Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 9.1898

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Bücherscliau. — Kunstblätter. — Nekrologe. 42

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Denkmals-Skizze so kräftig heraus, dass sich dem Be-
schauer sofort die Überzeugung aufdrängt: dieser und
kein anderer! Und diesem Ausdruck entspricht die
ganze Haltung des Mannes: gebieterisch, zum Äusser-
sten entschlossen, furchtlos und majestätisch ohne die
leiseste Spur von theatralischem Pathos! Mit der
Linken, die den Griff des Pallasch umklammert, hält
er diesen weit vom Körper an den straff gespannten
Riemen ab, während die Fingerspitzen der Rechten
auf ein Schriftstück gestützt sind, das über einen Baum-
stamm gebreitet ist. Man möchte an eine bestimmte
Situation seines Lebens denken, etwa an seine Ver-
handlungen mit den Delegirten der republikanischen
Regierung, wo der »schreckliche" Mann mit dem
Grimm eines Löwen jeden Gegner niederschmetterte,
der etwas von Elsass und Lothringen abhandeln wollte.

Jede allegorische Zuthat würde den mächtigen
Eindruck der Statue nur schädigen, und sie würde
auch entbehrlich sein, wenn man sich in letzter Stunde
doch noch für einen anderen Platz entschlösse. Die
Aussichten dazu sind, wie gesagt, sehr gering. Aber
wenn es der Presse jetzt verwehrt wird, ihre Stimme vor
der Entscheidung in einem Wettbewerb mit abzugeben,
soll sie wenigstens nicht schweigen, wenn sie vor
einem verhängnisvollen Entschluss warnen zu müssen
glaubt. ADOLF ROSENBERG.

BÜCHERSCHAU.
Max Lehrs, Arnold Böcklin. Hin Leitfaden zum Ver-
ständnis seiner Kunst. München, Photographische Union.
1897.

Doppelt gesegnete Herbsttage sind es heuer für den
greisen Meister, den grössten Maler des Jahrhunderts, für
Arnold Böcklin, der in seiner pinienumschatteten Villa in San
Domenico den siebzigsten Geburtstag feiert. Reich und viel-
tönig ist der jubelnde Dank derer, denen seine herrliche
Kunst eine Welt von Freude und Schönheit geschenkt. Und
gross werden auch die Festgaben sein, die das Jubiläum dem
Meister beschert. Eine der schönsten und erfreulichsten,
weil sie aus dem freudigen begeisterten Herzen eines fein-
fühlenden Künstlermenschen stammt, ist Max Lehrs „Leit-
faden", wie ihn der Verfasser selbst so bescheiden nennt. Gäbe
es doch viele solcher „Leitfaden", die dem Nichtsehenden
den Schleier von Augen und Seele reissen und ihn Schön-
heiten schauen lassen, die er zuvor nur dunkel geahnt und
jetzt so voll erfasst und geniesst. Es ist ein wirklicher
„Leitfaden", dieses einfache und dabei so vornehm ausge-
stattete Büchlein, für jeden, der die Böcklinausstellung in
Basel besucht, für jeden, der vor ein Bild des Meisters tritt. Die
Offenbarungen Böcklin'scher Kunst lehrt der Führer schauen
und erfassen, denn Böcklins Kunst, [so sehr und allgemein im-
pulsiv sie den naiven Kunstfühlenden zu erfassen vermag, sie
bedarf doch einer liebevollen Erhöhung, einer Erziehung zu sich.
Und von diesem Bedürfnisse aus ging Lehrs. Das Philistertum,
unser charakteristisches biedermaierisches Erbübel, das unser
Volk in seiner Totalität hinter fast allen Kulturnationen
zurückstehen lässt, was künstlerische Empfindungsfähigkeit
betrifft, dieses entsetzliche Hemmnis einer allgemeinen künst-
lerischen Entwicklung, dem andererseits die herrlichsten Kunst-
werke, wie sie wiederum kein Volk in dieser Macht und Zahl

