Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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Die Graphische Ausstellung in Köln.

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willigung des Grafen von Württemberg zum Münsterbau
einholen müssen.11 Die Bebenhäuser Mönche trieben einen
großen Weinhandel und machten sich deshalb bei den
Bürgern der Stadt sehr unbeliebt. Manches wissen die
Chronisten von dem großen Weinkeller zu erzählen, der
jetzt noch besteht und dessen Eingang an der Valentins-
kapelle auf dem ehemaligen Münsterkirchhof ist.

„Und", heißt es bei Fabri „hatten die Mönche dort
einen großen Platz, weil noch keine Kirche der heiligen
Jungfrau existirte, noch der Kirchhof, noch das Tanz-
haus, noch die Kramläden." Der ganze Platz hinter
dem Chor des Münsters bis zur Valentinskapelle nebst
dem Schuhhaus, dem früheren Tanzhaus und dem Platz
davor, wo der Georgsbrunnen steht, bis zur alten
Stadtmauer war zur Zeit der Münstergründung ein
Besitz des Klosters Bebenhausen beziehungsweise der
Grafen von Württemberg und wurde nach und nach
von der Stadt erworben. Nur die Georgskirche blieb
stehen, deren Lage in unmittelbarer Nähe des Münsters
in einer Urkunde von 1381 bezeichnet ist: als „unser
frowen pfarrkirche zu Ulme in der stat by sant Georien
gelegen". Das scheint mir auch weiter ein Beweis zu
sein dafür, dass man mit dem Chorbau zuerst begann.

Bezüglich des Abbruchs von Häusern neben der
St. Georgskapelle steht uns gleichfalls eine Urkunde
vom 8. Oktober 1377 zu Gebot, worin es heißt: die
Münsterbaupfieger seien mit Meister Endres Kraft Kirch-
herrn zu St. Georienkapelle übereingekommen, wegen
der Hofraitin und Gesazze, auch wegen der jährlichen
Zinse aus den Häusern an dieser Kapelle, die man
abgebrochen hat zu der Pfarrkirche und für welche die
Pfleger nun Zinse abtreten, die unser Frauen gewesen.

Nach dem Vorstehenden ist wohl ersichtlich, dass
von einer älteren Kirche an Stelle des Münsters nicht
die Eede sein kann; weder bei den Chronisten noch in
den Urkunden des städtischen Archivs ist auch nur
das Geringste davon zu finden. Die alte Pfarrkirche
lag außerhalb der Stadt, in der Stadt selbst befanden
sich nur Klosterkirchen und Kapellen, und der Wunsch
der Bürger war wohl ein berechtigter, wenn sie infolge
der vergeblichen Belagerung ihrer Stadt durch Kaiser
Karl IV. sich rasch entschlossen, ihre Pfarrkirche in die
Stadt zu verlegen und ihr eine Ausdehnung zu geben,
die der damaligen Macht und Würde der Stadt entsprach.

MAX BACH.

DIE GRAPHISCHE AUSSTELLUNG
IN KÖLN.

Das Kölner Wallraf-Kichartz Museum hat eine
(von der Firma Bismeyer & Kraus in Düsseldorf zu-

1) Das ist nicht ganz richtig; denn in dem Vergleich
zwischen Württemberg und Ulm vom 3. April 1391 be-
schweren sich die Grafen von Württemberg, dass man ihre
zur Georgskirche gehörigen Häuser abgebrochen, um das
Münster zu erstellen.

sammengestellte) Ausstellung von Original-Radirungen
deutscher Künstler der Gegenwart veranstaltet, die
einen Überblick über das gegenwärtige graphische
Kunstschaffen ermöglicht. Der Katalog — dem ein
einleitendes Wort über die Technik und Entwicklungs-
geschichte der Eadirung von A. Kisa vorangestellt ist
— umfasst 12 Gruppen mit insgesamt 528 Nummern.
Unter den Künstlern dieser 12 Gruppen fallen haupt-
sächlich drei auf und seien sie, abgesehen davon, dass
sie die bedeutendsten sind, schon deshalb vorweg be-
sprochen, weil sie mit den Gruppen, denen sie eingereiht,
eigentlich nichts gemein haben: Stauffer-Bern, Klinger,
von Schennis.

Wenn man einen Blick über die Epochen der Kunst
wirft, so scheint es, dass sie als Malerei in Rembrandt
ihre höchste Blüte gezeitigt hat. Und dass nun gerade
er, dieser malerischste aller Maler, seine Sonnenunter-
gangskunst, die wie ein letzter Lichtstrahl aus einem
dunklen Walde wirkt, auch mit Vorliebe als Radirung
prägte, legt zur Genüge klar, dass dieselbe in erster
Hinsicht den rein malerischen Bestrebungen den weites-
ten Spielraum lässt, dann aber auch ist sie eine Kunst-
methode, die wie keine zweite es zulässt, Ideengruppen
zu gestalten, die zu kraus und inhaltsreich für die
Malerei sind; zu diesem Zwecke handhabte Goya be-
kanntlich die Radirung, wie seine Capriccio's darstellen.
Um so erstaunlicher aber ist es, dass gerade die beiden
hervorragendsten deutschen Radirer, Stauffer und Klinger,
absolut unmalerisch empfinden, und geborene Bildhauer
sind, die in den Tempeln der hellen Sonnenaufgangs-
kunst der Antike opfern. Dass aber Radirer sie sind,
hat einen bestimmten Grund: für Stauffer war die Radi-
rung nur ein Übergangsstadium zur Skulptur, er ver-
tauschte erst den Pinsel mit der Nadel, diese dann mit
dem Grabstichel und den schließlich mit dem Meißel,
und Klinger wählte sie eben, um die wilden Ranken
seiner Ideen binden zu können. Der dritte erst, von
Schennis, huldigt ihr aus der malerischen Freude an
Licht und Schatten als Lebenserzeuger. — Karl Slauffer-
Bern, den ein tragischer Tod allzufrüh der Kunst ent-
riss, ist und bleibt der größte Radirer, als solcher. So
sehr Klinger ihm gewiss gleichkommt, die eminente
Anpassungsfähigkeit der Technik an die jeweilige Form
bleibt ihm vorbehalten. — Im rein technischen Sinne
ist daher der kleine „weibliche Akt" das bedeutendste,
das die ganze zeitgenössische Radirung hervorgebracht
hat. Vor diesem zarten Körper vergisst man jede
Technik und empfindet das weiche Opalisiren des glatten
Frauenleibes wie eine körperliche Berührung. Daneben
dann die dämonischen Züge der Lydia Escher und die
sinnlich träumerischen der Eva Dohm, sie wirken wie
der Bronzeabguss einer meisterhaften Büste. Die fal-
tigen Züge der Dichter Freitag und Meyer versteht er
meisterhaft mit der eindringlicheu Stechertechnik des
Gaillard in die Platte zu graben. Kurzum, ein plasti-
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