Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 9.1898

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Korrespondenz

aus Venedig.

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druck geistvoller Skizzen machen, die der hochbegabte
Künstler in glücklichen Schaffensstunden ohne ge-
waltige Kraftanstrengung auf die Leinwand geworfen
hat. Lassen wir das selbstbewusste Fräulein beiseite,
das in halber Figur links auf einer grossen Lein-
wand erscheint, wo rechts, man weiss nicht recht in
welchem Zusammenhange, ein Meeresstrand mit toben-
den Wellen sichtbar wird, an dem sich melancholisch
sinnend ein weisser Pudel — vielleicht the favorite
one des Fräuleins — ergeht. Weit tüchtiger ist eine
Hirtenscene aus den Bergen, einfach und wahr em-
pfunden, kraftvoll vorgetragen wie eine Erfindung
Michettis, und das „Meervergnügen" nähert sich noch
mehr der freien Vollendung, welche endlich in einer
Lagunenschilderung erreicht ist. Diese letztere ist
schon gegenständlich ansprechender als die Gruppe
badender Männer und Frauen mit einem lustigen
Knabenreigen im Stile Feuerbachs im Vordergrunde.
Es ist kurz nach Sonnenuntergang, und der gebräunte
Schiffer fährt auf seiner Gondel heim, welcher er mit
all der elastischen Kraft, die einem venezianischen
Gondoliere eigen, den Weg durch die Fluten bahnt.
Vor ihm auf der Bank sitzt ein singendes Kind, schlecht
gezeichnet, in knallrotem Kleidchen und doch eine
ebenso poetische Schöpfung, wie der Fischer selbst.
Es fehlt dem Wasser an Durchsichtigkeit, die Beleuch-
tung kann man an klaren Herbstabenden auf der La-
gune weit wärmer und glutvoller sehen, und doch ist
das Ganze so zart empfunden, so sicher und genial
entworfen, dass es immer wieder aufs neue die be-
wundernden Blicke auf sich zieht.

Ciardi, der Vater, ohne Zweifel der genialste
der venezianischen Landschaftsmaler, hat in einer seiner
gewöhnlichen Alpenscenerien die Höhe seiner Kunst
nicht erreicht. Die grellen, sonnenglühenden Kalk-
felsen über dem dunkelgrünen im Abendschatten
ruhenden Gebirgsdorfe beleidigen das Auge; aber
eine Vedute Venedigs,- von S. Maria della Salute aus
aufgenommen, hätte selbst Canaletto nicht empfindungs-
reicher schildern können. Welch eine Harmonie in
der ruhigen lichtblauen Färbung von Wasser und
Himmel! Welch ein friedevolles Hinsterben des Tages,
der seine letzten Grüsse noch zum Campanile von
San Marco hinaufsendet. •

Man muss sich überhaupt an die Landschafts-
maler halten, will man die Künstler Italiens in ihren
tüchtigsten Leistungen kennen lernen. Millo Bortolu-
luzzi hat in seinem Sonnenuntergang eben die Stim-
mung zum Ausdruck gebracht, nach der Ciardi in seiner
Gebirgsscene vergeblich suchte. Das Meer und das Ge-
birge bietet den Malern unerschöpfliche Motive, aber
auch die melancholischen Reize des Flachlandes, der
Steppe, der Sumpfgegenden hat man in Herbst und
Winter, in Frühling und Sommer wiederzugeben ver-
sucht.

Sartorelli schildert in etwas kalten Tönen die
ruhevolle Einsamkeit der Gebirgsseen im leuchtenden
Sommerlicht, Miti-Zanetti enthüllt mit viel kraftvollerem
Pinsel die schwermütige Poesie einer Malaria-Gegend,
wo die ärmlichen Strohhütten sich kaum über das hohe
Gras und das stille Wasser erheben, in dessen un-
bewegtem Spiegel das falbe Licht des Abends wider-
scheint.

Der Florentiner Fragiacomo malt in der „Abend-
dämmerung" mit zarten Farben und feiner Em-
pfindung eine anspruchslose Flachlandschaft, die ein
Kanal durchzieht, und Domenico Mazzoni hat in
jugendlich befangener Technik, aber mit peinlichster
Sorgfalt ein ähnliches Thema behandelt. Wie seine
Florentiner Landsleute überhaupt, so zeichnet sich auch
Pattori durch eine gewisse Nüchternheit, durch scharfe
Konturen in der Zeichnung und durch grosse Ge-
wissenhaftigkeit in der Detailausführung aus, aber die
grossartigen Steppenlandschaften, die man im Früh-
jahr in Florenz bewundern konnte, sind ihm doch
besser gelungen wie die etwas trockenen Schilde-
rungen von Pferdemärkten und Soldatenübungen.

Die Mailänder stehen zum Teil unter dem Zeichen
des Giovanni Segantini, dessen etwas kalte Gebirgs-
scenerie in der gewohnten Mosaik-Technik ausgeführt
ist. Als sein talentvollster Nachfolger giebt sich
Grubicy de Dragon in drei kleinen Ölgemälden zu
erkennen, die den Winter in Miazzina schildern. Bel-
loni wandelt seine eigenen Wege und sein „Meeres-
wüten« gehört zu den besten Stücken der Ausstellung.
Nicht minder selbständig tritt Grosso auf, dessen
Porträt eines kleinen Mädchens, das mit furchtsam-
neugierigem Blick eben aus einem Hortensiengebüsch
hervortritt, wie alle neueren Arbeiten des talentvollen
Lombarden, etwas zweideutiges hat.

Eine Scheidung der italienischen Schule in Grup-
pen wäre sehr angebracht gewesen, ist aber leider
nicht einmal im Katalog angedeutet. Und doch tra-
gen die Florentiner einen ebenso individuellen Cha-
rakter wie die Lombarden, die Neapolitaner wie die
Venezianer. Aber doch nur von den letzteren erhält
man ein einigermassen vollständiges Bild, wie man
es im Frühjahr in Florenz von der Florentiner Schule
erhalten konnte. Die Stärke der Venezianer liegt in
der Landschaft, hier lassen sich neben Ciardi, Tito
und Bertoluzzi noch Marius de Maria und Guido
Grimani nennen, von denen der erstere eine neapo-
litanische Landschaft, der letzte eine vortreffliche Ma-
rine ausgestellt hat.

Religiöse Darstellungen wollen nicht nur den
Italienern nicht mehr gelingen, alle Versuche nach
dieser Richtung in der ganzen Ausstellung sind ver-
fehlt. Die vielbewunderte „Madonnina« Ferruzzis, um
nur das erträglichste zu nennen, ist nichts anderes
als ein hübsches venezianisches Modell in sentimen-
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