hervorgebracht hat, gegenüberstehen, bekämpfend wendet sich
Lehrs, zugleich mit Benutzung Lichtwarkischer Gedanken an
die Frauen, „welche die im Museum empfangenen Eindrücke
heimtragen ins Haus, in die Familie", und welche als Mütter
so viel verhüten können schon beim Kinde, indem sie es
zur wahren Schönheit führen, und sich hüten, es mit dem
grotesk-verzerrten „Struwwelpeter", Meggendorfer, oder mit
den scheusslichen Verballhornisirungen unserer keuschen,
schlichten Märchen von der Kunst wegzureissen. Führer zur
Kunst haben wir doch so viele. Neben Lionardo, Dürer
und Rembrandt tritt Böcklin, der doch der Unsere ist. Und
Böcklins Kunst schildert uns Lehrs in anschaulicher, enthu-
siastischer und liebenswürdigerweise,die jeden Empfindenden
erfasst. Er enthüllt ihre grosse Freudigkeit, ihre Kraft und
tiefe Schönheit, ihre eminent persönliche Stellung zur Na-
tur, ihre rein künstlerischen Qualitäten. Freudig ist das kleine
schöne Buch geschrieben und ebenso zu wirken ist sein Zweck,
den es sicher erreichen wird. braun.

KUNSTBLÄTTER.

Augsburg. — Der Photograph F. Hoefle in Augsburg
hat zwei neue Serien von Aufnahmen aus der Stuttgarter
Kunst- und Altertumssammlung sowie der Galerie in Donau-
eschingen veröffentlicht.

NEKROLOGE.

* „ * Der frühere Archivdirektor Dr. David von Schön-
herr, der sich um die Erforschung der Kunstgeschichte Tirols
grosse Verdienste erworben hat, ist am 19. Oktober in Inns-
bruck im Alter von 75 Jahren gestorben.

Louis Gurlitt f. Am Sonntag den 19. Oktober ist in
Naundorf bei Schmiedeberg, wo er die letzten Jahre im
Sommer zu leben pflegte, der Professor Louis Gurlitt, der
älteste deutsche Landschaftsmaler unserer Tage, gestorben.
Gurlitt wurde in Altona am 8. März 1812 geboren. Seinen
ersten Unterricht in der Kunst empfing er bei Gensler in
Hamburg. Mit sechzehn Jahren trat er dort in die Maler-
schule von J. Bendixen ein, dem er während einer vier-
jährigen Lehrzeit bei seinen Dekorationsmalereien half.
Hierauf wandte er sich der Porträtmalerei zu und besuchte
in Kiel vorübergehend die Gips- und später die Modell-
schule der Akademie. Zur Fortsetzung seiner Studien begab
er sich nach Kopenhagen, wo er unter dem Einfluss der
dort herrschenden Schule Naturalist wurde, nachdem schon
früher Morgenstern und Dahl auf ihn eingewirkt hatten. Er
blieb nun längere Zeit in Kopenhagen und machte Ausflüge
in die dänische Landschaft und nach Schweden und Nor-
wegen. Seine erste grössere Reise führte ihn über München
nach Oberitalien. Hierauf kehrte er nach Kopenhagen zu-
rück, wo er einige Jahre lang blieb und Mitglied der
Königlichen Akademie wurde. Im Jahre 1843 finden wir
ihn in Düsseldorf und bald darauf in Unteritalien, wo
er für seine nachfolgenden Bilder zahlreiche Motive sam-
melte. Nach seiner Rückkehr lebte er vorübergehend in
Berlin und hielt sich dann drei Jahre lang auf dem
Gute eines Kunstfreundes in Neschwitz auf. Im Jahre
1851 siedelte er nach Wien über. Hier lernte er den Dichter
Friedrich Hebbel und den Physiologen Brücke kennen und
schloss sich ihnen in inniger Freundschaft an. Indessen
trieb ihn die Wanderlust auch von Wien fort. Er begab
sich wieder auf Reisen nach Italien und Griechenland, und
lebte dann' seit dem Jahre 1859 in Siebleben bei Gotha in
einer ihm vom Herzog von Koburg-Gotha eingeräumten Villa
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