller wie
technisch geschickter Versuch ist BeckeratKs „Harpyie";
er lässt mit Spannung die kommenden Werke des
Künstlers erwarten. — Unter den Landschaftern fällt
vor allem Westendorp mit einigen kleinen Bildchen auf,
die die meisten der Ausstellungsbesucher wohl über-
sehen haben werden. Ein Künstler, der wenig malt
und nur der Kunst lebt, verfügt er über einen welt-
männischen Geschmack und hat etwas von jenem sub-
jektiven Naturempfinden, das ich oben besprach. Eugen
Kampf war kurz vor der Ausstellung mit einer vor-
trefflichen Kollektion vertreten, die hier erwähnt sein

möge. In der Lukas-Ausstellung hatte er ein poin-
tillistisches Bild, das an Manierirtheit grenzte und irre
führte. Jene Kollektion, deren Bilder technisch ebenso
geschickt wie harmonisch in der Naturauffassung und
koloristisch reif, zeigten, dass der Künstler in eine neue
Schaffensperiode eingetreten und neben Jernberg der
beste der jungen Landschafterschule ist. Otto, der dies-
mal, hoffentlich ist es kein Zufall, einen glücklichen
Wurf that, Dirks, Lins, Wansleben, Marschner, Lauch etc.
reihen sich ihm an. Dann sind noch die älteren Maler, die
zur jungen Kunst halten, die v. Bochmann, Dücker,
Mühlig zu nennen, deren Arbeiten aber gleich denen
von Brütt und Rocholl uns nichts Neues über ihre Schöpfer
zu sagen wissen. Und eins noch möchte ich nicht un-
erwähnt lassen, Schnitzler's „Frühstück". Als ich das
Bild sah, bedauerte ich lebhaft, dass der Maler sein
wirklich tüchtiges Können, das er noch dazu spielend
zu handhaben scheint, nicht längst, in diesem Maße
künstlerisch verwendet hat. Er ist, vielleicht infolge
seines Empfindens, durch die Düsseldorfer Atmosphäre
auf einen falschen Weg geraten, aber sein heutiges Bild
beweist in seiner plötzlichen Neuheit, dass er noch nicht
für die Kunst verloren ist. Ein Aufenthalt in Holland
würde ihm gut thun, da die rein künstlerische Bauern-
malerei seine spießbürgerlich-anekdotische läutern und
ihn zu einem künstlerischen Bauernmaler erziehen
könnte. — Gab es bei der „Freien Vereinigung" wenig
Neues, so giebt es dessen noch weniger in den
Sälen der „Genossenschaft". Der Anblick derselben
unterscheidet sich in nichts von dem, der einem alle
Tage dort geboten wird. Von dem ehrwürdigen Namen
Achenbach abgesehen, ist Kröner's „Hirschbild" das
Frischeste. E. Hunten, der sich bis zuletzt in seinen
kleinen Episoden eine für sein Alter bemerkenswerte
Frische erhalten hat, versagt diesmal in einem größeren
Schlachtenbilde die Kraft. Baur jr., der vor Jahresfrist
recht geschickt debutirte, hat sich nicht bewährt. Das
Ausbleiben der Landschafter Becker und Günther reißt
in die Ausstellung eine nicht zu ersetzende Lücke.

RUDOLF KLEIN.

BÜCHERSCHAU.

* Zur Erinnerung an den Professor Dr. August Haijcn,
einen um die Ästhetik und Kunstwissenschaft hochverdienten
Mann, der am 12. April 1797 in Königsberg i. P. geboren
war, ist im Verlage von EL S. Mittler & Sohn in Berlin
eine Gedenkschrift erschienen. Sie schildert eingehend
Leben und Wirken dieses Gelehrten, welcher mit unermüd-
licher Pflichttreue dahin strebte, Sinn und Verständnis für
Kunstschönheit in weiteren Kreisen zu wecken und zu pflegen,
und eine rastlose, verdienstvolle Thätigkeit für Kultur und
Geschichte Preußens entfaltete. Von seinen der Kunst ge-
widmeten Schriften hat die Sammlung Nürnberger Künstler-
geschichten „Norica" vor fünfzig Jahren großen Beifall ge-
funden.
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