Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 9.1898

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Die Böcklinatisstellung zu Basel.

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eine der späteren Redaktionen des Themas von 1868
(Zürich, Schwarzenbach). Früher und viel düsterer
in der Stimmung ist die „Ruine am Meer«, ein grosses
Breitbild (Darmstadt, v. Heyl). An die Schacksche
Sammlung werden wir weiterhin erinnert durch einen
„Anachoreten" und eine „altrömische Weinschenke"
(beide Basel, Preiswerk-Ringwald), die letztere von
eigentümlich feiner, graulicher Färbung. Ebenfalls aus
Baseler Privatbesitz (Merian-Isclin) stammt ein >; Petrarca,
an der Quelle von Vancluse" (1867), mit reizvollem
Ausblick auf eine sonnige Wiese, aber doch gedämpft
im Licht. Man begreift, wie gleichzeitig die graue
„trauernde Magdalena" (Basel, Museum) entstehen
konnte; auch das Porträt dieser Periode, das zahlreich
vertreten ist, hält sich in feinen grauen Tönen. Böcklin
macht eine ähnliche Entwicklung zum Grauen durch
wie Feuerbach, aber es ist für ihn nur ein Übergang.
Mit den siebziger Jahren kommt plötzlich die Farbe,
stärker als er sie je gehabt hatte und in unerhörten
Kontrast-Verbindungen auftretend. Wie ein helles
Trompetensignal klingt die „Muse des Anacreon"
(Aarau, Kunstverein) aus ihrer Umgebung heraus,
ein Prachtbild ersten Ranges, wo das mächtige Rot
und Blau nur die Begleitung zu der sprühenden
Kraft des Auges ist. Wie aus der „toscanischen Villa«
der Gartenhalle Sarasin (übereinstimmend mit dem
Bild in der Schackgalerie) die „ideale Frühlingsland-
schaft" (bei Schack) wird, wo der gedämpfte Ton
durch die lebhafteste Farbe ersetzt ist, so werden aus
der abendlich wolkigen Landschaft mit dem „ Cjang
nach Emmaus" (Gartcnhalle Sarasin und Schack) die
mittagshellen „Maurenzüge". Rote Mäntel erscheinen,
sonniges weisses Gemäuer, Blutbuchen, herbstliches
Goldlaub. Aus dem Besitz des Herrn La Roche-Ring-
wald (Basel) findet man einen solchen Trupp roter
Krieger, der auf glühender staubiger Strasse am Hügel
emporreitet (1871), und das ist nur ein Vorspiel zu
der Farbenpracht des Maurenzuges von 1873 (Luzern,
Kunstmuseum). Aus demselben Jahre besitzt die
Baseler Sammlung den „Kentaurenkampf", eine der
bedeutendsten Äusserungen von Böcklins Geist, gleich
gewaltig in der Linie wie in der Farbe. Ein ganz
abweichender Entwurf dazu (aus Baseler Privatbesitz)
ist ebenfalls ausgestellt, von köstlicher silberiger Stim-
mung, „wie ein Paolo Veronese«. Silberig ist auch
die „Venus Anadyomene« des Herrn v. Heyl (1873),
die leicht wie ein Wölkchen aus dem Meer sich hebt.
Anderes übergehend muss ich die „blumenstreuende
Flora« (Berlin, v. Reth), an der man sich nie satt sieht,
schon darum erwähnen, weil ihr eine Umzeichnung
Böcklins beigegeben ist, die die Figur — in Lebens-
grösse — als Glasgemäldc behandelt, einfach und
stilvoll, dass man wohl wünschen möchte, sie einmal
so ausgeführt zu sehen (Wiesbaden, Weidenbusch).
Nach der Mitte der siebziger Jahre kommt die

Abklärung ins Einfache, Feierliche. Es ist die Zeit, wo
Böcklin nach zehnjährigem Aufenthalt im Norden (Basel
und München) wieder nach Italien übersiedelt und in Flo-
renz seinen Wohnsitz aufschlägt. In der Farbe und in der
Linie beschränkt er sich auf das ganz Wenige, um der
Wirkung die höchste Kraft zu sichern. So ist „Odysseus
und Kalypso" komponirt, er blau, sie rot, sonst nichts
als brauner Fels, grauer Himmel und graues Meer.
Die Silhouette des Odysseus aber besitzt eine Energie
der Wirkung, die früher ihresgleichen nicht hat. Und
so ist die „Muse" des Herrn v. Heyl (fiovaa asfivrj)
sitzend, fest sich umhüllend, eine strenge Vertikale vor
leuchtend blauem Himmel. Vergleicht man damit die
Klio von 1875 (Mannheim, Ladenburg), so erscheint
ihre Schönheit weich neben solch herber Monumen-
talität. Auch in der Landschaft wird Böcklin einfacher
und stiller, und die ruhige Klarheit der Scene ruft
ganz von selbst den Gedanken des Heiligen hervor.
Gefilde der Seligen sind alle die märchenhaft glänzen-
den Frühlingslandschaften dieser Zeit, und die feier-
liche Prozession der weissgekleideten Feueranbeter im
Opferhain (Basel, Museum) ist eine von den Staffagen,
die ganz notwendig aus dem Geist des Ortes sich ent-
wickelt zu haben scheinen. Leider fehlt der Ausstellung
eine „Toteninsel", dafür hat Heyl seinen „Prometheus"
geschickt.

Und nun kommt noch einmal eine Überraschung.
Betritt man den dritten Raum der Ausstellung, so
prallt man förmlich zurück vor der Pracht des üppigsten
Kolorits. Es ist, als ob eine unbändige Freudigkeit
über den alternden Meister gekommen wäre, die sich
in Farbe Luft machen musste. Wenn man von der
„Baüernblumenpracht" bei Böcklin gesprochen hat, so
gilt dieses Wort ganz besonders von dieser letzten
Periode. Sie beginnt etwa mit der Mitte der achtziger
Jahre. Es war damals, wo er die Heimat wieder auf-
suchte und in Zürich mit Gottfr. Keller zusammen-
sass. Was er malt, ist jetzt alles sinnlich-prächtig, die
elegische Stimmung schwindet, selbst in der „Heim-
kehr" (v. Heyl, 1888) wirkt die abendliche rote Herbst-
landschaft doch nur wie verhaltener Jubel. Und was
soll man erst sagen von dem brennenden Schloss mit
der riesigen Brücke und dem unergründlichen Purpur-
glanz des Meeres (Gross-Lichterfelde, Steinbach, 1886)
oder dem Baseler Najadenbild (1886), wo das Gekreisch
der Weiber in den hochaufspritzenden Wellen in Farbe
umgesetzt erscheint! Daneben geniesst man die un-
widerstehliche Komik der „Meeresidylle" von Herrn
Mylius (Basel), mit der seltenen Stimmung des be-
deckten Mittagshimmels über glatter Fläche. Auch die
„Susanna im Bade" ist da, zum Ärger vieler Besucherin-
nen, die sich nicht klar machen, wie unschuldig das
Bild eigentlich ist. Diese letzte hochfarbige Periode ist
vielleicht am besten von allen repräsentirt. Von dem
»Kentauren in der Schmiede« (1886) und dem reizen-
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