Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 9.1898

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE.

HERAUSGEGEBEN und REDIGIRT

VON

ULRICH THIEME und RICHARD GRAUL

Verlag von seemann & Co. in LEIPZIG, Gartenstrasse 17.

Neue Folge. IX. Jahrgang. 1897,98. Nr. 1. 14. Oktober.

Redaktionelle Zuschriften nimmt ausser den beiden obengenannten Herausgebern auch Herr Dr. A. Rosenberg,
Berlin SW., Yorkstrasse 78jentgegen.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur ..Zeitschrift für bildende Kunst" und zum ,,Kunstgewerbeblatt" monatlich dreimal, in den Sommer-
monaten Juli bis September monatlich einmal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfasst 33 Nummern. Die Abonnenten der „Zeitschrift für bildende
Kunst" erhalten die Kunstchronik gratis. Für Zeichnungen, Manuskripte etc., die unverlangt eingesandt «'erden, leisten Redaktion und Verlags-
handlung keine Gewähr. Inserate, ä 30 Pf. für die dreispaltige Petitzeile, nehmen ausser der Verlagshandlung die Annoncenexpeditonen von Haasen-
ste'in"8< Vogler, Rud. Mosse u. s. w. an.

DIE BELGISCHE KUNST
AUF DER WELTAUSSTELLUNG ZU BRÜSSEL.

Mit der internationalen Industrie-Ausstellung zu
Brüssel war man bedacht, eine Abteilung für Kunst
zu verbinden. Aber schon wenn man den äusseren
Umfang in Rechnung stellt, nimmt man wahr, dass
er hinter der vorjährigen internationalen Kunstaus-
stellung in Berlin sehr erheblich zurückbleibt; die Aus-
stellung zählt sogar nicht einmal so viel Nummern als
der diesjährige Pariser Salon. Immerhin ist die an
sich ansehnliche Anzahl von 2223 Kunstwerken zu-
sammengekommen; davon entfallen 788 auf Belgien,
787 auf Frankreich, 205 auf England, 225 auf die
Niederlande, 92 auf Italien und 105 auf die inter-
nationale Sektion.

Man könnte sich nun wohl mit einer solchen
Serie von Nummern zufrieden geben, wenn dem nur
der intellektuelle Wert entspräche. Doch dem ist im
allgemeinen leider nicht so, und wir begnügen uns
deshalb mit einer Charakteristik der belgischen Kunst,
so weit die Ausstellung das Material dazu bietet.

Wer die Bewegungen auf dem internationalen
Kunstmarkt verfolgt hat, weiss, dass die belgischen
Künstler sich eine achtunggebietende Stellung auf ihm
erworben haben. Ihr Ruf ist vollends unbestreitbar,
seitdem sie in letzter Zeit auf den Ausstellungen in
Berlin (1896), in Dresden, in München, in Venedig,
in Paris beneidenswerte Lorbeeren errungen haben.
Was Wunder, wenn man nach Brüssel in der An-
nahme geht, hier den Gipfel der belgischen Kunst zu
sehen. Doch welche Enttäuschung bietet sich dem
Besucher! Statt des Niederschlags der höchsten künst-
lerischen Bestrebungen sehen wir mit wenigen Aus-

nahmen nur landläufige Durchschnittsware; aber zu
deren Ruhme sei es gesagt: Wir befinden uns auf
einer Ausstellung des menschlich Erkennbaren. Nichts
oder wenig aus dem Reiche des Symbolismus. Nicht,
dass es keine symbolistischen Maler mehr gäbe, die
jüngere belgische Schule ist vielmehr eine wahre Brut-
stätte solcher. Aber eine weise Jury, die deshalb viel
angefeindet worden ist, hat die Entarteten des Maler-
geschlechts fürsorglich fern gehalten, während sie nicht
umhin konnte, und dies spricht in gewissem Sinne
für ihre Unparteilichkeit, dem gemässigten Impressionis-
mus das Thor zu öffnen. Ganz in unserem Sinne.
So ist denn wenigstens hierdurch verhindert worden,
dass stümperhafte Leistungen Aufnahme gefunden
haben, aber über eine gute Mittelmässigkeit ist man
selten hinausgekommen. Eine Ausnahme machen vor
allem die Bildhauer, die den Malern in der Beherrschung
der Form weit über sind, eine Thatsache, die auch
den wirklichen Verhältnissen, wie sie in dem Gesamt-
bild der belgischen Kunst anzutreffen sind, völlig ent-
spricht.

Wo aber, wird man mit Recht fragen, sind nun
die vielgerühmten belgischen Künstler? Auch sie sind
hier meist vorhanden oder mit Werken vertreten, die
nicht ihre Ruhmestitel ausmachen, diese vielmehr weilen
eben zum Teil auf jenen obengenannten Ausstellungen,
zum Teil haben sie andere Bestimmung gefunden, sei
es als öffentliche Monumente, sei es in Staats-, Stadt-
oder Privatgewahrsam. Künstlerisch am wertvollsten
ist die Elfenbeinplastik auf der Kongoausstellung in
Tervueren, die ich im Septemberheft der „Zeitschrift"
/um Gegenstand der Betrachtung gemacht habe. Mit
ihr kann die ürossplastik auf der Brüsseler Ausstellung
nicht konkurriren, noch weniger aber in idealer Hin-
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