Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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Hans Thoma's Kunstblätter.

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hauptsächlichsten Faktoren, wenn es sich darum handelt,
einem großen Künstler das Ewigkeitsprädikat „klassisch"
zu verleihen, bezeichnete er mit aller Bestimmtheit neben
dem persönlichen das nationale Moment. Auch die
Litteratur strebt nach nationalem Wert und Inhalt.
Halbe's „Jagend",. Hauptmannes „Versunkene Glocke",
auch Sudermann's „Morituri" enthalten sicher nationale
Qualitäten. Der starke Duft der eigenen Volksseele ist
die blaue Blume unserer Künstler. In der Malerei ist
es vielleicht am tiefsten ausgedrückt. Die fortschreitende
Emanzipation von den Franzosen hat ihr positives Seiten-
stück in dem Streben nach Nationalem gefunden. Da
nach streben die Worpsweder, danach streben ein Poetzel-
berger, ein Lugo u. a. Vor allem Thoma. Seine Kunst
war von jeher und ist heute noch die deutscheste, die
wahrste und ehrlichste. Sie ist frischer, herber und
tiefer als die kinderreine, süße und keusche Kunst
Ludwig Richter's, auch als die herrliche Eomantik
Schwind's.

Sucht man nach Vergleichen, so denkt man sofort
an Dürer, dessen Stiche und Schnitte Allgemeinbesitz
seines Volkes wurden, tausendfachen Segen, tausend-
faches Schönheitssehnen erregend. Sie waren wirklich
volkstümlich, und darum ging auch Thoma diesen Weg
zu seinem Volke. Seine „Kunstblätter nach eigenhändig
überarbeiteten Originallithographieen in Faksimile-Repro-
duktion", welche der altbewährte Verlag Breitkopf & Härtel
seit kurzer Zeit zum Preise von 2 M. für das Blatt in
den Handel bringt, sind herrliche Werke und wert des
Siegeszugs durch unser ganzes Volk.

Sie seien hier besprochen. Würdig eröffnet den
Beigen das „Bildnis eines Bauern". Ein gutes, abge-
arbeitetes, faltenreiches Gesicht, so knorrig wie der Obst-
baum dahinter, steht vor uns in packender Natürlichkeit
und Lebenswahrheit. Im Hintergrund pflügt ein anderer
Bauer, vielleicht der Sohn des alten, es winken das Dorf
und der heimatliche Wald. Alles so einfach und wahr.
Am Himmel ein paar Sommerwölkchen. Die Randleisten,
die den Kopf umgeben, sind wiederum ein herzerfreuendes
Werk. Die beiden Längsseiten füllen reiche Ähren,
die obere Seite schmückt die glänzende, alles belebende
Sonne, und auf der unteren bilden vier entzückende
Putti mit Krokus, Rose, Traube und einem schneebe-
deckten Tannenzweig in den Händen die Symbole der
vier Jahreszeiten.

Die Pracht und Kraft der Sommersonne lacht uns
entgegen, erblicken wir die „Quellnymphe". In den
kühlenden Born beugt sich ein feingezeichneter Jüngling,
um mit der Hand das Wasser aufzuschöpfen. Geflügelte
Genien, die Windgötter, treiben ihr loses Spiel mit dem
Haar der Nymphe. Über der blühenden Fülle der Wiese
hängen traumhaft dahingehende Sommerwolken.

Anselm Feuerbach wurde einst von einem Neunmal-
klugen gefragt, weshalb er mit so großer Vorliebe
Kinder male. Mit naivem Erstaunen in den stolzen

ernsten Augen antwortete der Künstler: „Ja, giebt es
denn etwas Schöneres?" Daran denke ich so oft, wenn
ich Thoma's Kinder sehe, die er so gerne in seinen
Werken anbringt. So vor allen Dingen in der „Engel-
wolke". Geflügeltes musizierendes Engelsvolk treibt
sich in der Wolke herum. Und ganz vorne fliegt eine
Taube, die ein kleiner Putto vergebens zu erhaschen
sucht, der Erde zu. Eine tiefsinnige Symbolik! Die
bei aller Lieblichkeit und Innigkeit der Darstellung-
herbe Zeichnung macht das Blatt zu einem der indivi-
duellsten und schönsten der Sammlung. Ganz altdeutsch,
wie Dürer und Cranach, ist die Stimmung des Paradieses,
in dem das erste Menschenpaar steht.

Heimatsselmsucht, alter Wonne Erinnerung dringt
uns zu Herzen, wenn wir die Großmutter erblicken, die
den schlummernden Enkel fest im Arme hält oder den
begierig lauschenden Kindern die alten Märchen erzählt
von Sneewittchen und den sieben Zwergen, von Rot-
käppchen, von Dornröschen, oder wenn sie warnt vor
dem Tückebold Rübezahl, der in der Gestalt des „Berg-
greises" vor uns zu treten scheint. Die stille herbe
Größe des „Hüters des Thaies", der da oben steht in
eiserner „fester Wehr und Waffen", zu dem das einsame
Lichtlein aus der Hütte unten so freundlich heraufstrahlt,
sie drängt den Vergleich mit Dürers Blatt „Ritter, Tod
und Teufel" auf, gegen das es kaum zurückbleibt. Da
ist noch ein anderes Bild aus jener Zeit: ein Ritter
reitet sicher, in Gedanken versunken durch das Land.
„Ich hab's gewagt'*» könnte unter dem Bilde stehen.
Oder es ist auch der liebe heilige Martin, der Helfer
der Armen, der zu einem guten Kampfe auszieht.
Auf einem Dornenzweig am Weg pfeift ein Vöglein
sein Lied, ein Blindschleichchen, das sich auf dem Steine
sonnt, sieht ruhig und klug blinzelnd zu dem Reiter
auf. Eine naive, holde Naturpoesie, wie auf den Tafeln
der Eyck's oder der deutschen Quattrocentisten!

Es giebt Gefühle, die so reich, so tief sind, dass
die WTorte für sie versagen; der erste Kuss von der Ge-
liebten, der Schmerz des Todes, das erste geschaffene
Werk; für all dies sucht man in Tönen Ausdruck. So
ist wohl dem „Geiger" zu Mute, der auf der Rasenbank
sitzt, das geliebte Instrument liebkosend an der Wange.
Die süßen Töne eines Volksliedes ziehen durch die Luft,
in ihm, um ihn ist alles Musik. Hinten schreitet lang-
sam ein Bauer mit der Sense zur Ernte. Ähnlich ist
der „Abend", der den Knaben an den leise dahinziehenden
Fluss gelockt hat. Versunken in sich lauscht er dem
weichen Duft seiner Flötentöne, umgeben von blühenden
Dolden. Drüben über dem Wasser Bäume, Wiesen,
heimisches rauschendes Erlengebüsch und über allem der
Traumwolkenhimmel einer süßen Mainacht. Bei diesem
sowie einigen anderen Blättern hat Thoma einen farbigen
Ton mit weißen Aussparungen angewandt. Die eigen-
artige, kräftige und schöne Wirkung der deutschen
Clair obscur-Blätter des 16. Jahrhunderts, eines Wechtlin,
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